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Spektakuläre Kunst-Kleider: Romantisch und schockierend

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Der in New York lebende deutsche Fotograf Dietmar Busse bedeckt in diesem Selbstporträt von 2002 seinen Körper mit Blumen, Blüten und Blättern und schafft so ein ?Naturkleid?.	Abb.: Sinclair-Haus
Der in New York lebende deutsche Fotograf Dietmar Busse bedeckt in diesem Selbstporträt von 2002 seinen Körper mit Blumen, Blüten und Blättern und schafft so ein ?Naturkleid?. Abb.: Sinclair-Haus © Abb.: Sinclair-Haus

„Die zweite Haut“, so der Ausstellungstitel im Bad Homburger Sinclair-Haus, zeigt Verhüllendes aus ungewöhnlichen Naturmaterialien von 25 Künstlern.

Bäh, wie eklig! Als Frau ein Kleid aus 25 Kilo Fleisch tragen, zusammengeflickt aus rohen Steaks? Oder als Mann eine Badehose aus ebenfalls rohem Rouladenfleisch anziehen? Nie und nimmer! Fleisch von Tieren essen zwar viele von uns, aber selbst gebraten oder gekocht gehört es nicht auf die nackte Haut – so die spontane Reaktion. Das Gefühl des Abscheus können wir gut damit erklären, dass wir selbst auch aus Fleisch bestehen, geschützt von einer Hautschicht.

An die Haut aber lassen wir, außer Wasser, Seife und Cremes, nur unsere Kleider. Die dienen als verbergende und wärmende Hülle, aber auch als Schmuck, mal mehr, mal weniger modisch. Dieser „zweiten Haut“ widmet jetzt das Bad Homburger Museum Sinclair-Haus eine bis 12. Februar nächsten Jahres laufende Schau. Unter den 25 überwiegend jungen Künstlern sind immerhin 20 Frauen, aber nur fünf Männer. Denn Frauen, so Ina Fuchs, die Co-Kuratorin neben Museumschef Johannes Janssen, beschäftigen sich stärker mit dem eigenen Körper.

Erstaunlich viele Künstlerinnen sind aus Skandinavien dabei. Sarah Cooper und Nina Gorfer stammen zwar aus Frankfurt und Wien, leben aber in Göteborg und Berlin. Sie haben die dritte „Nordic Fashion Biennale“ kuratiert, die vor zweieinhalb Jahren auch im Frankfurter Museum Angewandte Kunst zu sehen war. Ihre Fotos zeigen junge Frauen als scheinbare Zwillinge, umhüllt mit Wollkleidung von den Färöer-Inseln und entworfen von den Modedesignerinnen Gudrun & Gudrun.

Ein Rock aus Fischen

Diese teils romantisch-rätselhaften, teils surrealistisch-symbolhaften Kleider erzeugen eine verwunschene Stimmung. Ein anderes Mädchen erscheint mit seinen geschlossenen Augen fast wie eine Elfe oder eine Fee, auch wenn sie einen Rock aus Fischen trägt und einige sogar in der Hand hält. Merkwürdigerweise kommt hier kein Gefühl des Ekels auf – die Beziehung zwischen Mensch und Tier ist in den nordischen Ländern noch viel ausgeprägter als bei uns.

Diese Verbundenheit mit der Natur und dem Wetter ist vor allem bei der älteren Generation gut zu beobachten, wie die norwegische Fotografin Karoline Hjorth und die finnische Bildhauerin Riitta Ikonen dokumentieren. Sie ließen jedes Modell ein bevorzugtes Naturmaterial auswählen, mit dem es sich dann einhüllte, vom Moos bis zu knorrigen Ästen. Die Schau versammelt aber auch witzige Ideen wie eine Handtasche aus Weidenkätzchen der Finnin Anni Rapinoja oder Kleider aus getrockneten Pflanzen der Wiesbadenerin Ulla Reiss.

Bei Wilma Hurskainen, auch sie eine Finnin, passen sich die Frauen sogar der Natur an. Eine halb auf der Wiese, halb auf dem Acker liegende Frau trägt entsprechend eine grüne Bluse und eine braune Hose. Nur ihr Gesicht sticht heraus, der Körper wird fast eins mit der Natur.

Das krasse Gegenteil macht Alba D’Urbano, die zu den bekanntesten Künstlerinnen der Schau zählt. Schon seit den 90er Jahren bedruckt sie Röcke, Kleider, T-Shirts, Hosen und selbst Mäntel mit Fotos ihres nackten Körpers. Mit diesen Stoffen der Italienerin fühlt sich wohl keine Frau bekleidet, auch wenn nicht der eigene Busen auf dem Shirt prangt, nicht die eigene Scham auf dem Rock zu sehen ist. Ein deutlicher Protest gegen die Vermarktung des weiblichen Körpers durch Mode und Werbung. Die Schau hat also neben einer spielerischen auch eine sehr ernste Seite. Das setzt sich im Obergeschoss des Sinclair-Hauses fort.

Schäbig bis schaurig

Esther Glück etwa hat Kleider geformt aus Laub vom jüdischen Friedhof in Augsburg oder aus Sand vom Flussbett der Eger bei Theresienstadt. Diese Hüllen sind ebenso schäbig wie schaurig, sie sind eindrucksvolle Erinnerungsarbeiten der Künstlerin, die 1966 in Dachau geboren wurde. Dort betrieben einst die Nazis ein Konzentrationslager, ähnlich wie in Theresienstadt.

Wenige Schritte weiter steht man vor den eingangs erwähnten Ekel-Hüllen, dem 25-Kilo-Kleid der Tschechin Jana Sterbak und der Badehose der Deutsch-Syrerin Adidal Abou-Chamat – vielleicht auch Mahnungen der eigenen Vergänglichkeit.

Aber was machen die Männer? Auch nicht viel anderes als die Frauen. Das Duo Kahn & Selesnick spielt mit der Natur als Verkleidung für fiktives Theater. Ihr „König der Vögel“ hat nur Mantel, Schnürstiefel und Handschuhe an und ist von Kopf bis Fuß übersät mit Vögeln. Dietmar Busse bedeckt seinen Körper mit Blumen, Blüten und Blättern, während der chinesische Künstler Huang Yan seinen Oberkörper und seine Arme mit Landschaften bemalt. „Eine Landschaft zu malen heißt, einen Menschen zu malen, sich selbst zu malen“, meint er. Der in Frankfurt lebende Vollrad Kutscher schließlich, mit 70 Jahren der älteste Teilnehmer, erprobte schon 1980 das Einswerden mit der Natur.

Museum Sinclair-Haus, Bad Homburg, Löwengasse 15, Eingang Dorotheenstraße. Bis 12. Februar 2017. Geöffnet dienstags 14–20 Uhr, mittwochs bis freitags 14–19 Uhr, samstags und sonntags 10–18 Uhr. Eintritt 5 Euro. Katalog 20 Euro. Telefon (0 61 72) 40 41 20. Internet

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