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Die Sängerin Helene Fischer und der Komponist und Produzent Jean Frankfurter auf der Bühne.

Sound von Frankfurt

Schlager: Atemlos vor Glück, Pech und Herzeleid

Wie klingt der Sound einer Stadt? Wie klingt der „Sound von Frankfurt“? Wir haben hineingehört in die Vergangenheit und in die Gegenwart, wir haben nach Sounds und Rhythmen, Stilen und Stimmungen gelauscht und wollen sie Ihnen in den nächsten Wochen vorstellen. Was haben Musiker vom Main zur Rock-, Schlager- oder Hip-Hop-Szene in Deutschland und darüber hinaus beigetragen? In unserer Sommerserie „Der Sound von Frankfurt“ spüren wir dieser Frage nach, erinnern an große Persönlichkeiten und stellen interessante Newcomer vor. Die dritte Folge ist dem Schlager gewidmet. Man bringt ihn nicht unbedingt mit Frankfurt in Verbindung. Und doch hat er die vergangenen 60 Jahre musikalisch mitregiert in der Stadt.

Wie klingt der Sound einer Stadt? Wie klingt der „Sound von Frankfurt“? Wir haben hineingehört in die Vergangenheit und in die Gegenwart, wir haben nach Sounds und Rhythmen, Stilen und Stimmungen gelauscht und wollen sie Ihnen in den nächsten Wochen vorstellen. Was haben Musiker vom Main zur Rock-, Schlager- oder Hip-Hop-Szene in Deutschland und darüber hinaus beigetragen? In unserer Sommerserie „Der Sound von Frankfurt“ spüren wir dieser Frage nach, erinnern an große Persönlichkeiten und stellen interessante Newcomer vor. Die dritte Folge ist dem Schlager gewidmet. Man bringt ihn nicht unbedingt mit Frankfurt in Verbindung. Und doch hat er die vergangenen 60 Jahre musikalisch mitregiert in der Stadt.

Längst ist es amtlich: Keine deutsche Künstlerin machte in der vergangenen Dekade Schlagerfans atemloser vor Glück und ließ die Kassen so heftig klingeln wie sie: Helene Fischer. Mögen derzeit auch Schlagzeilen die Runde machen, Deutschland mit Abstand beliebteste Schlagerinterpretin und Entertainerin verkaufe ihre opulente Sommer-Stadien-Tournee nicht aus. Für die Frankfurter Stippvisite am vergangenen Wochenende in der Comerzbank-Arena jedenfalls konnte der Veranstalter das begehrte „ausverkauft“ annoncieren.

Wenig verwunderlich, da für Helene Fischer Frankfurt gewissermaßen als Heimspiel zählt: Nach der Fachoberschulreife absolvierte Fischer im Jahr 2000 eine dreijährige Ausbildung zur Musicaldarstellerin an der Stage & Musical School Frankfurt. Weitere Verflechtungen mit Mainhattan ergaben sich, als Fischers Mutter Maria eine Demo-CD ihrer Tochter an den Künstlermanager Uwe Kanthak sendete. Rundweg begeistert vom Künstlernachwuchs, empfahl Kanthak Fischer an den Komponisten und Produzenten Jean Frankfurter weiter.

Bei Frankfurter, dessen bürgerlicher Name Erich Ließmann lautet, handelt es sich tatsächlich um einen waschechten Frankfurter, allerdings mit Wohnsitzen im Taunus und am Tegernsee. Schon die erste gemeinsame Produktion von Fischer mit Frankfurter als Komponist, Arrangeur und Produzent, das Album „Von hier bis unendlich“, erzielte hierzulande und im deutschsprachigen Ausland mehr als nur erkleckliche Absatzzahlen. Start einer Traum-Karriere im Tandem, die 2013 im knapp drei Millionen Mal verkauften Album „Farbenspiel“ samt von Kristina Bach komponiertem Überhit „Atemlos durch die Nacht“ gipfelte.

