Neues Album von Udo Lindenberg

So schön, so groß – Mit einem „Dödödöödödüp“ geht’s weiter

Der Panikrocker scheint allen Alterungsprozessen zu trotzen: Udos jüngstes Werk ist so groß, dass sich ganz Deutschland darin wiederfinden kann.

Von CHRISTIAN PREUSSER

Plötzlich nahm er die Sonnenbrille ab und schaute mir tief in die Augen. Als ich Udo Lindenberg damals zum Interview traf, da hatte er schon ein paar Eierlikörchen getrunken, und das dritte oder vierte Weizenbier war auch schon fast geleert. Ich wollte wissen, ob er zum 70. Geburtstag sein Raumschiff zumindest für kurze Zeit mal in der Garage abstellen werde. „Ne, du“, sagte er, während er ein imposantes Kunststück mit seinen Augenbrauen vollbrachte, „es geht immer weiter, ne? Bis ich auf der Bühne meinen letzten Atemzug tätige. In den Armen einer schönen Frau oder eines schönen Mannes.“ Und so wird es kommen.

Denn Udo Lindenberg ist „Stärker als die Zeit“, wie wir nun erfahren. Sein neuestes Studioalbum ist so schön und groß und zeitlos – es katapultiert Lindenberg endgültig in eine andere Umlaufbahn, in eine Umlaufbahn, die in der deutschen Rockmusik wohl noch niemand vor ihm erreicht hat.

Doch wenn man über den Udo Lindenberg sprechen will, der gerade von ganz Deutschland auf den Händen getragen wird, dann muss man auch davon sprechen, wie er einst am Boden lag: besoffen und zerstört. Die Geschichte von Udo Lindenberg, das scheint eine klassische Heldengeschichte. Eine Geschichte voll irrwitziger Figuren wie Rudi Ratlos, Jonny Controletti, Paula aus St. Pauli und Bodo Ballermann. Es ist eine Geschichte von Ruhm und Rausch, Absturz und Zerfall, von Disziplin und Liebe.

Völlig fertig

Vor Udo Lindenberg, da gab’s in Deutschland bloß verkitschten Schlager. Während in England schon die Bühnen brannten, nahm sich Lindenberg zu Beginn der Siebziger ein Herz und erfand die deutschsprachige Rockmusik. Lindenberg kreierte seine eigene Sprache, schrieb solch große Lebenserklär-Klassiker wie „Leider nur ein Vakuum“, „Boogie-Woogie-Mädchen“ und „Ich lieb dich überhaupt nicht mehr“. Er traf sich mit Willy Brandt und machte Erich Honecker Dampf. Und als die Mauer endlich weg war, dieses Monstrum, das von Lindenberg mit niedergesungen worden war, da hatte er keinen Gegner mehr – und er soff sich darüber fast um den Verstand. Seine Songs, die wurden immer schlechter, seine Texte immer belangloser. Er war fertig, künstlerisch und körperlich. Ein Wrack, das sich in einer Suite im Hamburger Hotel „Atlantic“ eingerichtet hatte.

Die Auferstehung kam 2008, als er sein Comeback-Album „Stark wie zwei“ veröffentlichte. Das Album ist sein bisher größter Erfolg: Platin-Auszeichnung, Jubelchöre, Konzerte in den größten Stadien des Landes, Kritiker-Preise und Unplugged-Album. Was für eine Rückkehr: So irre, verrückt, grandios, als sei sie genau so von Lindenberg orchestriert worden.

Keinen Plan B

Jetzt legt er nach, mit einer Platte, die er „Stärker als die Zeit“ genannt hat und die dieses Schlingerkurs-Leben nachzeichnet. Es ist ein nachdenkliches Album, manchmal sogar ein schweres Album. Lindenberg denkt über das Leben nach, so konkret wie nie zuvor. Die Songs heißen „Durch die schweren Zeiten“ oder „Wenn die Nachtigall verstummt“. Es geht hier um verpasste Träume und eigenwillige Lebenskonzepte. Im hinreißenden Piano-Rocker „Plan B“ erzählt er: „Ich habe tausend Pläne, doch Plan B habe ich keinen“. Aufstehen, immer weiter machen – das ewige Udo-Credo. Es zieht sich durch nahezu alle Songs dieses Werks. Und das Tolle, wie ja bei allen tollen Udo-Songs: Das klingt nicht kitschig oder eklig oder nach Esoterik-Blabla. Lindenberg klingt wie der Onkel, der dem verkorksten Neffen auf die Schulter klopft und sagt: „Ich war da auch schon, in diesem düsteren Tal. Wird irgendwie schon wieder.“ Das ist Nerven-Rock für die schwersten Zeiten. Solche Durchhalte-Nummern, die hat man bisher ja nur den großen, alten Sängern abgenommen: Leonard Cohen oder Tom Waits. Die deutsche Rockmusik, die hat jetzt endlich auch so einen. Grandios, richtig überwältigend, wird es ganz zum Schluss dieses schönen Albums: In den Abbey-Road-Studios, den heiligen Hallen der Popmusik, hat Udo gemeinsam mit einem 60-köpfigen Orchester die Titelmelodie des Mafia-Epos „Der Pate“ eingespielt. Es ist der Titelsong des Albums. Nichts könnte besser passen. Lindenberg ist auch so eine Paten-Figur, die sich am Mafia-Jargon bedient und ihre Panik-Familie wie einen Clan führt. In dieser pompösen Geigen-Nummer singt Udo mit gebrochener Reibeisenstimme Dinge wie „Wir sind der Stoff, aus dem die großen Träume sind“. Oder: „Wir sind der Joker in der Tasche“. Oder: „Unsere Familie, da kannst du sicher sein, das bleibt“.

Es ist eine Danksagung an seine Fans, die Gewissheit, dass nicht alles ganz so schlecht gelaufen ist in diesem Leben. Es klingt wie ein Vermächtnis, wie ein Abschied. Die Pauken trommeln, die Trompete bläst traurig in den Himmel, Lindenberg zieht seinen Hut. Das ist ganz schön schwere Kost. Und doch, bei aller Schwermut, am Ende bleibt es dabei, und er singt sein ewiges: „Dödödöödödüp“.

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