DZ-Bank Frankfurt

Schafe weiden auf einem leeren Acker

Im Art-Foyer des Geldinstitutes drehen sich 60 Bilder von 18 Künstlern aus 8 Ländern um Ideal und Ideologie, Abstraktion und Ausbeutung der Natur.

Von Christian Huther

Die Kutsche verschwindet jeden Moment aus dem Bild. Andrej Krementschouk hat sie nicht ins Zentrum, sondern an den rechten Rand seines Fotos gerückt. Auch Elger Esser täuscht ein ideales Bild nur vor. Er fotografierte einen englischen Garten in der Nähe von Rom, druckte das Motiv mit pigmentierter Tusche auf Aluminium aus und überzog es mit Schellack – fertig ist das scheinbare Altmeister-Gemälde. Und Beate Gütschow lässt am Rand ihrer Waldbildes die technischen Angaben gut sichtbar stehen. Das Foto ist ein Foto und keine Idylle.

Die drei Fotografen zeigen, dass sie nicht einfach nur die Natur abbilden, vielmehr ihre Gefühle und Gedanken mitteilen wollen. Damit lehnen sie sich an die traditionelle Malerei an. Immerhin gilt die Landschaft schon seit 500 Jahren, als sie sich vom bloßen Hintergrundmotiv emanzipiert hat, auch als eine

Seelenlandschaft

. Der Künstler malt mit der Natur zugleich seinen seelischen Zustand. Freilich haben die Fotografen heute andere technische Möglichkeiten, mit denen sie spielen können.

„Die Idee der Landschaft“ lautet denn auch der Titel, unter dem die Frankfurter DZ-Bank-Kunstsammlung in ihr Art-Foyer einlädt. Sie zeigt von 18 Künstlern rund 60 Fotos aus den letzten 50 Jahren. Sammlungsleiterin Christina Leber hat die Schau, bis 5. September innerhalb der „Ray“-Fototriennale laufend, in vier Kapitel eingeteilt, um die unterschiedlichen Herangehensweisen deutlich zu machen.

Auf die eingangs erwähnten „Idealen Landschaften“ folgen die „Ideologischen Landschaften“ – die es natürlich nicht gibt. Doch Stephan Schenks Fotos lassen ahnen, was Christina Leber meint. Der in der Schweiz lebende Deutsche hat Nahaufnahmen von Orten gemacht, an denen im Ersten Weltkrieg Schlachten tobten. An dieser Erde, an der einst Blut klebte, ist freilich nichts Gruseliges mehr. Vielmehr künden Äste, Steinchen und Laub vom Verrinnen der Zeit.

Doch Schenk hat aus den Fotos große Wandteppiche in Schwarz-Weiß anfertigen lassen. Solche Teppiche mit siegreichen Schlachten schmückten einst die Wände von Schlössern und Bürgerhäusern. Heute ist nicht nur der Erste Weltkrieg als Katastrophe in die Erinnerung gebrannt.

Das dritte und nicht weniger problematische Kapitel ist der Ausbeutung der Natur gewidmet, wie etwa Lothar Baumgartens Bild aus dem Regenwald der späten 70er Jahre zeigt. Zur selben Zeit streifte Heinrich Riebesehl durch die niedersächsischen Agrarlandschaften und lichtete sie mit skurrilem Humor ab: Bei ihm weiden Schafe auf dem abgeernteten Acker, nicht auf der Wiese. Und die Kohlernte mit ihren aufgestapelten Holzkisten sieht von fern wie eine verwahrloste Hochhaussiedlung aus. Selbst die Traktoren und Maschinen scheinen mit ihren bizarren Greifern ein kurioses Eigenleben zu führen.

Bleibt noch das vierte und schwierigste Kapitel der Schau, das sich mit „Abstraktion und Analyse“ beschäftigt, also mit dem fotografischen Abbilden und dem menschlichen Wahrnehmen. So führt Detlef Orlopp den Betrachter in die Irre mit seinen Schwarz-Weiß-Fotos von Gebirgen, Gletschern und Gewässern. Die sind nämlich nicht durchweg Nahaufnahmen, einige sind leicht gedreht oder komplett auf den Kopf gestellt. So sieht ein Gebirgsbach wie eingefroren aus, Gletscher hingegen scheinen regelrecht zu schmelzen. Mit dem Drehen der Abbildungen purzelt die Wahrnehmung durcheinander.

Mit einem einfachen Trick zeigt uns das auch Luigi Ghirri an zwei Fotos der Bucht von Bari aus dem Jahr 1986. Bei der tagsüber aufgenommenen Ansicht kommt das Licht von hinten und legt einen dunklen Schleier über Bucht, Felsen und Häuser. Bei Nacht wiederum kommt das Licht von vorne, denn die Bucht ist illuminiert. Doch das Licht ist derart gleißend, dass vieles nicht mehr klar zu erkennen ist. So wirken die beiden Aufnahmen wie Positiv und Negativ eines Farbfotos.

Art-Foyer, DZ-Bank-Kunstsammlung, Frankfurt, Cityhaus I, Friedrich-Ebert-Anlage. Bis 5. September. Geöffnet dienstags bis samstags 11–19 Uhr. Freier Eintritt.

Telefon (069) 74 47 23 86.

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