Derzeit werkelt das einstige Erfolgsteam allerdings auf Sparflamme. Fürs Nachfolgewerk „Helene Fischer“, das den massiven Erfolg des multiplatinen Vorgängers weder übertrumpfen noch ihm auf Augenhöhe begegnen konnte, aber dennoch mehr als eine Million Mal über die Ladentheken wanderte, lieferte Frankfurter nur drei Songs.

In seiner mehr als vierzigjährigen Karriere half Jean Frankfurter zahllosen Schlagerkünstlern in den Karrieresattel – auch und immer wieder Interpreten aus dem Rhein-Main-Gebiet, darunter Bata Illic, Costa Cordalis, Adam & Eve und Arabesque. Doch der Reihe nach.

Im Wirtschaftswunder der fünfziger Jahre war Deutscher Schlager Trumpf. Als Multiplikator fungierte ab 1952 in Hessen eine in den Sommermonaten von Montag bis Samstag ab 6.30 Uhr morgens ausgestrahlte Hörfunksendung des HR unter Leitung von Programmdirektor Hans-Otto Grünefeldt: der „Frankfurter Wecker“. Beliebte Solisten, Schlagernachwuchs und das HR-Tanzorchester agierten vor Publikum unter der Conférence der populären Moderatoren Peter Frankenfeld, Hans-Joachim Kulenkampff, Otto Höpfner, Heinz Erhardt, Wolf Schmidt, Fred Metzler, Maxi Böhm und Heinz Schenk.

Als gerne gesehene Gäste fungierten auch ortsansässige Künstler: Maria Mucke (56er Evergreen: „Heut’ ist ein Feiertag für mich“), Gattin von Grünefeldt, kam ebenso regelmäßig wie der im Rheingau lebende österreichische Damenschwarm Willy Hagara (u.a. „Pepe“, „Cassetta in Canada“, „Freunde für’s Leben“). Als die Sendung im Juli 1957 Fünfjähriges im Tandem mit zehnjährigem Bestehen der deutschen Musikindustrie zelebrierte, trat erstmals ein frisch aus der DDR importiertes Jungmädchenquartett auf, welches sich wenig später in Frankfurt niederließ: die „Jacob Sisters“, damals noch als „Geschwister Jacob“ unterwegs. Noch ohne Pudel gingen die vier platinblonden Sächsinnen an den Start einer Langzeitkarriere, die hohen Wiedererkennungswert mit diversen Hits („Gartenzwerg-Marsch“, „Was hab ich Dir getan“), Teilnahmen an den Deutschen Schlagerfestpielen 1966 und dem Gala-Abend der Schallplatte 1969 sowie Auftritte in New York und Las Vegas mit Louis Armstrong, Sammy Davis Jr. und Duke Ellington vereinte.

Dass Jazz und Schlager sich nicht gegenseitig ausschließen müssen, bewiesen gleich mehrere Interpreten: Sowohl der Wiesbadener Pianist, Vokalist, Komponist, Arrangeur, Produzent und Orchesterleiter Paul Kuhn als auch die in Frankfurt ansässige Jazz-Ausnahmestimme Inge Brandenburg bedienten sich ebenso des simplen Unterhaltungsgenres wie die ehemaligen Angestellten vom US-Armee-Sender AFN, Bill Ramsey und Charlie Hickman. Während Kuhn und Ramsey mit Ulk-Gassenhauern wie „Es gibt kein Bier auf Hawaii“, und „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“ es zu Kultstatus brachten, geriet Brandenburg ebenso in Vergessenheit wie ihr zeitweiliger Lebensgefährte und Manager Hickman.

Als sich der US-Rock-’n’-Roll seinen Weg nach Germany bahnte, schlug die Stunde eines noch minderjährigen Bad Homburgers: Ted Herold alias Harald Walter Bernhard Schubring. Produzent Gerhard Mendelson, der die Karriere vom schon etablierten „Konkurrenten“ Peter Kraus steuerte, setzte auch auf Herold. Kraus interpretierte fortan deutlich sanftere Titel, Herold baute Mendelson als „deutschen Elvis“ auf. Bis Anfang der Sechziger sang der dunkelhaarige Tollen-Ted zahllose deutsche Cover-Versionen erfolgreicher Presley-Titel. Als der damals 17-Jährige musikalisch von sich behauptete „Ich bin ein Mann“, sperrten sich allerdings die deutschen Radiosender: Das sei zu verrucht. Mit dem Nummer-eins-Hit „Moonlight“ driftete 1960 auch Herold ins Balladeske. Dank Beatlemania geriet die Karriere ins Stocken. 1978 reaktivierte Udo Lindenberg sein einstiges Jugendidol. Ted Herold rockte sich bis in die Gegenwart.

