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Während eines Gesprächs an der Kunstakademie in Düsseldorf zeichnet Joseph Beuys mit Kreide auf den Boden.

Gegenwartskunst

Städel-Museum: Ein halbes Jahrhundert Kunst im Rückblick

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Im Städel-Museum wird Kunst nicht nur gezeigt, sondern auch erforscht. Ein Ergebnis im Bereich der Gegenwartskunst ist das „Café Deutschland – Im Gespräch mit der ersten Kunstszene der BRD“ – etwa 75 Gespräche mit herausragenden Akteuren zwischen 1945 und 1990.

Man kann es nur nachdrücklich empfehlen: Besuchen Sie das „Café Deutschland“! Haben Sie teil an den Gesprächen, die dort geführt werden. Sie werden tiefgründigen, nachdenklichen und heiteren, scharfzüngigen und manchmal sogar weisen Diskutanten begegnen. Ein Besuch im „Café Deutschland“ ist erkenntnisreich, witzig und erhellend. Vieles, was dort besprochen wird, ist in seiner blitzgescheiten Sprunghaftigkeit überraschend. Und da das Café Deutschland in Wahrheit kein Café ist, sondern ein dickes Buch, aber ursprünglich nicht einmal das, sondern das vieljährige und im Internet komplett zugängliche Städel-Forschungsprojekt einer einzigen Person namens Franziska Leuthäußer, brauchen Sie für einen Besuch nicht einmal das Sofa zu verlassen. Leuthäußer hatte es sich zum Ziel gesetzt, die deutsche Nachkriegskunst in Zweiergesprächen zu erfassen. Dafür hat sie mehr als 75 Künstler und Kunstschaffende wie Kritiker, Galeristen und Museumsdirektoren besucht.

Den vielen Gesprächen mit den vielen Menschen sind gründliche Vorbereitungen vorausgegangen. Stets werden sie auf Augenhöhe geführt. Weder tritt je ein Leerlauf auf, noch verlieren die Gespräche ihren teils geradezu magischen Sog. Er entsteht daraus, dass Leuthäußer, selbst fast unsichtbar im Hintergrund bleibend, die Menschen, mit denen sie spricht, nicht nur zu Wort, sondern auch zu Gedanken kommen lässt, und da es sich um herausragende Künstler ihrer Zeit handelt, sind dies auch nicht selten die Gedanken.

Was die Namensliste anbelangt: Sie beginnt bei A wie Götz Adriani und führt über Thomas Bayrle, Bazon Brock, K. O. Götz, Hans Haacke, Peter Iden, Kasper König, Markus Lüpertz, Otto Piene , Gerhard Richter und Arno Rink bis zu Klaus Staeck, Ulay, Armin Zweite und dem legendären Sammler und Galeristen Rudolf Zwirner. Die leitende Frage lautet: Was war das für eine Kunst, die nach dem Großen Krieg entstand, und wer machte da was mit wem, und warum? 

Anekdoten und Einsichten

75 Gespräche, die sich oft über Stunden zogen, da kommt viel Material zusammen. Das Städel hat das komplette „Oral-History-Projekt“ über die Zeit von 1945 bis zur Wiedervereinigung 1990 auf seiner Homepage veröffentlicht. Wer es nicht digital mag, ist mit 98 Euro für 2000 engbedruckte Seiten (Kehrer-Verlag) dabei.

Das ganze ist ein Steinbruch, es kann nicht anders sein, ein wilder Ritt zu den Ursprüngen der Nachkriegskunst, ein Mix aus Anekdoten und Animositäten, Einsichten und Aussichten, geographisch übrigens mit einem gelegentlich auffälligen Schwerpunkt auf dem Rhein-Main-Gebiet sowie allerdings üppigen Ausflügen nach München, ins Beuys’sche Rheinland und sonstwohin.

Nicht nur eine Innensicht liefert dieses Werk, sondern deren gleich Dutzende, und dass es sie nicht in den Guss einer Studie zwingt, sondern zurückhaltend in ihrer ganzen Disparatheit locker nebeneinander stehen lässt, als Flecht- und Flickwerk, ist ein großes Lob wert. So bleibt es dem Leser selbst überlassen, nachzuschlagen, wer sie wie über wen geäußert hat. Zum Beispiel, wie Baselitz nicht unvergiftet Gerhard Richter lobt: Immer habe der „schöne“ Bilder gemalt, die sich prächtig verkauften, Polke hingegen sei „ein unangenehmer Typ“ gewesen.

