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Der schwedische Jazzer Nils Landgren.

Jazz

Star-Posaunist Nils Landgren gratulierte Leonard Bernstein in Wiesbaden zum 100. Geburtstag

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Nils Landgren und „Manhattan-Transfer“-Sängerin Janis Siegel erwiesen Leonard Bernstein beim Rheingau-Musik-Festival im Wiesbadener Kurhaus die Ehre.

Thiersch-Saal im Kurhaus Wiesbaden, 19 Uhr. Vier Tage noch, dann könnte Leonard Bernstein (1918–1990) hundert Kerzen auspusten, lebte er noch. Das sind zehn Kerzen für zehn Oscars, die er und seine „Westside Story“, das berühmteste Filmmusical von allen, bekamen, wohingegen die Musik-Oscars für Gene Kelly auf Landgang („On the Town“: nur nominiert) und Elia Kazans Hafenarbeiter-Reißer „Die Faust im Nacken“ (acht Oscars) vorbeischrammten.

Womit sich „Lenny“ Bernstein das verdient hat und wie er uns bis heute in den Ohren nachklingt, war Thema des knapp zweistündigen Abends. Außer Landgren und Siegel waren das Solisten-Trio Jan Lundgren (Piano), Lisa Wulff (Kontrabass) und Rasmus Kihlberg (Drums) sowie die Kammerphilharmonie St. Petersburg aus Russland unter Juri Gilbo versammelt, um dem Sound der Landgren-Siegel-Einspielung „Some Other Time“ nachzueifern (2016). Oft rührte das Orchester Taktstock und Harfe, Hörner und Flöten, Klarinette, Fagott und Vibrafon gar nicht an und ließ die Solisten machen, aber wenn sie dran waren, kamen sie mit Jazz & Co. sehr gut zurecht.

Beglückend Landgrens charmierende Ansagen zwischen den sanft-langsamen, im Jazzbesen-Klang entspannten Stücken. Unverändert Landgrens rote Posaune, derweil Siegel als Stargast und/oder vokales Duo-Gegenüber in Abendkleid und Alt-Lage höhere Gesangskünste darbot. Janis Siegels Stammquartett „Manhattan Transfer“ war ja zur besten Zeit auf kunstvollen A-cappella-Sang mit 50er-Jahre-Vorbildern abonniert, wozu sie und ihr musikalischer Bahnhof „Vocalese“ sangen (Vokalesisch), emotionale Sprechlaute ohne Wortsinn.

Kein „Chanson d’amour“ und „Birdland“ heute, kein „Route 66“ und „Brasil“, um nur ein paar „Transfer“-Hits aufzuzählen. Stattdessen „Westside Story“ und Seltenes von Bernstein. Klar, dass erst die 1957 technisch-moderne „Jets“-Musik ihren hektischen, dissonant springenden Jazz vorstellte („Cool“). Dank Landgren, der das Gerumpel zähmte, mutete die Coolness sehr lebensfähig an.

Es folgten „Some Other Time“ aus Bernsteins erstem Musical, in dem er sich 1944 mehr fröhlich-frivol als sexualerzieherisch ansah, was Matrosen im New Yorker Hafen umtreibt. Sodann ein Auszug aus „Wonderful Town“, immer wieder also: New York. Anschließend ein Beispiel für Siegels scattende „Vocalese“-Künste, denen Landgren charmant Bewunderung zollte: „Wie behältst du nur all diese Worte im Gedächtnis?“ Weitere „Westside“-Stücke wechselten mit dem späten Trauer-Stück „A Quiet Place“ und dessen Tahiti-Intermezzo, mit „On The Town“ („Lucky To Be Me“) und noch mehr Liedern, die den Wiegenlied-Charakter des Abends bestätigten. Erst die Zugaben rissen uns aus dem wohligen Dämmer: auf die Beine und in jene animierte Mitdudelei, auf die kaum ein Konzert gänzlich verzichtet. Wilhelm II., der den Thiersch-Saal 1907 einweihte, hätte es gegraust, aber der hatte von Tuten und Blasen ja auch keine Ahnung.

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