Drei Schallplattenfirmen ließen sich seinerzeit in Frankfurt nieder: CBS, Bellaphon und Deutsche Vogue. Vor allem der Weltkonzern CBS trumpfte mit einheimischen Schlagerinterpreten groß auf: Hohe Popularitätswerte erzielten ab 1964 die sechsmaligen Europameister im Eiskunstlauf Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler. Sowohl solistisch als auch im Duett bereicherten Kilius-Bäumler die Charts mit „Honeymoon in St. Tropez“, „Wenn die Cowboys träumen“ und „Sorry Little Baby“. Durchhaltevermögen bewies der lange Zeit in Rödermark etablierte Sohn von Robby Spier, Dirigent des HR-Tanzorchesters: Mit „Das kannst Du mir nicht verbieten“ (’63) und „Memphis, Tennessee“ (’64) belegte Bernd Spier gleich zweimal die begehrte Pole Position. „Das war mein schönster Tanz“ (’65) verfehlte nur knapp den ersten Platz. Ein Comeback gelang Spier ab 1969 abermals mit deutschen Coverversionen (u.a. „Pretty Belinda“) angloamerikanischer Hits. Auch Bruder Uwe Spier versuchte sich, allerdings erfolglos, im Schlagermetier. Bescheidene Erfolge verzeichnete auch der österreichische Wahl-Frankfurter Jürgen Herbst. Von CBS als kerniges Country-&-Western-Pin-Up aufgebaut, fungierte Herbst vor allem als Pendant zum hierzulande ungemein populären Ronny. Hingegen zahllose Erfolge, darunter drei Grand-Prix-Teilnahmen mit Sieg 1966, verzeichnete Udo Jürgens, von 1962 an unter Vertrag bei der Deutschen Vogue.

Mit Aufkeimen der Beat-Welle änderten sich Ton- und Gangart: Eva Bartova alias Eve, 1963 aus Böhmen emigrierte platinblonde Sängerin, begeisterte sich für das US-Folk-Beat-Duo „Sonny & Cher“. Im brünetten John Christian Dee alias Adam, ein nach England eingewanderter Amerikaner, fand sie nicht nur beruflich ein langhaariges Gegenstück. Mit „They Can Look At Us And Laugh“ entstand 1966 für das Label Bellaphon der erste von einer ganzen Reihe zwischen Beat und Schlager angesiedelten Titeln. „Adam & Eve“, heimisch in Obererlenbach, gingen Ende 1968 Luft, Geld und Liebe aus. Wenig später startete Eve mit platinblondem Teutonen-Adam, namentlich Hartmut „Harry“ Schairer, umso erfolgreicher durch.

Über bereits etablierte Karrieren in Deutschland verfügten sowohl der Jugoslawe Bata Illic als auch der Grieche Costa Cordalis, beide zumindest zeitweilig in Hessen wohnhaft, als Jean Frankfurter ihnen Hits wie „Michaela“, „Mädchen, wenn Du einsam bist“, „Anita“ und „Die süßen Trauben hängen hoch“ maßschneiderte. Ebenfalls aus Frankfurters Schmiede stammte das Euro-Disco-Trio „Arabesque“, dem zeitweise die später als Solistin international erfolgreiche Sandra angehörte.

Heutzutage ist längst die übernächste Generation am Drücker: die deutsch-marokkanische Contemporary-R&B-Sängerin Namika mit dem Nummer-eins-Hit „Lieblingsmensch“ zählt da als ein Beispiel unter gleich mehreren.

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