Ausstellung "Déjà vu"

Schon mal irgendwo gesehen?

Unter dem Titel „Déjà vu“ geht es in der Ausstellung um Vor-Bilder aus 500 Jahren, die zu Licht-Bildern wurden und beim Betrachter schlummernde Eindrücke wecken.

Von CHRISTIAN HUTHER

Gebannt starrt das kleine Mädchen auf den Mann, der mit mehreren Bällen jongliert. Sie streckt sogar ihre rechte Hand aus, um einen Ball zu erhaschen. Aber alles ist vergebens, denn der Mann und die Bälle existieren nur auf einem Gemälde, das von dem Kind bewundert wird. Diese Szene hat Evelyn Richter 1979 in Ost-Berlin mit der Kamera festgehalten, neben vielen anderen Museumsbesuchern, die mal interessiert, mal gelangweilt dreinschauen. Denn „zu Sowjetzeiten wurden alle Bevölkerungskreise ins Museum hineingeschaufelt“, erinnert sich die inzwischen 85-jährige Fotografin.

Die Szene mit dem kleinen Mädchen ist jetzt neben weiteren Museumsbildern von Evelyn Richter in der Frankfurter DZ-Bank-Kunstsammlung zu sehen – solch eifrige Betrachter, die in einen Dialog mit den Kunstwerken treten, wünscht sich wohl jeder Museumsdirektor. Einen „Dialog der Meisterwerke“ hat nun das Frankfurter Städel ab 7. Oktober angekündigt, mit rund 65 Bildern aus allen Museen der Welt, die sich unter die Sammlung mischen und die berühmten Werke des Hauses ergänzen. Und da der Hauptsponsor die DZ-Bank ist, hat diese jetzt ihre neue Ausstellung in den eigenen Räumlichkeiten, dem Art Foyer, auch dem Dialog-Thema gewidmet.

Versammelt sind 50 Fotos von 18 Künstlern, die bekannte Werke entweder zitieren oder variieren. Der Besucher steht also vor Arbeiten, die er im Original möglicherweise schon gesehen hat oder die ihn an ähnliche Bilder erinnern – das sogenannte Déjà-vu-Erlebnis. So bietet die bis 21. November laufende Schau einen kurzweiligen kunsthistorischen Rundgang durch die vergangenen 500 Jahre. Und damit mancher Besucher nicht zu lange in seinen Erinnerungen kramen muss, bildet die Ausstellungsbroschüre – wie immer kostenlos und wie immer hervorragend gemacht – viele der berühmten Vor-Bilder ab.

Zuweilen entlarvt die Broschüre sogar, dass wir Bilder zwar zu kennen glauben, sie aber doch nicht richtig kennen. Elger Esser etwa hat sich im berühmten Garten des Impressionisten Claude Monet umgetan und einige Ansichten als sechsstündige Langzeitbelichtung in Schwarz-Weiß fotografiert. Aber das Motiv mit der Brücke im Hintergrund gibt es bei Monet nicht, dieser hat die Brücke viel größer in sein Bild gerückt. Ähnlich idyllisch wirkt Beate Gütschows Landschaft, die an die arkadische Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts erinnert. Nicht nur der Himmel ist licht, auch Bäume, Büsche, Hügel, Wiese und die vier im Vordergrund sitzenden Menschen scheinen bestens zu passen. Doch die 45-jährige Fotografin hat ein Archiv mit idealen Ansichten, die sie immer wieder anders arrangiert. Damit verweist sie darauf, dass unsere Vorstellungen zusehends aus medial vermittelten Bildern bestehen. Die menschliche Fantasie ist längst nicht mehr frei von Einflüssen.

Noch einen Schritt weiter geht die Amerikanerin Sherrie Levine. Sie fotografiert keine Originale des Malers Edgar Degas (1834–1917), sondern Reproduktionen, macht also Kopien von Kopien. Davon fertigt sie schließlich Lithografien an, reduziert also die Motive auf maschinell erzeugte Hell-Dunkel-Kontraste, wie an vier Degas-Bildern zu sehen ist. Sherrie Levine empfindet das Schwärmen vom Genie als Fiktion, berühmte Werke sind für sie nur Reproduktionsmaterial. Wie trügerisch freilich selbst Reproduktionen sein können, dokumentiert wiederum Claudia Angelmaier. Sie hat Albrecht Dürers 1494 entstandene Zeichnung „Drei Lindenbäume“ in fünf verschiedenen Reproduktionen entdeckt und abfotografiert. Die Farben variieren von Hell- über Dunkelgrün bis hin zu einem satten Kastanienbraun. Der Eindruck von einem wunderbar gezeichneten Blatt bleibt zwar, aber welche Farbe stimmt? Ohne das Original geht auch heute nichts, so die Botschaft von Angelmaier.

Eine beruhigende Vorstellung im Google-Zeitalter, welches das schnelle Klicken durch Kunstsammlungen ermöglicht.

Art Foyer, DZ-Bank-Kunstsammlung, Cityhaus I, Friedrich-Ebert-Anlage, Frankfurt. Bis 21. November, dienstags bis samstags 11–19 Uhr. Freier Eintritt.

Telefon (069) 74 47 23 86.

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