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Die Zeiten sind für niemanden schön: Otto Dix, ?Zuhälter und Prostituierte?, Pinsel, Tusche und Aquarell (1923).

Ausstellung in der Schirn

Sehr viel Elend und kaum Glanz: Schattenseiten der Weimarer Republik

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Viel ist in jüngster Zeit von „Weimarer Verhältnissen“ die Rede. Gemeint ist eine Gesellschaft, die auseinanderdriftet, und ein Vielparteiensystem, in dem auch demokratiefeindliche Töne Gehör finden. Das gab es schon einmal. Die Frankfurter Kunsthalle zeigt die Bilder dazu.

Wir schreiben das Jahr 1920. Eineinhalb Millionen Kriegsinvaliden leben in Deutschland. Vor wenigen Jahren waren sie als gesunde junge Männer an die Front gereist, die meisten von ihnen entschlossen und voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach der Schlacht. Dann wurden sie zerschossen und zerfetzt, und von Glück konnte sagen, wer nur ein paar Gliedmaßen auf dem traurigen Feld der Ehre ließ.

Aber was heißt hier Glück! Notdürftig geflickt, blind oder ohne Arme oder Beine, zerrüttet und nicht nur körperlich gebrochen, hatten sie kaum ein Auskommen, bettelten auf den Straßen: Otto Dix zeichnet einen „Streichholzhändler“, vor dem alle nur wegrennen. In einem anderen Bild lässt er grotesk verunstaltete „Kriegskrüppel“ in Reih’ und Glied flanieren, im Hintergrund eine Schuhmacherei. Das treibt den bösen Blick schmerzhaft auf die Spitze: Denn kaum einer der Amputierten, die sich auf Krücken und Rollwagen fortbewegen, hat noch Füße, die einen Schuh benötigen würden.

Es sind immens politische, anklagende und in gellenden Tönen um Mitmenschlichkeit flehende Gemälde, die Kuratorin Ingrid Pfeiffer zusammengetragen und nach zehn Themengruppen gegliedert hat. In ihnen geht es eingangs um Kunst und Politik, dann um Vergnügungsindustrie, Prostitution, die neue Frau, den Kampf gegen den Homosexuellen-Paragraf 175, den Paragraf 218 in der Weimarer Republik, um Porträts als Gesellschaftsspiegel, den Gegensatz von Stadt und Land sowie schließlich um Sport als Kult und Massenbewegung sowie um soziale Fragen wie die extreme Diskrepanz von bitterer Armut und protzigem Reichtum.

„Glanz und Elend in der Weimarer Republik“ heißt diese Schau, nach einem Buch von Gerd Presler, das seit Studienzeiten in den Regalen Ingrid Pfeiffers steht. Doch selten dürfte eine Kuratorin überraschter und erschütterter über ihre eigene Ausstellung gewesen sein als sie. Denn immer mehr rutschte der Weimarer Glanz im Verlauf ihrer Recherchen in den Hintergrund, obwohl es ihn natürlich gab: Berlin in den Zwanziger Jahren war eine Stadt der Spelunken und Bars, der Varietés und Zirkus-Künste. Man feierte die Mode und mit ihr die Schönheit. Der Alkohol floss in Strömen, und allabendlich wurde getanzt und gejauchzt und gefeiert bis zum Exzess. Doch diese überkandidelte Berauschung war immer auch eine Betäubung. Vor einem Elend, das in jeder Familie seine Opfer gefordert hatte und noch so nahe war, vor der Demütigung des verlorenen Krieges und einer entsetzlichen, grausamen Armut, die hinter jeder Ecke hervorlugte. Wer hier glücklich sein wollte, musste die Augen vor diesem Elend mit aller Kraft verschließen.

Das Plakatmotiv der Ausstellung, das auch den Titel des hervorragenden Katalogs (Hirmer-Verlag, in der Ausstellung 35 Euro) ziert, ist „Margot“ (1924) von Rudolf Schlichter – eine „neue“ Frau mit modischem Kurzhaarschnitt und Zigarette in eleganter Bluse, die den Betrachter desillusioniert und irgendwie abschätzig anblickt.

Der Wandtext verrät: Nur die Schminke und die offenbar schäbige Gegend, in der sie hier steht, deuten an, dass die Frau sich womöglich prostituiert. Auf dem Zirkus-Plakat im Hintergrund steht: Quo vadis?

Pfeiffers Interesse an der Neuen Sachlichkeit – sie selber schrieb ihre Doktorarbeit über den Konstruktivisten Erich Buchholz – wich zunehmend sozialen Fragen. Die Zeit der Zwanziger nach rein ästhetischen Kriterien zu beurteilen genügte ihr bald nicht mehr. So ging es auch den Künstlern damals, die nach den Verfremdungen des Expressionismus mit einem neuen Realismus der Wahrheit dem wirklichen Leben näherrücken wollten. Bisweilen schmerzt der brutale Realismus ihrer Darstellungen.

Natürlich gibt es auch die schönen Seiten, die Mode und die Cafés: Doch selbst Bar-Bilder von Jeanne Mammen oder Dodo (Dörte Clara Wolff) zeigen Gesichter, die bei aller Eleganz der Szenerie nachdenklich bleiben. Und so ist es, um ein Vielfaches gesteigert, bei den meisten der 190 (!) ausgestellten Werke, Bekannte neben Unbekannten, die allesamt entdeckt zu werden verdienen: Der Glanz beeindruckt, doch das Elend bedrückt noch viel mehr. Karl Hubbuch wäre zu nennen, der phänomenal kühle Christian Schad, Elfriede Lohse-Wächtler, Willy Wolff, Karl Völker, Karl Hofer, Lotte Laserstein und viele mehr. Das alles ist spektakulär, grimmig und anrührend: Wir entdecken uns selbst in einer Zeit, die vor hundert Jahren begann.

Die Künstler der Zwanziger Jahre, zeigt diese Ausstellung, sind Seismographen einer Zeit im Taumel, die letztlich – das wissen wir heute – das Gleichgewicht nicht mehr gefunden hat.

Schon 1923 (!) malte George Grosz für die Zeitschrift „Die Pleite“ einen „Weihnachtsbaum fürs Deutsche Volk“, den ein Hakenkreuz krönt statt eines Christussterns. Und zwei Jahre zuvor sogar entstand Gregor Scholz’ unangenehmer Cafébesucher: mit Schmissen, ziemlich ekligen Nackenpickeln und Lederhandschuhen ein Profiteur der Verhältnisse. Seine Gesinnung trägt er stolz am Revers, in Gestalt eines Hakenkreuzes.

Glanz und Elend

Bis 25. Februar 2018, Schirn-Kunsthalle am Römer Frankfurt. Geöffnet Di–So 10–19, Mi und Do bis 22 Uhr. Eintritt 12 Euro. Tel.: (069) 2 99 88 20

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