1. Startseite
  2. Kultur

„Sportfreunde Stiller“-Drummer Florian Weber liest im Münchner Volkstheater aus seinem neuen Roman

Erstellt:

Von: Antonio Seidemann

Kommentare

Florian Weber sitzt auf der Ladefläche eines Pickups, hinter ihm ein Getreidefeld, das Bild ist schwarz-weiß
Unterwegs: Florian Webers neuer Roman liest sich stellenweise wie ein Roadmovie. „Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“ erscheint am Montag. © Mirco Taliercio

„Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“ ist bereits der dritte Roman von Florian Weber. Im Münchner Volkstheater stellt er sein neues Werk vor.

Florian Weber kennt man als Schlagzeuger der Sportfreunde Stiller, die Band bereitet derzeit ein neues Album und Live-Auftritte vor. Wenn der Mann aber nicht gerade die Felle bearbeitet, dann malt er oder schreibt Romane. Man hört und liest ja immer wieder – mehr oder weniger begeistert – von schauspielernden Sängern und singenden Schauspielern. Literarisch ambitionierte Drummer sind dagegen eher selten.

Webers neues, inzwischen drittes Werk ist am Montag, 14. März 2022 erschienen und trägt den sperrigen Titel „Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“. Am 09. April um 20 Uhr stellt er seinen neuen Roman im Münchner Volkstheater bei einer Lesung vor.

Ein Lama, ein Clown und Heinrich Pohl treiben verloren im Ozean

Zu Beginn erwacht Heinrich Pohl mitten im Ozean auf einer Hartplastikbox liegend – und wird wohl bald ertrinken oder verdursten. Neben ihm treiben leere Bierdosen sowie ein Lama, das sich strampelnd über Wasser hält.

Herr Pohl hat keine Ahnung, wie er in diese Lage gekommen ist. Ja, er weiß nicht einmal, wie er heißt oder wer er ist: Amnesie. Mit einem Tau ist zudem ein Clown an ihn gebunden, der ohnmächtig in einer Schwimmweste schaukelt. Schließlich zieht eine Möwe vorbei, die bei Herrn Pohl Bilder seiner Kindheit wachruft; damit beginnt ein Prozess des Erinnerns.

In Rückblenden erforscht Heinrich Pohl, wer er ist und was passiert ist

So wechselt die Erzählung zwischen dem wachsenden Durst auf dem Meer und den Rückblenden vor allem in das Antiquitätengeschäft des Onkels Wendelin, den der junge Heinrich vergöttert, während er vom Vater hauptsächlich Schläge bezieht. Dieser Wendelin weiß zu jedem Gegenstand in seinem Laden eine hanebüchene Geschichte zu erzählen, wie die der Gitarre, die einem gewissen Samuel T. Stoner gehört haben soll, der in einer Kneipe ein paar Akkorde zupfte und dabei von Who-Gitarrist Pete Townshend und Elton John gehört wurde. Aus den Akkorden schuf Elton John dann seinen Hit „Candle in the Wind“ – „Konfabulation“, diagnostiziert Heinrichs erste zarte, unerwiderte Sehnsucht Franziska.

Überhaupt die Musik, die lernt Heinrich durch seinen Onkel lieben, vor allem gespielt auf einem Klavier, das Wendelins großer Liebe Kerstin gehörte. Und prompt taucht im Meer beim Ertrinkenden ein Klavier auf einem Schlauchboot auf. Ist Heinrichs Schiffbruch ebenfalls eine „Konfabulation“, also das Füllen von Gedächtnislücken mit Erfundenem?

Am Ende klärt sich alles auf - fast ein bisschen enttäuschend

Als Webers Protagonist ein Flugzeug am Himmel sieht, fällt es ihm ein: Er saß doch im Flieger mit Wendelin. Ab hier wechselt der Autor die Erzählperspektive, und Heinrich berichtet von seiner Amerika-Reise mit seinem Onkel. Mit einem Pick-up-Truck, auf dem ein Klavier thront, müssen verschiedene Stationen angefahren werden auf der Spur von Kerstin, vom Arches-Nationalpark bis zum Appalachian Trail.

Wie in einem Roadmovie lösen sich von nun an die einzelnen Geschichtsknoten nach und nach auf – auch Webers Sprache wird empathischer. Wo bisher skurrile Einfälle, kurze Sätze und Geheimniskrämerei herrschten, breitet er nun das Seelenleben dieser beiden Verwandten aus. Sie entdecken viel auf der Reise, von Schamanengesängen bis hin zu Begegnungen mit dem Ku-Klux-Klan – und stoßen schließlich auch auf den Clown mit dem Lama.

Irgendwann klärt sich alles auf: Wie Heinrich letztlich im Wasser gelandet ist, liest sich dann fast ein wenig enttäuschend, der dazu aus dem Nichts eingeflochtene Mini-Krimi wirkt ein wenig konstruiert. Mitreißend ist aber die Auflösung der Geschichte von Onkel und Neffe, bei der man mal schmunzeln, letztendlich aber auch ein paar Tränen vergießen kann. Florian Webers Roman ist eine Ode an das Leben, oder wie Wendelin sagt: „Das Leben ist ein verfluchtes Experiment. Überleg nicht lang, mach einfach.“

Auch interessant

Kommentare