Wolfgang Koch gibt in Frankfurt einen gespenstisch-düsteren Holländer, eskortiert von einer Motorrad-Gang
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Wolfgang Koch gibt in Frankfurt einen gespenstisch-düsteren Holländer, eskortiert von einer Motorrad-Gang

Der "Fliegende Holländer" an der Oper Frankfurt

Der Seefahrer kommt als Ghost Rider daher

  • Michael Dellith
    vonMichael Dellith
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David Bösch hat Wagners „Fliegenden Holländer“ an der Oper Frankfurt als düstere Endzeitvision inszeniert. Der Premierenjubel war groß.

Die Bierkästen sind fast leer. Ein paar Flaschen machen noch die Runde. Die Mannschaft um Kapitän Daland in ihrem schwarzen Regenzeug samt gelber Warnwesten hängt in den Seilen – nicht nur, weil sie so besoffen ist, sondern auch, um die vom Sturm auseinandergerissenen Segel (hier aus Plastikbahnen) zu bändigen. Es ist eine düstere, gespenstische Atmosphäre, die Regisseur David Bösch auf die Frankfurter Opernbühne bringt. Ganz im Sinne einer „Schwarzen Romantik“, die durchaus in Wagners „Fliegendem Holländer“ steckt. Bösch zeigt diese Oper als eine Art Endzeitvision voller Todessehnsucht der Protagonisten, behutsam modernisiert, ohne dem Stück Gewalt anzutun.

Geradezu magische Momente hält das Bühnenbild von Patrick Bannwart bereit, wenn sich, gleichsam im Traum von Dalands schlafendem Steuermann, der eigentlich Wache schieben sollte, der Holländer mit seinem Geisterschiff nähert. Doch kein Schiffsrumpf erscheint auf der Bühne. Dafür senkt sich im Hintergrund ein riesiger Propeller (Schiffsschraube? Windrad?) herab, grelle Scheinwerfer blitzen auf. Und dann erscheint er, der Holländer, flankiert von einer Motorrad-Gang: der auf den Weltmeeren umherirrende Seemann als Ghost Rider – eine treffliche Idee von Regisseur Bösch. Bariton Wolfgang Koch, gehüllt in einen langen schwarzen Mantel, verleiht dem gebrochenen Titelhelden, der nach einem Pakt mit dem Teufel nur durch die Treue einer Frau Erlösung finden kann, eine stattliche Erscheinung, und das nicht nur körperlich, sondern auch stimmlich. Kochs Holländer ist ein zutiefst verbittertes Wesen, ein Getriebener, ein Outlaw, wofür wohl auch die Motorräder stehen. Dies auch stimmlich auszudrücken, gelingt dem Sänger grandios.

Nichts verabscheut Böschs Holländer mehr als die enge Welt des Bürgertums, die der Regisseur mit dem Szenenwechsel zum zweiten Akt beklemmend auf die Bühne bringt: Statt in einer heimeligen Spinnstube sitzen die Frauen der Seeleute im biederen Blümchenkleid (Kostüme: Meentje Nielsen) in einem heruntergekommenen Arbeitsraum, der an eine Textilfabrik in Bangladesch erinnert. An der Nähmaschine schneidern sie sich ihr Hochzeitskleid. Allein Senta, wie der Holländer eine Außenseiterfigur, will dieser Enge, zu der auch Gewalt und Ausbeutung gehören, entfliehen. Sie hat sich in das Bild des Holländers verliebt, und dagegen kann auch ihr Verlobter Erik, der mit einem mickrigen Moped auf die Bühne saust, nichts ausrichten. So nimmt das Unheil seinen Lauf.

Neben den magisch-düsteren Bildwelten ist es vor allem Wagners Musik selbst, die einen starken dramatischen Sog entwickelt. Das kann sie umso besser, weil sich das Frankfurter Produktionsteam für die Fassung entschieden hat, die für die Dresdner Uraufführung eingerichtete wurde. Sie wird ohne Aktschlüsse und ohne Erlösungs-Finale in etwas über zwei Stunden ohne Pause durchgespielt. Zudem setzt Bertrand de Billy als Erster ständiger Gastdirigent am Pult des Opern- und Museumsorchesters auf einen knackigen Klang, der dramatisch geschärft und kontrastbetont ist. Schon seine Interpretation der Ouvertüre reißt den Zuhörer vor noch geschlossenem Vorhang in die mystische Balladen-Welt hinein.

Als vorteilhaft erweist sich auch, Wagners spätere, transparentere Instrumentierung zu verwenden. So hat der von Tilman Michael prachtvoll einstudierte Chor samt Extra-Chor genügend Klangraum, sich durchschlagskräftig zu präsentieren. Und natürlich profitierten auch die Solisten von dem schlankeren Orchesterklang, die von der Regie erfreulicherweise nicht am An-der-Rampe-Singen gehindert werden. Neben Wolfgang Koch steigert sich Erika Sunnegårdh als vom Wahn besessene Senta zu dramatischer, expressiver Größe. Mit wunderbar lyrischer Emphase singt Daniel Behle den verzweifelt verliebten Erik. Als Frankfurter Ensemblemitglieder brillieren Andreas Bauer als kerniger Daland, Michael Porter in der Partie des Steuermanns und Tanja Ariane Baumgartner als Mary. Einhelliger Jubel für diese hochspannende Neu-Inszenierung.

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