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Der Schwächling giert plötzlich nach Blutwurst

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Von: Katja Sturm

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Julia Kunert inszenierte am Darmstädter Staatstheater Alfred Jarrys „König Ubu“ als clowneskes Zwei-Personen-Stück.

Das Unheil nähert sich von hinten. Es klettert über die Stühle im Zuschauerraum und wirkt dabei ganz harmlos. Denn der spätere „König Ubu“, Titelfigur des gleichnamigen Theaterstücks des französischen Schriftstellers Alfred Jarry, ist eigentlich ein ängstlicher Mensch.

Jeder seiner Schritte wird begleitet von einem steten „Oh-Gott“-Gemurmel. Doch seine Frau wird den Zögernden seiner Hemmungen entledigen. Sie wird ihn hineinstoßen in eine Machtspirale, die den Charakter verändert und – Böses hervorruft.

Bei ihrer Uraufführung 1896 in Paris verursachte die Groteske Tumulte und einen Skandal. Doch die unflätige, obgleich verfremdete Sprache, die damals die Leute empörte, kann heute nicht mehr schocken. Zudem wird sie wie alles andere in der Inszenierung von Julia Kunert für die Kammerspiele des Darmstädter Staatstheaters ins Lächerliche gezogen und damit auch leicht erträglich gemacht.

Alles ist aus Pappe

Die Regisseurin verlegt die Handlung in das Land Nirgendwo, das überall sein könnte und doch eine Scheinwelt ist. Dort ist alles aus Pappe: Kronen, Schwerter und sogar Steine. Einfach zu heben sind diese Dinge trotzdem nicht – zumindest nicht für Ubu, den Schwächlichen. Den treibt seine unersättliche Gier nach Blutwurst und einem bodenlangen Regenmantel zwar zum Königsmord. Doch erweist er sich dabei mangels Muskelkraft als stark limitiert und ist deshalb auf die Hilfe von Hauptmann Kerbholz angewiesen, einem treuen, aber einfältigen Untergebenen, der sich selbst für „nicht dumm“ hält, wie er gerne betont.

Gespielt wird der pflichtbewusste Soldat von Isa Weiß, ebenso wie die vier anderen Rollen neben Ubu, auf die Kunert das ursprünglich umfangreiche Personal des Stückes reduziert hat: den naiven und trägen König, dessen hellwache, schwangere Frau, Ubus dominante, bösartige Gattin und das dunkle Gewissen. Die komische Hauptfigur stellt derweil Christoph Bornmüller dar, anfangs nur in Unterwäsche und mit roten Augen im blass gezeichneten Gesicht.

Zusammen ergeben die beiden Darsteller, in karikierende Kostüme (Cornelia Kolditz) gehüllt, ein clowneskes Paar, das die Gratwanderung zwischen Tragik und Komödie dank perfekter Abstimmung und ausgefeilter Choreografie hervorragend meistert. Das Grauen rückt dabei angesichts der intensiven Überzeichnung auf dem beschränkten Raum der kleinen, verwinkelten Bühne in den Hintergrund. Obwohl die Handlung keineswegs an Aktualität verloren hat, da sich in der Geschichte immer wieder Despoten und Diktatoren finden, die wie Ubu vor den schlimmsten Taten nicht zurückschrecken, um ihren Durst zu stillen. Um dann selbst irgendwann zu Fall gebracht zu werden.

Der Darmstädter König Ubu hat dank deutlicher Straffung des Textes nach 80 Minuten ausgedient. Dann wird das Männlein, das sich selbst zum mordlüsternen Mann erhob, wieder rüde vom Thron gestoßen. Der Rauschzustand, in dem es sich befand, findet ein abruptes Ende. Der Hunger bleibt, richtet sich aber wieder auf das Naheliegende. Gemeinsam mit seiner Frau stimmt Ubu ein Loblied auf seine Leibspeise an: „Blutwurst gibt es immer wieder“, heißt es da zu wohlbekannter Melodie. Vom Unheil, das er über das Reich brachte, bleibt angesichts dieses absurd-fröhlichen Ausklangs kaum mehr als ein bisschen Müll und Altpapier.

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