Galerist René Block erzählt, wie er in den späten 60ern Bilder von Richter für 600 bis 2000 Mark verkaufte. Und nahezu alle, auch diejenigen, die weniger mit ihm anfangen konnten, erinnern sich an den charismatischen Beuys. Auftritts-Künstler Bazon Brock zum Beispiel, dezent ätzend: Er, Brock, habe Wirkung ohne Werk, Wolf Vostell ein Werk ohne Wirkung, Beuys aber beides: Wirkung und Werk.

Bei all dem sind wir noch nicht übers Plakative und Anekdotische herausgekommen, der bleibende Wert dieser Gespräche aber besteht darin, dass sie die Künstler und Kunstschaffenden so zu Wort kommen lassen, wie sie denken und sind: Thomas Bayrle etwa, der das Thema Massenproduktion in Deutschland aus einer tief empfundenen Faszination zu seinem Lebensthema werden ließ wie Warhol zuvor in den USA: „Ich habe dieses Allover mehr von Scharlach und Masern her, also von Hautkrankheiten. Dass die ganze Gesellschaft, sozusagen, überzogen wird mit Mustern. Das war vielleicht auch schon so ein gewisser Irrsinn. Ich habe das tatsächlich gesehen wie den Grießbreiberg in diesem Märchen, wo der Grießbrei überläuft und dann in die Straße läuft, die Wände hoch, über die Kleider und über alles.“

Das ist der typische assoziative Bayrle-Ton, der nirgendwohin und zugleich ins Zentrum seines Denkens führt. Und weil sich jedes der Gespräche ganz und gar einlässt auf die Erinnerungen und Sichtweisen, durchaus kritisch nachhakt, aber immer nahe beim Biographischen bleibt, findet jedes Gespräch zu seinem eigenen Zentrum. 

Irrtum an der Bar

Mary Bauermeister ging mit ihren Bildern hausieren wie ein Staubsaugervertreter mit seiner Ware. Bazon Brock erzählt, wie er 1976 mit Theaterregisseur Peter Zadek an der Bar saß, und Zadek redete vom Zauberer Merlin, Brock aber verstand Marilyn und dachte an die Monroe, und also redeten sie aneinander vorbei, und dann dachten sie, nachdem sich das Missverständnis aufklärte, nach zwei langen Stunden: Da machen wir was draus! Leider wurde das nie etwas.

„Man musste es schon selber machen.“ Auch das ist so ein Brock-Satz, und er könnte über vielen Gesprächen stehen, weil all diese sich der Kunst Widmenden große Selbermacher waren, Selbermacher allerdings in einer Gemeinschaft, der es nicht ums große Geld ging wie vielen heute, sondern um Ideen. Hier lassen sie ihr Leben Revue passieren: Und das Schöne daran ist zu erkennen, dass der Erfolg, der im Rückblick ja immer da ist, am Anfang oft mehr als fraglich war.

Zu Beginn stand oft der Sprung ins Nichts, die komplette Ungewissheit. Der Reiz, diese Gespräche in ihrer Abfolge zu lesen, besteht nicht zuletzt darin, die Kunst gewissermaßen noch einmal erleben zu können, von ihren ersten Entstehungsphasen her, und sie also dort zu entdecken, wo sie eines noch nicht war: arriviert.

Über den immens umfangreichen Personenindex kann man sich digital quer durchs Werk fressen: Wer sagt was über wen? Ein prächtiger Spaß ist das, aber nicht immer funktioniert sie einwandfrei. Sucht man nach dem Deutschbanker und Kunstmäzen Hermann Josef Abs, stößt man auf viele Textstellen, die von „abs“trakten Bildern, „Abs“chreckung oder „abs“olut „abs“urden Monstern handeln.

Fast 80 Gespräche, und immer wieder Beuys: Werner Zweite erzählt, wie nervös er war vor einer Ausstellung, bald sollte Eröffnung sein – und nichts war aufgebaut. Beuys aber hatte die Ruhe weg, unterhielt sich stundenlang im Café. Am Abend schimpfte er dann über „die jungen Museumsleute“: Sie taugten halt nichts, wenn es Abend werde, müssten sie heim zu Mami. Und dann baute er mit Zweite die komplette Ausstellung auf, 350 Objekte, in einer einzigen Nacht. Zum Schluss war alles gut.

So ist es auch mit diesem Band: Er lässt ereignisreiche, oft mühselige Lebensjahre passieren. Und zum Schluss kann man sagen: Es war wohl gut.

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