Die Frankfurter Schirn-Kunsthalle bringt Alberto Giacometti und Bruce Nauman zusammen

Stechschritt im Atelier

Der eine ist für seine dürren Bronzefiguren bekannt, der andere für revolutionäre Videoarbeiten mit nackten Körpern: Alberto Giacometti und Bruce Nauman begegnen sich in der Frankfurter Schirn. Kann das überhaupt gutgehen?

Gleißendes Licht fällt aus vier Scheinwerfern auf ein Objekt am Boden. Das Licht schmerzt so sehr in den Augen, dass man ein zweites Mal hinschaut, um sich des Gesehenen zu vergewissern. Aber tatsächlich ist nichts zu sehen außer einem kleinen Lichtquadrat, einem Teil eines Metallblechs. Schräg gegenüber steht eine leicht abstrahierte Frauenfigur und hält in beiden Händen etwas, das ebenfalls nicht zu sehen ist. Die Leere ist offensichtlich der Hauptdarsteller bei beiden Werken. Die Figur und der Lichtblock stammen freilich von zwei Künstlern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Hier der klassisch arbeitende und heute noch populäre Bildhauer, dort der just mit Performances startende junge Mann, der die Gegenwartskunst verändern wollte. Ein Altersunterschied von 40 Jahren trennt sie. Der Schweizer Alberto Giacometti ist 1901 geboren, der Amerikaner Bruce Nauman 1941. Als Giacometti 1966 starb, hatte Nauman seine erste Ausstellung.

Nie aber sind sich die beiden begegnet, nie haben sie sich aufeinander bezogen, nie haben sie sich über den anderen geäußert. Und doch haben sie einiges gemeinsam. Sie arbeiten mit Raum und Figur, mit Bewegung und Wahrnehmung. Eine verblüffende Nähe tut sich auf bei der Gegenüberstellung der Bildhauer in der Frankfurter Schirn Kunsthalle. Rund 70 Skulpturen, Gemälde, Videos, Fotos und Installationen sind nun versammelt.

Spiel mit der Leere

Selbst der heute 74-jährige Bruce Nauman, bereits 1990/91 mit dem Beckmann-Preis und einer Städel-Schau geehrt, war von der Idee einer Doppelschau überrascht. Zu verdanken ist sie der Kuratorin Esther Schlicht, die das Werk von Nauman gut kennt. Als sie zufällig in einer Privatsammlung mehrere Werke von Giacometti und Nauman nebeneinander sah, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Denn beide beschäftigen sich mit dem Menschen, aber mit äußerst reduzierten Mitteln. Das Spiel mit der Leere von 1934/35 (Giacometti) und 1967/68 (Nauman) ist ein glänzender Auftakt für einen anspruchsvollen Parcours, da die Vergleiche nicht immer auf den ersten Blick einleuchten.

Ohnehin werden Giacomettis ausgemergelte und ausgezehrte Figuren, die er erst nach 1945 begann, viel zu oft als Beispiele für die damalige Seelenlage der Kriegsgeneration interpretiert. Auf der Strecke bleibt dabei Giacomettis radikale Reduktion, sein Vorbild für spätere Bildhauer. So taucht die lebensgroße, aber spindeldürre Frauenfigur von 1948/49 bei Nauman wieder auf in einer glatten und hohlen Eisenform von 1966, die dem Künstler als symbolische Kapsel für seinen Körper dienen soll.

In sein Spiel mit dem eigenen Körper bezog Nauman bald den Betrachter ein. Eine dieser „Erfahrungsarchitekturen“ ist jetzt in der Schirn aufgebaut. Der „Korridor mit Spiegel und weißen Lichtern“ von 1971 ist zwar zwölf Meter lang und drei Meter hoch, aber nur 17,8 Zentimeter breit. Betreten kann man ihn also nicht. Die dürre Giacometti-Frau würde freilich exakt hineinpassen, der Raum ist wie geschaffen für sie. Aber wirken würde sie ganz anders. Denn Giacomettis Figuren benötigen den offenen Raum, der sie erst zur Geltung kommen lässt.

All das, was Giacometti in Gips knetete und in Bronze gießen ließ, erprobte Nauman am eigenen Körper und vor laufender Videokamera. Er machte die verrücktesten Bewegungen und Stellungen in seinem Atelier, drückte und verformte seinen Oberschenkel bis an die Schmerzgrenze. Folglich scheint für jede Künstlergeneration der menschliche Körper ein Thema zu sein, ob als traditionelle Skulptur oder als Proband in einem Film. Allerdings ist Giacometti mit fast allen Schaffensphasen vertreten; bei Nauman liegt der Akzent auf den 60er und 70er Jahren, bevor er sich auch gesellschaftlichen Themen zuwandte.

Trostlose Bühne

Sogar ganz großes Theater findet in der Ausstellung statt, aber leider nur auf kleinen Bildschirmen. Denn Giacometti pflegte etliche Freundschaften zu Schriftstellern, auch zu Samuel Beckett. 1961 schuf er für die Wiederaufführung des Beckett-Stückes „Warten auf Godot“ den kahlen weißen Gipsbaum für die ohnehin trostlose Bühne. Bruce Nauman wiederum bezieht sich in einem seiner Videos im Titel auf Beckett, den Stechschritt im Atelier übend. Erst viel später produzierte Beckett für das deutsche Fernsehen die zwei kleinen Stücke „Quadrat I + II“, in denen Kapuzenmänner scheinbar ziellos auf einer rechteckigen Bühne umherirren.

Beim weiteren Rundgang fällt neben der Verknüpfung von Figur, Leere und Raum noch ein zweites Thema ins Auge. Beide Künstler spielten nämlich auch mit Fragmenten des Körpers, mal grotesk, mal ironisch. Dem überlangen Nasengesicht von 1947 etwa, das aus einem käfigartigen Raum ragt, sieht man noch die surrealistische Vergangenheit seines Erfinders Giacometti an. Gespenstisch auch seine in den Raum ragende Hand, die auf einem Metallgestell ruht.

Doch Nauman toppt das Groteske und Gespentische im letzten Schirn-Raum mit einem geradezu gruseligen Arrangement von 1990. In einem großen Kreis hat er zehn Wachsköpfe an Drähten aufgehängt, jeden zweiten kopfunter. Ein bizarres Karussell der Gefolterten und Gehenkten.

Schirn Kunsthalle, Frankfurt, Römerberg, Telefon (069) 2 99 88 20. Bis 22. Janurar, dienstags und freitags bis sonntags 10–19, mittwochs und donnerstags 10–22 Uhr. Eintritt 12 Euro. Katalog: 35 Euro. Internet:

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