Ausstellung im Städel

Schau im Frankfurter Städel: Frauen, Furien, Malweiber

Gibt es männliche und weibliche Kunst? Und wie wird die Frau in der Kunst dargestellt? Ein Rückblick auf die Veränderungen und Abwehrkämpfe im 19. und 20. Jahrhundert.

Ohne die Bibel geht gar nichts. Wer das komplizierte Verhältnis zwischen Mann und Frau verstehen will, der muss sich die Geschichte vom Sündenfall, von Adam und Eva in Erinnerung rufen. Eva wird von der Schlange überlistet, einen Apfel vom verbotenen Baum der Erkenntnis zu kosten. Sie beißt hinein und bietet ihn dann Adam an. Damit ist die Schuldfrage geklärt, der Rest der Geschichte mit der Vertreibung aus dem Paradies ist bekannt. Bleibt nur noch zu ergänzen, dass Künstler auch keine besseren Menschen sind. Fast alle hielten sich zu allen Zeiten an die biblische Vorlage und bildeten die teuflische Schlange, die verführerische Eva und den naiven Adam ab.

Damit kann man zwar heute keiner selbstbewussten Frau mehr kommen, aber dieses Bild findet sich fest in allen Köpfen. Es bestimmte bis vor gar nicht so langer Zeit die Motivfindung der Künstler, sprich: der Männer. Denn Künstlerinnen waren bis weit ins 19. Jahrhundert die Ausnahme. Bis 1918, bis zur Ausrufung der Weimarer Republik und der Einführung des Frauenwahlrechts, durften sie nicht an deutschen Kunstakademien studieren. Sie mussten Privatunterricht in „Damenklassen“ nehmen – und sich den auch leisten können.

Schneller war nur Amerika: Die 1805 in Philadelphia gegründete erste Kunstakademie in den USA ließ Männer wie Frauen zu; London zog 1861 nach. Und Paris, das damals als Weltmetropole galt, bot Frauen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine solide künstlerische Ausbildung – allerdings auch nur an teuren Privatakademien. Erst ab 1896 wurden Frauen zum Studium an der Ecole des Beaux-Arts zugelassen. So gab es für deutsche Künstlerinnen um 1900 ein großes Ziel: Paris, wo sie gleichberechtigt neben Männern an der staatlichen Akademie studieren konnten.

Das prominenteste Beispiel ist Paula Modersohn-Becker, die ab 1899 mehrmals in Paris weilte – gegen den Willen ihres Mannes, des Landschaftsmalers Otto Modersohn. Freilich fanden Frauen wie sie im deutschen Kunstbetrieb nur selten eine Nische zum Überleben, benötigten also einen Ernährer. Damals wurden, wie schon jahrhundertelang, Frauen gern als Muse oder Modell wahrgenommen, aber ungern als Malerin. Entsprechend titulierte man sie als „Malweiber“, denen man nur widerwillig ein künstlerisches Talent zugestand.

Durchsetzen konnten sich dennoch einige Frauen, die dann entsprechend selbstbewusst auftraten. So bog die französische Malerin Suzanne Valadon im Jahr 1909 den biblischen Sündenfall etwas zurecht. Auch ihre Eva greift zwar nach dem Apfel, aber die Hand wird gestützt oder sogar geführt von Adam. Valadon teilte also die Schuld zwischen Mann und Frau auf, die Schlange taucht erst gar nicht auf.

Ein ungewöhnliches Bild, das in der „Geschlechterkampf“-Ausstellung im Frankfurter Städel noch bis zum 19. März zu sehen ist. Sie versammelt rund 180 Bilder und Skulpturen aus der Zeit von 1860 bis 1945. Erstaunlich ist das Gemälde auch deshalb, da sich die Künstlerin selbst als Eva darstellte, mit ihrem wesentlich jüngeren Liebhaber André Utter als Adam.

