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Almut Hein ist an der Frankfurter Oper für alles zuständig, was hinter den Kulissen passiert.

Serie

Almut Hein: In der Schaltzentrale der Oper

In einer Serie stellen wir Ihnen in den kommenden Wochen Frauen vor, die mit ihren Charakterköpfen Theater, Oper, Film und Kunst in der Rhein-Main-Region beeinflussen. Heute: Almut Hein, Künstlerische Betriebsdirektorin und Stellvertreterin des Intendanten der Oper Frankfurt.

Kein Zweifel: Wer an diesem Schreibtisch in der Oper Frankfurt sitzt, muss überragende Multi-Tasking-Fähigkeiten besitzen. Nachrichten ploppen im 30-Sekundentakt am Computer auf, Personalordner des Ensembles harren intensiver Pflege, während sich Telefonklingeln in schönster Regelmäßigkeit aufdrängt und aus der hausinternen Sprechanlage eine zwar freundliche, aber sich doch in Wiederholungsschleife befindliche Männerstimme Mitwirkende auf die Probebühne bittet. Ein Glück nur, dass der Riesenbildschirm an der Wand, der Live-Aufnahmen beider Bühnen-Monitore überträgt, bisher nur Standbilder anzeigt. Mag man meinen.

Rasantes Tempo

Nicht so scheint aber die Frau zu denken, die in dieser beeindruckenden Schaltzentrale der Oper Frankfurt sitzt. Eine Frau, die sich trotz ihres hohen Titels gerne im Hintergrund hält: Almut Hein. „Ich will da sein für das Haus und fühle mich zuständig für das, was hinter den Kulissen geschieht. Das ist keine typisch weibliche Eigenschaft, sondern eher ein Charakterzug von mir“, fügt sie bescheiden hinzu. Dazu passt, dass sie es ausdrücklich genießt, auch abends im Haus zu sein, entweder in einer Probe oder in einer Vorstellung. „Oft arbeite ich an meinem Schreibtisch und kann die Aufführung über Lautsprecher, die sich in allen Büros befinden, verfolgen.“

Von hier aus lenkt die lebendige Ostfriesin seit gut 16 Jahren sensibelste, künstlerische Geschicke des Hauses, verhandelt Gastverträge mit Dirigenten und Sängerstars, regelt Urlaube und erstellt, nach klaren Vorstellungen von Bernd Loebe, gemeinsam mit dem Chefdisponenten und künstlerischem Produktionsleiter Dirk Rehkessel Jahres-, Monats-, Wochen- und Tagespläne. „Ich will einfach, dass es läuft“ und „Ich bin sehr kritisch“ sind die beiden Sätze, die sie oft wiederholt. Mindestens so beeindruckend wie ihr Arbeitspensum ist das rasante Tempo, mit der Almut Hein berichtet, und der trockene Humor, den sie sich inmitten ihrer turmhoch anstauenden Aufgaben bewahrt hat: „Der Lappen muss hochgehen“ ist so eine typisch ironische Aussage von ihr. Soll bedeuten: Die wichtigste Aufgabe für sie, genau wie für alle anderen Mitarbeiter der Oper Frankfurt, ist die jeweilige Abendvorstellung. Aber – und jetzt wird es kompliziert: „Genauso wichtig kann es sein, am gleichen Tag einen Gastsänger für eine Neuproduktion in vier Jahren zu engagieren.“

Denn tatsächlich beginnt die Opernleitung bereits im Vorlauf von vier bis fünf Jahren, Premieren und Wiederaufnahmen als Pflöcke in den Jahresplan einzuschlagen, wobei sowohl Orchesterdienste wie auch technische Belange zu berücksichtigen sind. Dazu kommen die unterschiedlichen Verfügbarkeiten von Regisseuren, Dirigenten und Sängern sowie die Beachtung eines ausgeglichenen Spielplans, der ein möglichst vielfältiges Spektrum des Genres abbilden soll. Almut Hein meint dazu: „Man kann die Disposition als Ansammlung von Daten und Terminen abtun oder aber als Pulsschlag des Theaters begreifen.“ Ein Pulsschlag, der an der Oper Frankfurt voll Entdeckerfreude klopft.

Ersatz herbeizaubern

Die Theaterleitung ist bekannt dafür, gerne unbekannte Ecken des Repertoires auszuleuchten. „Genau das macht mir viel Spaß. Es ist immer wieder spannend, die Sänger in anderen Rollen oder in eher selten gespielten Opern zu hören und dabei ihre Entwicklung zu beobachten.“

Überhaupt, die vielen festangestellten Sänger: „Wir haben mittlerweile 40 Sänger im Ensemble. Mit all diesen Künstlern muss ich sprechen, jeder muss sich verstanden und jeder muss sich wahrgenommen fühlen.“

Almut Hein ist zudem immer wieder als große Ermöglicherin aufgefallen, wenn kurzfristigste Umbesetzungen drohten. Das jüngste Beispiel: Als Ende letzten Jahres die konzertanten Aufführungen von Verdis „Il corsaro“ durch die Absage gleich zweier Sängerinnen gefährdet waren, ließ sich in so kurzer Zeit kein adäquater

Ersatz herbeizaubern

. „So prüften wir eilig eine von Herrn Loebe anfangs im Spaß geäußerte Lösung (Dann machen wir einfach ,Traviata!‘) auf ihre Durchführbarkeit. Letzten Endes spielte es uns in die Hände, dass die ,Traviata‘-Besetzung weitestgehend auf die des ,Corsaro‘ passte und die engagierten Gäste mit uns am gleichen Strang zogen.“

Zudem war Brenda Rae zufälligerweise für die „Puritani“ im Hause, und einige „unserer Ensemblemitglieder erklärten sich sofort initiativ bereit“, die noch vakanten Nebenrollen zu übernehmen. „Der Stress, den solch eine Rochade für das Betriebsbüro bedeutet, wird jedoch mit dem Erfolg nicht nur beim Publikum aufgewogen.“

Eine Frau in so hoher Position, ist das heute noch ungewöhnlich? Als Hein 2002 an der Opernkonferenz teilnahm, war sie in der Gruppe der Künstlerischen Betriebs- und Operndirektoren fast allein. „Das war eine rein männliche Elefantenrunde“, beschreibt sie ihre damaligen Eindrücke. Inzwischen gebe es aber viel mehr Frauen in Leitungspositionen an deutschen Opernhäusern. „Auch bei den Regisseurinnen gibt es positive Entwicklungen“ Insgesamt also alles gut? „Ich denke, dass wir hier auf einem guten Weg sind, was die Parität betrifft.“ Und was hält sie von der #MeToo-Debatte? Sie antwortet:„Die Debatte war wichtig, um zum Beispiel manchem Kollegen klarzumachen, dass es sich bei der hübsch angezogenen Kollegin auf der Bühne bloß um eine Rolle beziehungsweise um ein Kostüm handelt. Und es genau nicht darum geht, dass sich jemand extra für ihn schick gemacht hat.“

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