Frankfurter Oper

"Stiffelio": Betrug und Vergebung

Es geht um Untreue, Rache, Tod und Verzeihung. Der französische Dirigent Jérémie Rhorer steht am Pult und gibt sein Verdi-Debüt. Am 31. Januar ist Premiere.

Von BIRGIT POPP

Die 1850 im italienischen Triest uraufgeführte Oper war in vielerlei Hinsicht wegweisend für die zweite Schaffensperiode Verdis (1813–1901). Zugleich ist sie ein Beispiel dafür, wie die Zensur, in diesem Fall die habsburgische im von Österreich besetzten Triest, ein Werk zunichte machen kann – allerdings nicht auf Dauer, wie jetzt Jérémie Rhorer und der australische Regisseur Benedict Andrews zeigen wollen.

Während Verdi in seinen ersten 15 Opern von 1836 bis 1849 historische Ereignisse und Themen ohne soziale Sprengkraft auf die Bühne brachte, wandte er sich mit „Stiffelio“ ebenso revolutionären wie skandalösen Sujets um gesellschaftliche Außenseiter zu, so wie auch „Rigoletto“ oder „La Traviata“ von unmoralischen Herrschern handeln. Fast immer sind dabei die Vaterfiguren zwar bestrebt, ihre Familienehre zu schützen, doch haben sie selbst einen eher zweifelhaften Charakter. Auch Graf Stankar in „Stiffelio“. Und fast immer sind Verdis Opern in den Jahren nach 1850 Plädoyers für mehr Toleranz und Menschlichkeit. In „Stiffelio“ sind Züge seiner drei nachfolgenden und bis heute populärsten Opern – „Rigoletto“ von 1850 sowie „La Traviata“ und „Il Trovatore“, beide 1853 – bereits angelegt und musikalisch vorbereitet.

Das Libretto beruht auf einem ein Jahr zuvor uraufgeführten Theaterstück. Verdi wählte skandalträchtige Themen: Der verheiratete evangelische Pfarrer Stiffelio (Russell Thomas) wird mit der Untreue seiner Frau Lina (Sara Jakubiak) konfrontiert und gerät in einen Gewissenskonflikt. Während es ihn nach Rache gelüstet, zwingt ihn sein christlicher Glaube zur Vergebung. Die Rache bleibt dem in seiner Ehre verletzten Vater Linas, dem ehemaligen Offizier Graf Stankar (Dario Solari), vorbehalten, der den Verführer Raffaele (Vincent Wolfsteiner) im Duell tötet. Weil er die Vorgeschichte Stiffelios im Libretto weggelassen hatte, sorgte bereits Verdi dafür, dass die Geschichte schwer verständlich war. Doch dann griff auch noch die Zensur ein und verstümmelte das Libretto gänzlich: Stiffelio durfte kein Pfarrer sein, die evangelische Gemeinde wurde zur Sekte. In Frankfurt wird indes die rekonstruierte Fassung gespielt.

Für Dirigent Jérémie Rhorer ist die Frankfurter Erstaufführung der Oper zugleich sein Debüt als Verdi-Dirigent und die erste Neuproduktion am Willy-Brandt-Platz. Zur Musik kam der Pariser Künstler nur durch Zufall: „Meine Eltern hatten mit Musik nichts zu tun. Ich hätte als kleiner Junge gerne Tennis gespielt. Aber das ging nicht Um mich zu beschäftigen, wurde ich aufs Konservatorium geschickt. So bin ich mit neun Jahren zur Musik gekommen. Bis dahin war Musik überhaupt kein Teil meines Lebens“, sagt Rhorer.

Das sollte sich ändern: „Als Jungen für den Knabenchor des Pariser Radiosinfonieorchesters gesucht wurden, habe ich meine Mutter bedrängt, mich anzumelden, denn dort gab es eine bessere Schuldbildung als in unserer Pariser Vorstadt. Im Chor hat erstmals ein Dirigent vor mir gestanden – und ich war fasziniert. Ich habe gesehen, wie er die Kraft hatte, die Musik zum Schwingen zu bringen. Ich konnte die Vibration nicht nur spüren, sondern förmlich sehen“, erinnert sich Rhorer.

Die Begeisterung für die Musik und die Aura des Dirigenten hat sich der heute 42-Jährige bewahrt. In Paris eignete er sich eine umfassende musikalische Ausbildung an. Er studierte neben Musiklehre auch Komposition und Kontrapunkt. So ist er heute einer der wenigen Opern-Dirigenten, die auch komponieren. Meistens sind es kammermusikalische Stücke, erst kürzlich ist ein Klavierkonzert entstanden. „Ich würde sehr gerne auch Opern komponieren“, sagt Rhorer, „dazu fehlt mir aber die Zeit. Ich müsste mindestens ein Jahr mit dem Dirigieren pausieren.“

Seine Interesse für das Operngenre weckten die Dirigenten Marc Minkowski und William Christie, bei denen er als Assistent arbeitete und die ihm in der Saison 2004/05 zu Dirigaten bei konzertanten Opernaufführungen im Theater an der Wien und am Madrider Teatro Real verhalfen. Seine Debüts an großen Häusern gab Rhorer vor allem mit Mozart-Opern wie „Così fan tutte“ an den Staatsopern in Wien (2011) und München (2014) oder „Die Entführung aus dem Serail“ (2014) in Frankfurt. „Meine erste Oper in Frankreich war ,Idomeneo‘, dann ,Le nozze die Figaro‘. Dafür bekam ich sehr gute Kritiken und wurde fortan immer wieder für Mozart-Opern angefragt. Es ist natürlich sehr schön, wenn man als Mozart-Spezialist angesehen wird, aber ich dirigiere ebenso gern auch Werke von anderen Komponisten, so wie kürzlich Henzes ,Boulevard Solitude‘ in Kopenhagen. Und natürlich freue ich mich sehr auf meinen ersten Verdi“, sagt Rhorer.

„Stiffelio“ birgt für ihn viele interessante Aspekte: „Verdi schrieb das Stück unmittelbar vor seiner populären Trilogie. Für mich ist es ein Wendepunkt in seiner Karriere, sowohl was die Komposition angeht als auch die Auswahl des Sujets. Verdi wählt mutig neue Libretto-Stoffe aus, bietet neue Situationen an, die die Zensur in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf den Plan rufen. In ,Stiffelio‘ ließ er alles einfließen, was die Zensur schockierte.“ Für Rhorer ist wichtig: „Das angemessene dramatische Ende ist die Vergebung. Was die kompositorischen Mittel betrifft, so hat Verdi im ,Stiffelio‘ neue Wege bestritten. Er überwindet alte Konventionen und schafft eine neue Intensität, die sehr stark den seelischen Zustand ausdrückt. Aber alles dreht sich schließlich um die Vergebung. Erst am Ende findet Stiffelio in sich die Kraft dazu und öffnet damit der gesamten Gemeinde eine neue Tür. Für mich ist das Angebot an Lina, die Ehe zu annullieren, schon der erste Schritt zur Vergebung.“

In der Musik, sagt Rohrer, sei diese Vergebung sogar schon viel früher angelegt: „Wie eine Art Vorausdeutung hat man die Lösung am Ende schon, wenn man die Musik hört. Verdi war ein Genie, wenn es um dramatische Situationen ging und darum, Spannung im richtigen Moment zu erzeugen. Die Reinheit des dramatischen Ausdrucks und Aufbaus kommt für mich sehr nahe an Mozart. