Zombies auf dem Horror-Trip

Wer sich kräftig gruseln will, ist beim Fantasy-Filmfest genau richtig

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Vom 20. bis 30. September öffnet das Frankfurter Fantasy-Filmfest wieder seine Tore im Sachsenhäuser Harmonie-Kino.

Zombies haben Rhythmus im Blut. Nicht umsonst tanzte Michael Jackson mit den Monstern in seinem legendären Musikvideo „Thriller.“ 35 Jahre später steigen die Untoten wieder für ein „Grusical“ aus den Gräbern. In „Anna and the Apocalypse“ steppen und tanzen sie, was die vermoderten Lungen hergeben. Eine verschlafene Kleinstadt in England wird zum Schauplatz bizarrer Ereignisse, als Körperfresser die Straßen unsicher machen – und das kurz vor Weihnachten. Die junge Anna (Ella Hunt) stellt sich den Horden in den Weg, die zwischendurch immer noch Zeit für ein fröhliches Liedchen finden. Das britische Zombie-Singspiel, eine absurde Mischung aus „Shaun of the Dead“ und „La La Land“, kommt im November in die Kinos.

Bereits Monate vor der Premiere ist es im Sachsenhäuser Harmonie-Kino zu sehen, als einer der Höhepunkte des diesjährigen Fantasy-Filmfests. Auf seiner Tour durch sieben deutsche Städte macht das Festival vom 20. bis 30. September in Frankfurt Station. Nicht nur der ungewöhnlich späte Zeitpunkt, auch der neue Spielort haben unter den treuen Anhängern des Grusel-Marathons für Diskussionen gesorgt. Manchen fällt es schwer, nach Jahren in den großzügigen Lichtspielsälen des „Metropolis“ mit einer kleineren Leinwand Vorlieb zu nehmen. Eine andere Fraktion lobt den Umzug, da nun wieder die Chance bestünde, familiäres Festival-Flair zu erleben.

Der Kino-Wechsel hat indes keine nostalgischen, sondern wirtschaftliche Gründe. Die Zuschauerzahlen sind rückläufig, und die Miete eines Filmtheaters mit geringerer Kapazität spart den Veranstaltern Kosten. Der Nachwuchs fehlt, da die jüngere Generation lieber „Binge Viewing“ im Internet betreibt und sich mehrere Filme hintereinander auf Online-Portalen ansieht, statt in der Atmosphäre eines Kinos. Sollte der Abwärtstrend anhalten, könnte Frankfurt das gleiche Schicksal wie anderen Festivalstädten blühen, in denen nunmehr eine abgespecktes Programm läuft.

Noch kommen die Besucher in den Genuss aller 50 Premieren aus den Bereichen Horror, Science-Fiction, Fantasy und Thriller. Zur Eröffnung (20.9., 19.30 Uhr) steht ein Kracher ins Haus. Extrem-Schauspieler Nicolas Cage gibt in „Mandy“ ein furioses Comeback als Holzfäller, der nach dem Mord an seiner Frau zum Rächer wird und mit Hilfe einer selbstgebastelten Hellebarde unter einer Sekte aufräumt. Der kanadische Filmemacher Panos Cosmatos vereint Schockeffekte und Heavy-Metal-Soundtrack zu einem wahren Bildersturm. Dabei erweist sich Cosmatos als würdiger Erbe seines Vaters, dem viel zu früh verstorbenen „Rambo“-Regisseur George Pan Cosmatos.

Wer harte Filmkost mit philosophischen Einschlägen schätzt, kommt am Franzosen Gaspar Noé nicht vorbei. Ob „Menschenfeind“, „Irreversibel“ oder „Enter the Void“ – seit zwei Jahrzehnten verstören und verzaubern Noés Meisterwerke das Publikum. Sein jüngster Streich „Climax“ beginnt harmlos. Eine Gruppe von Profi-Tänzern feiert den Beginn ihrer USA-Tournee. Man lacht, ist vergnügt und kippt ein bisschen zu viel LSD in die Sangria-Bowle. Im Handumdrehen mutiert die Party zum Vorhof der Hölle. Gaspar Noé zieht alle optischen und akustischen Register, um das Abgleiten in den Wahnsinn auf die Leinwand zu bannen. Dafür gab es Szenenapplaus bei den Filmfestspielen in Cannes.

Zu den größten Talenten unter den Genre-Regisseuren zählt der erst 28-jährige New Yorker Nicolas Pesce („The Eyes Of My Mother“). In der tiefschwarzen Sadomaso-Komödie „Piercing“ möchte der schüchterne Reed (Christopher Abbott) seine Gewaltfantasien an einem Callgirl ausleben, bis sich herausstellt, dass ihm die Dame in Sachen Geisteskrankheit in Nichts nachsteht. Nicolas Pesce inszenierte die Groteske im Stil der 60er Jahre und lässt auf dem Soundtrack die Kult-Band „Goblin“ erklingen.

Weniger brutal geht es im schwedischen Märchen „Border“ zu. Heldin der Geschichte, die auf einer nordischen Sage beruht, ist die Zollbeamtin Tina. Ihr tierisches Äußeres verschreckt die Mitmenschen. Bis sie einem Mann begegnet, der merkwürdigerweise genauso aussieht wie sie selbst.

Der brasilianische Beitrag „The Cannibal Club“ lotet die politische Seite des Horror-Kinos aus. Regisseur Guto Parente nimmt den Vorwurf wörtlich, dass die Armen immer von den Reichen gefressen werden. In einer abgelegenen Villa genießt die Elite ihr Dinner, bestehend aus Arbeitslosen und Almosenempfängern. Der dekadente Spaß findet ein Ende, als sich der Spieß umdreht. Angesicht der bitterbösen Gesellschaftssatire würde selbst Hannibal „The Cannibal“ Lecter der Appetit vergehen.

Mit Armut und Korruption setzt sich auch das Action-Spektakel „Buybust“ auseinander. In den Slums von Manila liefern sich Drogenhändler und Polizisten eine erbitterte Schlacht, wobei zusehends die Trennlinie zwischen Gut und Böse verwischt.

Jenseits aller Grenzen des guten Geschmacks bewegt sich längst das Reality-Fernsehen, dessen Auswüchse der Japaner Shinichiro Ueda in „One Cut Of The Dead“ konsequent zu Ende denkt. Was tut ein Regisseur, wenn am Set eines Horrorfilms plötzlich echte Zombies auftauchen und für realistischen Schrecken sorgen? Natürlich hält er mit der Kamera gnadenlos drauf, während seine Schauspieler naturgetreu dahinscheiden. Eine wahrhaft bissige Medienkritik mit hohem Splatter-Faktor.

Das Fantasy Filmfest wäre nicht komplett ohne eine zünftige Teufelsaustreibung. „The Inhabitant“ beginnt wie ein Kriminaltango. Drei Gangster-Schwestern brechen in die Villa eines mexikanischen Politikers ein. Als die Bande in den Keller steigt und die Tochter des Hausherren findet, mit Stricken ans Bett gefesselt, wandelt sich der Thriller zur grandiosen Huldigung an Klassiker im Stile von „Der Exorzist“.

Gediegene Gänsehautmomente bietet „The Golem“, eine neue Variante der jüdischen Legende. Im Litauen des 17. Jahrhunderts wütet die Pest. Der Witwe Hannah (Hani Furstenberg) gelingt es mit Hilfe heiliger Schriften, ein aus Lehm geschaffenes Wesen zum Leben zu erwecken, das ihren Wünschen gehorcht. Die Kreatur nimmt die Gestalt eines kleinen Jungen an und beschützt Hannah, wobei sie gnadenlos über Leichen geht.

Zu den ältesten filmischen Umsetzungen des „Golem“-Mythos zählt Paul Wegeners Version aus dem Jahr 1920. Seinerzeit war der deutsche Expressionismus ein Aushängeschild des fantastischen Films. Heute haben es Wegeners Erben schwer, sich gegen die internationale Konkurrenz durchzusetzen. Umso lobenswerter ist das Engagement des Nachwuchskünstlers Tilman Singer.

Sein Erstlingswerk „Luz“ handelt von einer verwirrten Taxifahrerin, die eines Nachts auf einer Polizeistation auftaucht und in scheinbarer Besessenheit vor sich hin brabbelt. Ein Fall für den Psychologen Rossini. Er versetzt die Frau in Hypnose, um einen Dämon aus ihrem Leib zu exorzieren. Auftakt für eine knifflige Story voller überraschender Wendungen und betörender Bilder.

Harmonie-Kino Frankfurt

Dreieichstraße 54. Karten zu 10 Euro im Internet www.arthouse-kinos.de und

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