Doch damals dominierte noch der männliche Blick. Gustav Adolf Mossa etwa malte 1906 eine Kindfrau mit Puppengesicht, die mit ihrem prall wogenden Busen auf einem Berg von nackten Männerleichen sitzt. Ihr Halsschmuck besteht aus Pistole, Dolch und Giftkapsel. Schlimmer ging’s nimmer. Die Frau wurde mit dem Bösen gleichgesetzt, sie wurde zur „Femme fatale“ gemacht, die ihre körperlichen Reize bewusst einsetzt, um die Männer ins Verderben zu locken. Ein seit 1880 beliebtes Motiv der Symbolisten, eine gängige Männerfantasie.

Zumindest in den Köpfen der Männer tobte ein heftiger Krieg der Geschlechter. Die Frau war zugleich fruchtbare Madonna und furchtbare Verführerin, sie bot die Wonnen der Idylle und die Strafen der Hölle. Freilich war das ein primitiver Abwehrkampf der Männer, die um ihre Privilegien fürchteten. Was uns heute als lächerlich, kitschig, schwülstig oder gar abstoßend erscheint, wurde damals vehement vertreten.

Es triumphierten die grausamen Frauen aus der Bibel, aus Mythos und Geschichte, von Judith über Klytämnestea und Salome bis zu Medusa. Auf solche Bilder griff man zurück, um die Frau als gefährlich und frivol zu verdammen und damit an Heim und Herd zu bannen. Auch in anderen Lebensbereichen erging es den Frauen nicht besser: Als sich 1848 in Frankfurt das erste frei gewählte Parlament versammelte, konnten sie den Debatten nur auf einer „Damengalerie“ als Zuschauerinnen beiwohnen. Bei den Straßenkämpfen wenige Monate zuvor waren sie noch als emsige Barrikadenbauerinnen gefragt.

Die Künstlerinnen hingegen gehen mit den Geschlechterrollen ganz anders um, sie antworten mit Humor und Ironie auf ihre Kollegen. Hannah Höch drehte 1920 den Spieß um. Sie parodiert einen jungen Vater, der ein Baby in Händen hält und hohe Damenschuhe trägt, während um ihn mehrere Frauen eifrig Sport treiben oder sich glücklich im Tanz wiegen. Meret Oppenheim wiederum spielte 1936 mit der weiblichen Rolle als passivem Lustobjekt und legte ein Paar Stöckelschuhe auf ein Tablett wie ein Stück Fleisch. Das Objekt erinnert auch an einen Fetisch, sogar an Fessel-Spiele zur sexuellen Erregung.

Bleibt noch die Frage, ob es eine eigene weibliche Kunst gibt. Bis weit ins 20. Jahrhundert existierte sie tatsächlich, aber im negativen Sinn. Denn Künstlerinnen hatten damals einen anderen, regelrecht offiziell verordneten Blick. Da ihnen das Aktmalen lange verwehrt wurde, hatten sie oft Probleme beim Zeichnen einer Figur. So standen ihnen nur die sogenannten unteren Bildgattungen offen, mit Motiven, die man gut zu Hause oder aus dem Fenster erfassen konnte: das Porträt, das Stillleben und das Landschaftsbild.

Auch Paula Modersohn-Becker, von der leider kein Werk im Städel vertreten ist, lernte das Aktzeichnen erst in Paris. Ihre 1906 entstandenen Kohleskizzen von männlichen Akten (in Unterhosen!) wurden ein Skandal. Damals träumte die Malerin von einem eigenständigen Dasein, wie sie in ihr Tagebuch notierte: „Nun habe ich Otto Modersohn verlassen und stehe zwischen meinem alten und meinem neuen Leben.“ Doch nach einigen Monaten Pariser Freiheitsgefühl sieht die Künstlerin im Herbst 1906 ein, dass sie nicht für sich selbst sorgen kann, ohne dass darunter ihre Kunst leidet. So kehrt sie nach Worpswede bei Bremen zu ihrem Mann zurück und bringt im November 1907 ein Kind zur Welt. Drei Wochen später stirbt sie an einer Embolie.

Städel, Schaumainkai 63, Frankfurt.

Bis 19. März 2017, dienstags, mittwochs, samstags und sonntags 10–18 Uhr, donnerstags und freitags 10–21 Uhr. Silvester geschlossen, Neujahr 11–18 Uhr. Eintritt 14 Euro, Katalog 39,90 Euro.

Telefon (069) 60 50 980.

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