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Der Kopfschmuck sieht ja ein bisschen albern aus, aber Neil Tennant ist das offenbar egal.

Konzert in Frankfurt

Pet Shop Boys: Die ewigen Teenies

„Heute Abend sind wir The Pop Kids“: Beim Ausleuchten ihres „Inner Sanctum“ in der ausverkauften Jahrhunderthalle beschwören die „Pet Shop Boys“ einmal mehr ihre Zeitlosigkeit.

Wer der Welt im Laufe von 35 Karrierejahren so viele Hits, Ohrwürmer, Evergreens und Gassenhauer geschenkt hat, der darf damit auch großzügig hantieren. Kaum hat das britische Elektropop-Duo „Pet Shop Boys“ zum Auftakt in der proppevollen Jahrhunderthalle sein Mehrgenerationenpublikum – vom coolen Teenager über noch blasiertere Mid-30-Hipster bis hin zum jung gebliebenen Ü-50-Tanzwilligen – in die heroische Trance-Parallelwelten des Songs „Inner Sanctum“ geschickt, beschwört es die Vergangenheit. Die beiden mit metallisch-futuristischer Kopfbedeckung versehenen Pop-Propheten besingen die „West End Girls“.

Der Durchbruchshit von Vokalist Neil Tennant und Instrumentalist Chris Lowe aus dem Jahr 1984 , der einst erst im zweiten Anlauf zündete, ausgestattet mit der legendären Zeile „Sometimes you’re better off dead. There’s gun in your hand and it’s pointing at your head“, eröffnet den ausführlichen Nostalgiereigen mit Klassikern in zum Teil völlig überarbeiteten Versionen. Binnen Sekunden verwandelt sich die Jahrhunderthalle samt partywilliger Gemeinde zur Samstagnacht-Großraumdisco.

Dazu spuckt die gigantische Hintergrundprojektion permanent Kreisrundes oder Laserstrahlen in allen Farben des Regenbogens aus – ein Querverweis auf die Coverästhetik des jüngsten Albums „Super“. Neil Tennants in akzentfreiem Deutsch vorgetragene Begrüßung „Hallo Frankfurt, heute Abend sind wir die Pop Kids“ funktioniert nicht nur als Überleitung zum gleichnamigen Song, ebenfalls aus dem aktuellen Werk. Tatsächlich sind Neil Tennant (62) und Chris Lowe (57) im Gespann mit ihrem Karrierevorbild, dem amerikanischen Elektronikpop-Duo „Sparks“, die ältesten Teenager der Welt. Die mit unentwegter Reizüberflutung angerichtete Performance der „Pet Shop Boys“, bei der zwar vieles, aber nicht alles aus der digitalen Konsole stammt, ist vollgestopft mit hintersinniger Kunstbeflissenheit. Da spiegelt sich das Universum von Pop-Art-Ikone Andy Warhol ebenso wider wie das des Eklektikers David Bowie.

Der auf Tanzekstase zielende Ohrwurm-Elektropop arbeitet allerdings mit einem Subtext, der manchmal erst auf den zweiten Blick erkennbar ist: „Love Is A Bourgeois Construct“ („Liebe ist ein bürgerliches Konstrukt“) etwa verbindet manischen Discobeat mit einem von Tennant genäselten Zitat des 1659 geborenen Komponisten Henry Purcell.

In „It’s A Sin“, das die sieben Todsünden des Katholizismus aufgreift, verarbeitete Tennant seine streng katholische Erziehung in St. Cuthbert’s High School in Newcastle upon Tyne. „Inside A Dream“ zitiert den spätromantischen britischen Dichter William Blake. Doch die „Pet Shop Boys“ warten auch mit eigenen Zeilen auf, die es in sich haben: „You’re a winner, I’m a winner. Let’s enjoy it all while it lasts“ von „Winner“ gibt das sarkastische gegenwärtige Weltbild der Reichen und Superreichen wieder, denen soziale Ungerechtigkeit am Allerwertesten vorbeigeht.

Selbst wenn die durch einen männlichen und weiblichen Schlagzeuger sowie eine Keyboarderin mit gelegentlichem Griff zur Violine komplettierten „Pet Shop Boys“ sich zwischen weiteren unvergesslichen Hits wie „New York City Boy“, „Se A Vida É (That’s The Way Life Is)“ oder „Left to My Own Devices“ bei Coverversionen bedienen, bleibt das Doppelbödige nicht aus: „Go West“ etwa, im Original von der Disco-Legende „Village People“, schwelgt in den gleichen Notenfolgen wie die Nationalhymne der Sowjetunion und Russlands, die wiederum auf eine Akkordfolge des Barockkomponisten Johann Pachelbel in „Kanon in D“ zurückgeht.

Die finale Zugabe, „Always On My Mind“, wird gern als Elvis-Presley-Original missdeutet, doch stammt der einstige Countrysong ursprünglich aus dem Jahr 1972 und wurde seinerzeit von Souldiva Gewn McCrae interpretiert, ebenso wie vom einstigen Highschool-Popsternchen Brenda Lee. Selbst beim lauten Servus zum Konzertausklang der „Pet Shop Boys“ grüßt die Postmoderne noch einmal: mit einer Reprise von „The Pop Kids“. Und alle sind ganz glücklich.

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