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Juli Zeh hat einen Politthriller geschrieben.

Lesung

Schriftstellerin Juli Zeh über ihren Roman

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Auf Einladung des Literaturhauses las Juli Zeh im Schauspiel Frankfurt aus ihrem Roman „Leere Herzen“.

„Leere Herzen“ (Luchterhand) erschien im Herbst. Wie manches Buch der 43-jährigen Autorin und promovierten Juristin verhandelt es pointiert öffentliche Belange, konkret: das politische Leben der Republik, das der Roman gedankenspielerisch in die nahe Zukunft weiterdenkt. Der thrillerartige Romanschluss bleibe hier außer Betracht. Regiert wird Zehs Bundesrepublik anno 2025 von der „Besorgte-Bürger-Bewegung“, einem fiktiven Gegenstück zur „AfD“ ohne den direkten Nationalismus und Nazi-verwandten Hasskult, das gleichwohl ohne Widerstand Freiheiten aushöhlt und die Demokratie abschafft.

Solchem Zeitgeist verpflichtet, gründen Protagonistin Britta Söldner und Geschäftspartner Babak ihr Start-up „Die Brücke“, das systematisch Selbstmordkandidaten siebt und Therapien zuführt. Dem hartnäckig suizidalen Kern empfiehlt „Die Brücke“ jedoch, sich wenigstens einer „guten“ Sache wie dem Ökoterrorismus anzubieten, der Bedarf an Selbstmordattentätern hat und dafür zahlt. Das Geschäftsmodell „Terrordienstleister der Republik“ blüht, gedeiht und scheint utilitaristisch wertvoll, da es den alten Terrorismus austrocknet, dezimiert und mit Duldung des Staates ordnet, dem ein gewisses „Bedrohungsgefühl“ nützt.

Nach knapper Einführung durch Literaturhaus-Chef Hauke Hückstädt befragte HR2-Kultur-Redakteur Alf Mentzer die Autorin. Ihr Roman „Unterleuten“ (2016), erfuhr man von Zeh, schrieb sich gleichsam von selbst: eine Beglückung. Ganz anders „Leere Herzen“, auch in der Wirkung auf Leser: „Wir treffen uns hier zur Besprechung eines literarischen Brechmittels.“

Manch Geplänkel und drei Leseproben abgerechnet, fokussierte sich der Dialog binnen 90 Minuten auf die philosophischen Grundlagen. Dass die Autorin Sarah Wagenknecht (Die Linke) zur Innenministerin einer Links-Rechts-extremen Regierung umdichtet, deute an, dass sie die aktuelle Politikverdrossenheit tiefer als nach bloßem Rechts-Links-Denken sehen wolle. Nicht „die“, sondern „wir“ seien das Problem. Eine verbreitete „Systemverachtung“ und Rhetorik der Polarisierung höhlten demokratische Institutionen aus.

Entscheidend sei für sie, dass die Preisgabe von Freiheiten und Demokratie in ihrem Buch unglücklich mache. „Die sind zutiefst verunsichert und psychosomatisch krank. Vereinzelte Individuen entwickeln ja kein gesundes Selbstgefühl. Die Aufklärung hat in 250 Jahren die Seinsverantwortung komplett dem Individuum überlassen. Das ist schön, wirklich, aber so extrem schlecht lebbar. Es passt nicht zu uns als Herdentieren. Wir brauchen Gemeinschaften, mit denen wir uns identifizieren und die uns sagen, wer und wofür wir da sind.“ Ob das Verfassungspatriotismus sei? Gewiss. Nur dass hinter dem Grundgesetz uralte Erfahrungen („Die kommen aus dem Christentum“) stünden.

Ihre Zentralerfahrung sei der 9/11-Anschlag von 2001. Es habe sie schockiert, wie die tragenden Grundlagen der Welt nach 1945 sich im Nu auflösten. „Angriffskrieg? Kein Problem. Foltern? Auch keins. Exterritoriale Gefängnisse? Verschleppen, Verhaften, Überwachen? Geht alles, ist immer noch ,Demokratie‘. Damit kam ich nicht zurecht.“

Da liege die Wiege der Politikverdrossenheit, die „auf einem Höhepunkt von Wohlstand, Demokratie, Freiheit und Sicherheit“ über uns kam. Seither denke sie über die Identitätskrise nach. Ihre

Lieblingsthese

: Das 20. Jahrhundert habe uns einen „Riesen-Dekonstruktionsakt“ hin zur „Ich-Ideologie“ abgenötigt, der Religion, politisches Engagement, Familie und zuletzt „dieses Geschlechteridentitäten-Ding“ in Zweifel ziehe. Gerade die Dauerfrage „Was ist ein Mann, eine Frau, was dürfen wir?“ habe viele Menschen „zutiefst im Innern verunsichert“.

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