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Wie ein Schwanengesang stirbt die Musik in Schönheit

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Von: Andreas Bomba

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Cellist Alban Gerhardt schwelgte bei Dvorák.
Cellist Alban Gerhardt schwelgte bei Dvorák. © Ansgar@Klostermann.net

Mit einer eindrücklichen, von Yannick Nézet-Séguin dirigierten Mahler-Interpretation ging in der Basilika von Kloster Eberbach das Festival zu Ende.

Dabei stand, genau genommen, kein Werk von Gustav Mahler auf dem Programm, sondern sechs Orchesterlieder seiner Gattin Alma Mahler und, im zweiten Teil, die aus Skizzen Mahlers von Deryck Cooke erstellte und bescheiden „Konzertfassung des Entwurfs“ genannte zehnte Sinfonie. Nur deren ersten Satz, ein episches, fast Grabesruhe verbreitendes Andante, hatte der 1911 verstorbene Mahler im Jahr vor seinem Tod noch fertigstellen können. Hier kommen Emotionen ins Spiel; Gustav „entdeckte“ 1910, dass Alma mit dem Architekten Walter Gropius ein Verhältnis hatte, wie vor der Ehe schon mit Oskar Kokoschka oder später mit dem Schriftsteller Franz Werfel. In damaligen Augen galt für eine solche „femme fatale“ die Devise „Nur nicht laut!“, wie es in einem der vertonten Gedichte von Rainer Maria Rilke heißt. Dem Gatten hingegen, der vor lauter Musikmachen keine „normale“ Ehe führen konnte oder wollte, blieb nichts, als schier zu verzweifeln.

Mehr noch als diese persönlichen Dinge beschwört beider Musik eine Endzeit-Atmosphäre. Die von Alma vertonten Gedichte der Wiener Bohème ebenso wie ihr dunkel grundierter Orchestersatz, ironisch durchsetzt mit etwas Wiener Schmäh. Ähnlich in der Sinfonie mit den langsamen Bewegungen, den Auflösungserscheinungen der Form, der scheinbar ziel- und berührungslos neben- und übereinander geschichteten Motivik bis hin zum in Schönheit sterbenden Abgesang. Cookes pointierte Instrumentierung ist vielleicht noch mutiger, als Mahler sie gewagt hätte, insbesondere mit den Pauken im fünften Satz, die wie Kanonendonner auf ein imaginäres Gefechtsfeld führen. Ja, die damalige Vorkriegsgesellschaft täuschte sich allzu sehr über vermeintliche Harmonie und Homogenität, die Gefahren des Zusammenbruchs – man mag sie in Mahlers irrwitzigen, bisweilen klobig harten Scherzi gespiegelt finden, die gleich zweifach in der Zehnten vertreten sind – lauerten an allen Ecken. Sarah Connolly sang die Lieder mit in allen Lagen schöner Stimme und fügte sich eher in den Orchestersatz ein, als ihn ausdrucksvoll übertrumpfen zu müssen. Die Rotterdamer Philharmoniker erfüllten Nézet-Séguins stets atmende und raumgreifende Animation mit Inbrunst und vollendetem Leben.

Ein atmosphärisch wiederum großartiger Abschluss, der ebenso in Erinnerung bleiben wird wie der neuerliche wirtschaftliche Erfolg des Rheingau-Musik-Festivals: 111 000 Zuhörer kauften 91 Prozent der zur Verfügung stehenden Karten.

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