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Liedsängerin mit Feinsinn: Christiane Karg, begleitet von Simon Lepper am Flügel, in der Frankfurter Oper.

Liederabend

Schier unendlich strömen die Melodien durch den Raum

Es ist November. Hanna-Elisabeth Müller ist erkältet und musste ihren Liederabend in der Frankfurter Oper absagen. Für sie sang Christiane Karg.

Als Einspringer kehrte die weltweit erfolgreiche Sopranistin Christiane Karg nun an die Frankfurter Oper zurück, wo sie einst als Mitglied des Ensembles groß herauskam: in Mozart-Rollen und, an der Seite von Christian Gerhaher, in Debussys „Pelléas et Mélisande“. Zwei Zyklen dieses Komponisten, die „Cinq poèmes de Charles Baudelaire“ und die „Ariettes oubliées“ nach Texten von Paul Verlaine, bildeten den Kern ihres Programms. Christiane Karg hatte es bereits zwei Tage zuvor gesungen und deshalb perfekt präsent. Nur der Pianist war ein anderer, Simon Lepper, der nach kurzer nachmittäglicher Tuchfühlung zusammen mit der Sängerin den richtigen Ton fand.

Schier unendlich strömten die Töne der „Mélodies“ durch schwärmerisch freie harmonische Gefilde; das Legato, die nahtlose Verbindung der Töne also, sah sich durch Konsonanten, die es besonders in den französischen Texten klug einzubinden gilt, die aber auch zur Gliederung beitragen, nicht behindert. Der Pianist hielt hierfür reichhaltig Nuancen im Anschlag der Tasten bereit. Alles ohne großen Sound, Christiane Karg versucht nicht, die Stimme größer zu machen, als sie ist – das prädestiniert sie für den Liedgesang.

Eine kokette Seite zeigte sie in vier Liedern von Debussys Zeitgenossen Erik Satie. „La Diva de l’Empire“ trat als Karikatur ihrer Epoche auf, eine wohlbehütete Dame, die unschuldig-frivol ihre Spitzenwäsche zeigt. Die Wesendonck-Lieder des von Debussy und seinen französischen Kollegen verehrten Richard Wagner beschlossen den Abend; die Grundstimmung „nicht mehr als mezzoforte“ erlaubte es Christiane Karg, auch ohne sängerische Tricks ihre Stimme in die geforderte Tiefe zu führen. Sie tat gut daran, nur eine kontrollierte Portion Gefühl in diese Kooperation Wagners mit der geliebten Züricherin Mathilde zu investieren, eher den ausdrucksvollen Zusammenklang von Text und Stimmführung hervorzuheben. Dankbarer Beifall, keine Zugaben – es war alles gesagt, gespielt und gesungen.

von ANDREAS BOMBA

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