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Löcher von Raubgrabungen in der ägyptischen Wüste in der Nähe der Pyramiden von Gizeh.

Handel mit gestohlenen Kulturgütern

Schmutzige Geschäfte

Wie ein Steinbruch könnten archäologische Stätten zu Geld gemacht werden, sagt der Autor Günther Wessel in seinem neuen Buch. Er ging den Machenschaften nach.

Von Anna Martens (kna)

„Wie Pockennarben reiht sich Grabungsloch an Grabungsloch“: Günther Wessels jüngstes Buch „Das schmutzige Geschäft mit der Antike“ ist eine Reise in das Dunkel des illegalen Handels mit Kulturgütern. Er sei überrascht gewesen über das Ausmaß, und er sei bei seinen Recherchen viel tiefer gestoßen als gedacht, berichtet der Journalist.

In seinem Bericht wird deutlich, wer und wie viele beteiligt sind: Bauern, die aus Not plündern, skrupellosen und brutalen Terroristen, von abenteuerlustigen Schmugglern, über renommierte Auktionshäuser und Sammler bis hin zu verzweifelten Archäologen.

Der Handel mit geraubten Kulturgütern ist nach Schätzungen der Unesco das drittgrößte Feld der organisierten Kriminalität. Jährlich werden sechs bis acht Milliarden US-Dollar Umsatz damit gemacht. Nur Drogen- und Waffenhandel sind demnach ertragreicher. Doch die Informationen über das Dunkelfeld sind mehr als rar, sagt der Direktor des Vorderasiatischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin, Markus Hilgert. Es könnten alles nur Schätzwerte sein. Es fehle schlicht an Methoden, das Ausmaß zu bestimmen.

Wessel reist in seinem Buch an die Orte des Geschehens, etwa nach Ägypten. Dort haben Plünderungen nach dem Arabischen Frühling 2011 drastisch zugenommen. Nach Einschätzung der damaligen Generaldirektorin des Ägyptischen Museums in Kairo, Wafaa El Saddik, wissen die Plünderer, was sie mitnehmen. Aus dem Museum etwa wurden vor allem wertvolle Objekte aus der Amarna-Zeit gestohlen. Auch rund um die Pyramiden wird gegraben und geplündert.

Irak, Afghanistan und Syrien sind gleichermaßen ergiebige Schatzorte für Plünderer. Dem Krieg in Syrien und dem Vormarsch der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) sind in den vergangenen Jahren wertvoller Zeugnisse vieler Jahrhunderte zum Opfer gefallen. Nicht nur der IS, auch die Freie Syrische Armee und die Regierungstruppen seien an Raubgrabungen und Plünderungen beteiligt, sagt Hilgert. Es sei jedoch meist völlig unklar, wo diese Objekte landeten. Vor einigen Wochen wurden erstmals bei einem IS-Mitglied antike Kulturgüter entdeckt. Der Mann habe Objekte bei sich gehabt, die aus Museen in Mossul und Bagdad gestohlen wurden, berichtet Hilgert. „Wie er dazu kam, wissen wir nicht.“

Der ehemalige Schmuggler Michel van Rijn erzählt Wessel in seinem Buch von der Zusammenarbeit mit Botschaftsangestellten. Vom Schiff, über das Flugzeug bis hin zur Bahn oder zum Auto – alle Verkehrswege sind den Angaben zufolge gut geeignet für das Schmuggeln antiker Kulturgüter. Umschlagplätze sind etwa der Libanon, Israel oder Dubai. In Singapur oder der Schweiz gibt es Zollfreilager, in denen bereits gekaufte Kunstgegenstände gezeigt werden und von den Besitzern gelegentlich besucht werden – quasi ein steuerfreies Museum. Vielleicht lägen dort auch die gestohlenen Antiken „zum Abkühlen“, sagt Hilgert.

Deutschland ist nach Wessels Recherchen längst eine „Drehscheibe“ des illegalen Markts. Dort traf der Autor Sammler, die gutgläubig erworben haben, und Händler, die sich auf die jahrhundertealte Tradition des Sammelns berufen. Bislang sind die deutschen Gesetze vor allem lax, was den Herkunftsnachweis anbelangt. „Die Stücke müssen gewaschen werden“, berichtet Wessel. Sehr beliebt sei es, das Stück als Besitz aus englischem Adel oder Kolonialbesitz zu deklarieren. Auch gebe es sogenannte Ringverkäufe – mit jedem neuen Besitzer sei die Herkunft des Stückes glaubwürdiger. Das sei alles machbar, sagt Wessel. Das soll sich durch das neue Kulturgutschutzgesetz und schärfere Einfuhrbestimmungen ändern – für Archäologen ein Hoffnungsschimmer. Hilgert will den Kunsthandel nicht unter Generalverdacht stellen: „Das bringt nichts“. Aber zugleich müsse das Bewusstsein geschärft werden. „Der Handel ist deshalb so problematisch, da er erst den Anreiz für Plünderungen gibt“. Mit jeder Raubgrabung gehe ein Stück Menschheitsgeschichte verloren. „Vielleicht muss man dahin kommen, dass man den Handel mit Antiken ganz verbietet“, gibt Wessel zu bedenken.

Er geht in seinem Buch auf Hobbyarchäologen in Deutschland ein, die stets auf der Suche nach neuen Schätzen sind: So spielen rund 10 000 Menschen gerne Indiana Jones in deutschen Wäldern. Treffpunkt zum Austauschen sei das Internet geworden. Auf vielen Foren fänden sich Hinweise zu passenden Orten und dem geeigneten Gerät. Das Graben und erst recht das Behalten oder Verkaufen des Fundes aber sind in Deutschland illegal.

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