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Sternenrotz und Lebensschleim

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Von: Dierk Wolters

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Verschlungene Schläuche, Röhren, Kompressoren ? und ganz oben tropft dann Schleim heraus. Nicht irgendein Schleim freilich, sondern Psilamin, wie die Grafik hinten zeigt: ein bewusstseinveränderndes Mittelchen, das die Welt zum Wabern bringt.
Verschlungene Schläuche, Röhren, Kompressoren ? und ganz oben tropft dann Schleim heraus. Nicht irgendein Schleim freilich, sondern Psilamin, wie die Grafik hinten zeigt: ein bewusstseinveränderndes Mittelchen, das die Welt zum Wabern bringt. © NORBERT MIGULETZ

„Psychoprosa“ heißt eine neue Ausstellung, in der der Österreicher Thomas Feuerstein das Haus am Römer in ein geheimnisvolles Alchemielabor verwandelt.

Es fließt und brodelt und plätschert, es gluckert und strömt und tropft, vom Erdgeschoss bis in den zweiten Stock. Durch das ganze Haus zieht sich Thomas Feuersteins Installation. Da sind Rundkolben, Pumpen, Zylinder und Kühlaggregate, und natürlich jede Menge dicker Plastikschläuche, die alles miteinander verbinden. Es ist ein gigantomanischer Schlauchwirrwarr, der sich die Treppe hinaufzieht, von Raum zu Raum, oder besser: von der Schleuse zum Kino zur Laborküche zum Gewächshaus zum Kühlraum bis zur Fabrik. Ein sehr zerbrechlich wirkender Homunculus steht auf einem Schüttler, man denkt, das zittrige Ding müsste jederzeit zusammenschnurren zu einem Nichts oder Klecks Brei. Aber das geschieht nicht, dabei wird es ordentlich durchgerüttelt.

Gleich nebenan wachsen aus einer schwarzen Schreibmaschine stalaktitenartige Kristalle, und eine große Glaskolbenskulptur formt die Struktur eines Moleküls: Psilamin. Dieser Stoff, eine halluzinogene Substanz, ist das Ziel all dieser Mühen. Um seine Entstehung herum windet sich Thomas Feuersteins Mega-Installation, eine Skulptur, die mit dem Begriff und der Vorstellung, die wir gewöhnlich von Skulpturen haben, spielt: Denn eine Skulptur, ist das nicht etwas Festes, aus Stein oder Stahl?

Es tropft von der Decke

Nein, ist es nicht. Bei Thomas Feuerstein zumindest. Denn ganz oben, wo sein skulpturaler Flüssigkeitskreislauf endet, löst sich alles auf: Da tropft es aus raumhohen Kolben, tritt, was bisher ein geschlossenes System war, an die Luft, klatschen schleimige Schlieren aus Deckenhöhe auf den Boden. Hinzu kommt, dass Psilamin, der Stoff, um den es geht, selber ein Produkt ist, das alles zum Wabern bringt. Oder brächte. Wenn man es einnähme. Was anwesende Journalisten aus Rücksicht auf noch zu schreibende Texte unterlassen haben.

Thomas Feuerstein, 1968 in Innsbruck geboren, ist ein eloquenter Künstler, der, was er tut, bis in naturwissenschaftliche Details hinein durchdenkt. Die Zersetzungsprozesse des gewöhnlichen Hausschwamms kann er angesichts einer schwer ramponierten Schopenhauer-Ausgabe ebenso kenntnisreich erklären wie die Wirkungen des von ihm selbst produzierten Psilamins. Sinnfällig macht der Kühlraum „Psi +“ auf die möglichen Wahrnehmungsveränderungen der chemischen Verbindung aufmerksam: Steht man nämlich vor der aus mehr als zwei Dutzend neben- und aufeinander gestapelten Kühlschränken bestehenden Kühlwasserbereitungsanlage, öffnen sich wie von Geisterhand Türen, fährt ein Gefrierfach geheimnisvoll heraus, und in allen Kühregalen stehen – natürlich – Dosen voller Psilamin. Nun gut, eine raffinierte Choreografie verborgener Motoren, denkt man nach der ersten Überraschung.

Der Ursprung des Lebens

Doch dann sieht man auf einem kleinen grauen Fernsehgerät sich selber, wie man diese Kühlschränke betrachtet. Und während eine Tür aufgeht, und man sich selber betrachtet, wie man der aufgehenden Tür zusieht, sieht man auf dem Bildschirm, dass in Wahrheit halbdurchsichtige Menschen sie öffnen: Die geheimen Laboranten müssen Avatare oder Poltergeister sein!

Was sehen wir, was glauben wir, was sehen wir nicht? Und was von alldem stimmt oder stimmt nicht? Das sind Fragen, die Thomas Feuerstein auch in der Accademia dei secreti – ist das nun die Akademie der Geheimnisse oder Sekrete? – erläutert. Und abermals überwindet Feuerstein Grenzen, denn die Accademia kommt zu Gehör in einem mehr als hundertminütigen Hörspiel, dem man sich in einem komplett abgedunkelten Raum aussetzen kann, in dessen Mitte allein eine phosphoreszierende Figur leuchtet, über deren Kopf sich leuchtend und zäh tropfend permanent Schleim ergießt. Die große Frage, welche die Accademia zu beantworten sucht, ist: Was ist Materie, und wie beginnt sie zu leben? Die Antwort steckt im Psilamin: Es „offenbart das Sein als Schleim“.

Das Hörspiel „Sternenrotz – Daimon Cult“ erweitert diese Skulptur gewissermaßen in den literarischen Raum hinein, so wie auch die Wandgrafik „Psilove“ die molekularen Struktur von Psilamin zeigt. Wobei, wer nahe herantritt, entdeckt, dass diese Atome wiederum aus winzigem Text bestehen, dem literarischen Gesamtwerk (1500 Seiten!) des Sci-Fi-Autors H. P. Lovecraft.

Solchermaßen verspielt wie durchdacht zugleich, zaubert Thomas Feuerstein ein augenzwinkerndes Werk, das in den Naturwissenschaften die schönen Künste entdeckt und umgekehrt – und letztlich nichts ganz ernst zu nehmen vermag.

„Psychoprosa“. Kunstverein Frankfurt, Steinernes Haus am Römer, bis 30. August. Geöffnet Di–Fr 11 bis 19, donnerstags bis 21 Uhr, am Wochenende 10–19 Uhr. Eintritt 8 Euro. Internet:

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