Theater

„Das siebte Kreuz“ hatte Premiere am Frankfurter Schauspiel

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In seiner ersten Regiearbeit als Intendant berichtet Anselm Weber von der Flucht eines kommunistischen KZ-Häftlings, der von der Gestapo gesucht wird.

Wie oft schon hat man solche Bilder gesehen. Geschundene Juden oder Kommunisten, versehrt vom Elend im Konzentrationslager, ausgezehrt von Hunger und Krankheit, nur mehr erwärmt von jenem Funken Hoffnung, der erst im Tod erlischt. Derart ausgiebig haben Kino und Fernsehen die Erinnerung an das Dritte Reich sowie das Mitgefühl mit dessen Opfern geweckt, dass längst abwehrend von Nazi-Industrie die Rede ist. Doch selbst wenn das gemeinsame Schicksal der Verfolgten bereits so hinreichend vor Augen geführt worden wäre, dass es abgearbeitet scheint: Das einzelne Schicksal lässt sich noch immer ergreifend aus der Masse herausmodellieren. Fände das Theater für derlei Leiden keine Bilder und Worte mehr – es wäre am Ende.

Der große jüdisch-amerikanische Hollywood-Regisseur Fred Zinneman („Zwölf Uhr mittags“) hat den 1938 verfassten Roman „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers im Weltkriegsjahr 1944 grandios verfilmt. Wie es seine Art war, hat Zinneman die Sicht auf menschliche Urkräfte gerichtet: Wo das Böse lange genug ungehemmt in Aktion ist, da tritt auch das Gute hervor. Es hilft und rettet und sichert nicht zuletzt dem Glauben an die Gerechtigkeit das Überleben. Das Gewissen, dieses wundersame Organ, erfüllt seine Pflicht, weil anderenfalls die Menschheit an sich selbst zu Grunde ginge.

Jetzt hat der teilweise in Frankfurt spielende Roman von sieben geflüchteten Häftlingen in der Mitte der Stadt, am Frankfurter Schauspiel, auf die Bühne gefunden. Anselm Weber zeigt seine erste Inszenierung als neuer Intendant und bestätigt gleich den Argwohn, dass Anna Seghers’ Prosawerk nicht so recht für die Bühne taugt. Angestrengte Künstlichkeit beherrscht den zweistündigen Abend. Wie fast immer, wenn die darstellende Kunst den Realismus scheut, endet sie auch hier im epischen Aufsagetheater. Frisch gewaschene Schauspieler von heute spielen gepflegt verhärmt aussehende Menschen von gestern, irgendwo zwischen Bertolt Brechts Dramaturgenlehre und altgriechischer Tragödie.

Der Chor der Nebendarsteller hat gerade das romantische Lied „Am Brunnen vor dem Tore“ angestimmt, da kriecht der Kommunist Georg Heisler (Max Simonischek, Sohn von Peter Simonischek) zwischen den Füßen der Singenden hervor. Er ist aus dem KZ Westhofen bei Mainz entkommen und will nach Frankfurt, zurück zu Freunden und zur geliebten Leni. Wird er durchkommen, trotz Fieber und Kälte? Kann er wieder „Mensch unter Menschen“ sein? „Jetzt ist der Nebel gestiegen am Rhein“, deklamiert der Chor. Er spricht von Lichtern entlang des Stroms und von Booten, die in die Freiheit gleiten. Wenn alles gutgeht, werden es auch die Boote der Geflohenen sein.

Die Rückwand der schwarzen Bühne ist mit einem Gittermuster bemalt. Gelbe Notlampen leuchten. Die Stadt Frankfurt liegt abstrakt unsichtbar im Dunkel ewiger Nacht. Anselm Weber geht weit auf Gefühlsabstand zu der Geschichte von den „Sieben Kreuzen“, an denen die Entflohenen aufgehängt werden sollen, wie zum Hohn auf den gekreuzigten Jesus. Weber, das weiß man, ist ein solider Handwerker mit Feingefühl. Er versteht es, große Ereignisse zu kleinen Szenerien zu verdichten. Unvergessen ist seine Frankfurter „Johanna von Orleans“ mit Judith Engel. Nun aber erschafft er zunächst viel Steifheit und Befremdlichkeit, fasst Handlung in Monologe und Dialoge, ergeht sich in Stilistik. Es treten auf und ab: die Bewohner eines Dorfes, die Georg aus Angst vertreiben. Dann, in Frankfurt, Niederrad: Leni, die nichts mehr wissen will von Georg. Schließlich: der Freund in Rödelheim und der jüdische Arzt im Riederwald, die ebenfalls um ihre Sicherheit fürchten, bis sie ihre Verantwortung erkennen und den Geflüchteten doch kurz bei sich aufnehmen, obwohl er übers Radio gesucht wird. Sich bei der Gestapo in der Mainzer Landstraße stellen will Georg nicht. Sein Kreuz soll leer bleiben. Warum sollte er seinen Peinigern seinen Tod schenken?

Max Simonischek schlägt sich durch seine Rolle wie Georg durch die Lande, anfangs in befleckter heller Hose und brauner Wildlederjacke, später in gelbem Mantel mit Hut, die verletzte Hand erst blutend, dann verbunden. Er hetzt über die Bühne, von links nach rechts und zurück. Die Leere, die er zu füllen hat, ist gewaltig. Wohl deshalb bringt Webers Regie den südafrikanischen Sänger Thesele Kemane ins Spiel – ein Verweis auf heutige Flüchtlinge? Kemane trägt Franz Schuberts „Winterreise“ vor, den Liederzyklus von der Kälte, die in die Glieder kriecht, bis alles erstirbt. So durchbrochen gewinnt das Buch von Anna Seghers noch weniger Dramatik, als ihm trotz aller Bedenken zuzutrauen wäre. Immerhin ist es neben Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ das vielleicht wichtigste Werke aus dem Milieu kleiner Leute, die über den Widerstand zu Helden aufsteigen.

Am Schluss rauscht der Beifall der Mitmenschlichkeit durch den Saal. Draußen, hinter den Städtischen Bühnen, am Main, steigt herbstliche Feuchtigkeit auf. Am Tiefkai kauern Gestalten, die Kapuzen über die Köpfe gezogen. Auch das ein Schauspiel, wiewohl ein unwillkürliches. Manchmal wünschte man sich etwas weniger von solchem Theater im Leben – und dafür mehr Leben im Theater.

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