Hadert mit der Welt: der australische Musiker Nick Cave.
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Hadert mit der Welt: der australische Musiker Nick Cave.

Düster-Rocker Nick Cave

Soundtrack zum Nervenzusammenbruch

Das neue Album von Nick Cave setzt sich mit dem Unfalltod seines 15-jährigen Sohnes Arthur auseinander. Es ist ein dramatisches Zeugnis der Erschütterung.

Als Nick Cave an einem lauen Sommerabend des vergangenen Jahres im Studio stand, um mal wieder ein paar neue Songs einzuspielen, da beging sein 15-jähriger Sohn Arthur einen fatalen Fehler. Gemeinsam mit einem Freund hatte sich Arthur Cave in der südenglischen Hafenstadt Brighton ein bisschen LSD besorgt, um die Droge auszuprobieren. Zeugen berichten später der Polizei, wie sie die beiden Jungen durch die Gegend nahe der Klippen der Stadt taumeln sahen, wie Arthur Cave über einen Zaun kletterte, und wie sie zusehen mussten, wie der Jugendliche in den Abgrund und in seinen Tod stürzte.

Das Leben von Nick Cave und seiner Frau Susie Bick stand nach diesem tragischen Abend still. Nick Cave, der wortgewaltige australische Schmerzensmann, der sich in den vergangenen 30 Jahren vom randalierenden Rock ’n’ Roll-Tier zum galanten Düster-Poeten wandelte, fand keine Worte mehr. Alles erstarrte. Doch um den gewaltigen Schmerz auszuhalten, setzte Nick Cave seine Arbeit fort. Er machte weiter, um nicht zu erfrieren.

Dabei ist jenes Album entstanden, das nun unter dem Titel „Skeleton Tree“ herausgekommen ist. Dieses Album, wie sollte es anders sein, ist schrecklich. Schrecklich meint: kalt, düster, verzweifelt. Es ist ein Zeugnis aus dem Herzen der Finsternis. Es ist Caves dunkelstes, hoffnungslosestes, zermürbendstes, ja furchterregendstes Album.

Acht Songs sind darauf zu hören, und diese acht Songs pfeifen auf klassische Song-Strukturen, auf das altbekannte Strophe-Refrain-Strophe-Spiel. Es gibt knisternde und grollende Sounds, ohne Anfang und ohne Ende. Die Lautstärke variiert, die Dynamik divergiert. Cave singt und spricht dazu mit einer Stimme, so tief wie der Marianengraben. Es ist der Soundtrack zu einem Nervenzusammenbruch. Musik, so hoffnungslos wie kaum eine andere Musik auf diesem Planeten.

Die Songs heißen hier „Jesus Alone“, „Ring Of Saturn“ und „Girl In Amber“, und sie klingen wie die Begleitmusik zu einem fürchterlichen Grauen.

Müßig, für diesen Sound eine Genre-Beschreibung zu finden: Man kann diese Musik vielleicht synthetischen Jazz nennen, doch eigentlich entzieht sie sich jeder Zuschreibung: Die Musik von „Skeleton Tree“ ist flüchtig, kaum greifbar. Gibt es die Ahnung eines Refrains, wie etwa im eröffnenden „Jesus Alone“, da düst ein Sound-Orkan durch die Klang-Landschaft, die das bisschen Harmonie im Keim erstickt. „Skeleton Tree“ ist die musikalische Fortsetzung von Caves Meisterwerk „Push The Sky Away“ (2013) – obwohl der Vergleich hinkt: Das düster-minimalistische „Push The Sky Away“ ist geradezu ein fidel herumspringendes Rehkitz, hat man die neuen Songs von Nick Cave im Ohr.

Die Entstehung dieses unheilvollen Albums wurde im Dokumentarfilm „One More Time With Feeling“ festgehalten. Fast zwei Stunden hält die Kamera in schwarz-weißen Bildern fest, wie Nick Cave am Piano sitzt, um Worte ringt. Er sagt Dinge, die dem Zuschauer das Blut in den Adern gefrieren lassen. „Ich habe das Gefühl, ich verliere meine Stimme“, sagt er an einer Stelle, als er gerade mal wieder mit dem sinistren „Jesus Alone“ zu kämpfen hat. Das Gesicht ist fahl, zusammengefallen. Die Augen sind leer, und tatsächlich klingt die Stimme müde und matt. Viele Künstler ziehen aus Lebenskatastrophen Inspiration für neue Projekte, heißt es irgendwann. „Bei mir ist das Gegenteil der Fall“, sagt Cave. Dann guckt er aus dem Fenster des Autos. Draußen regnet es.

Der Film „One More Time With Feeling“ ist das Zeugnis einer fundamentalen Erschütterung. Er zeigt einen gebrochenen Mann, der mit der Welt hadert. Bisher kannte man Nick Cave als einen Mann, der sich als Fürst der Finsternis inszenierte. Einen Künstler, der die dunkelsten Ecken der Menschheit erkundet. Er sang über Serienmörder und Vergewaltigung, er sang über Sucht und Krankheit, übers Verderben und Scheitern. Der Film „One More Time With Feeling“ und das Album „Skeleton Tree“ machen Schluss mit der Kunstfigur Nick Cave. Erstmals, so scheint es, schält sich ein Mensch aus dieser Hülle heraus.

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