Deutsche Soldaten bei Straßenkämpfen in Stalingrad.
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Deutsche Soldaten bei Straßenkämpfen in Stalingrad.

„Sein Gesicht ist ein in Wachs geformter Schrei“

In Gefangenschaft geschrieben, verschwindet das Urmanuskript Jahrzehnte unentdeckt in russischen Archiven. „Durchbruch bei Stalingrad“ ist nicht nur ein Roman über die Grauen des Krieges. Die Geschichte des Buches selbst ist ebenso spannend.

Es ist das Ende der 6. Armee im Winter 1942/43 – zerfetzte Leiber, Hunger, Kälte und das zunehmende Gefühl der Hoffnungslosigkeit und des Verrats. Heinrich Gerlachs Roman „Durchbruch bei Stalingrad“ ist die Geschichte des Leids der Soldaten in der Kesselschlacht, geschrieben von einem Offizier, der die Hölle durchlebte und seine noch frische Erinnerung bis zum Ende des Krieges in sowjetischer Gefangenschaft zu Papier brachte.

Doch nicht der nun in Originalfassung erschienene großartige Roman erzählt eine bewegende Geschichte. Auch die Geschichte des Romans selbst ist es, die sich zu erzählen lohnt. Das mehr als 600 Seiten umfassende handgeschriebene Urmanuskript galt Jahrzehnte als verschollen.

Heldenmythos

Gerlach wurde verwundet und geriet in den Ruinen Stalingrads mit rund 90 000 anderen Soldaten in Gefangenschaft. Dort beginnt er, seinen Roman zu schreiben, wird als entschiedener Gegner der Hitler-Diktatur Gründungsmitglied des Bundes Deutscher Offiziere und des Nationalkomitees Freies Deutschland. 1950 wird Gerlach aus der Gefangenschaft entlassen. Zu diesem Zeitpunkt hat er seine Familie, die wegen seiner Regimefeindlichkeit in der NS-Zeit in Sippenhaft genommen wurde, seit elf Jahren nicht gesehen. Es gelingt ihm nicht, das Manuskript und eine Miniaturabschrift mit nach Deutschland zu schmuggeln.

Aus Angst vor dem sowjetischen Geheimdienst, er verweigert eine Zusammenarbeit, setzt er sich mit seiner Familie schließlich von Berlin aus nach Niedersachsen ab und arbeitet als Deutsch- und Lateinlehrer. Versuche, sein Manuskript zurückzubekommen, scheitern.

„Immer wieder stellt er sich die Frage, warum gerade er überlebt hat. Er leitet daraus für sich die Verpflichtung ab, Zeugnis von der Katastrophe in Stalingrad abzulegen“, schreibt der Literaturwissenschaftler Carsten Gansel im zweiten, dokumentarischen Teil des neuerschienen Originalromans zur Geschichte des Buches. Gansel fand das Manuskript erst 2012 unberührt in einem Moskauer Archiv und brachte die 614 abfotografierten Seiten nach Deutschland. Der verschollene und verloren geglaubte Roman lässt Gerlach indes keine Ruhe. Unter Hypnose rekonstruiert er aus der Erinnerung sein Werk. Sein Sohn erzählt: „Stalingrad zog in Brakes Hinterstübchen ein und beherrschte jahrelang das Leben der Garlichs (verfremdeter Name), wenn auch mit gebührendem Abstand.“

Mehr als elf Jahre nach Kriegsende kann Gerlach im Herbst 1956 das neue Manuskript übergeben, das unter dem Titel „Die verratene Armee“ 1957 zum Bestseller wird. In dem in Teilen übereinstimmenden autobiografischen Text verschlüsselt Gerlach sein eigenes Schicksal und beschreibt es in der Figur des Oberleutnants Breuer. Gerlach versichert, alles in dem Buch Beschriebene sei die Wahrheit. „Alles, was die Romanhandlung an Begebenheiten schildert, war irgendwann und irgendwo auf den Schneefeldern vor Stalingrad und in den Trümmern der Stadt einmal Wirklichkeit“, schreibt Gerlach in seinem Nachwort.

Sein fesselnder Roman ist ein Aufschrei gegen den Krieg, gegen die Absurdität des Massensterbens. Er schildert den „Führerglauben“, Entbehrungen, Mut- und Hoffnungslosigkeit, den Untergang einer Armee, die vom Regime zum Mythos der Opferbereitschaft stilisiert werden sollte. „In dem Halbdunkel des alten Pferdestalls lagen sie dicht gedrängt, die zerfetzten, verstümmelten, vom Frost entstellten Menschenleiber, in denen noch Leben war.“ Über einen Soldaten heißt es: „Sein Gesicht ist ein in Wachs geformter Schrei.“

(pie)

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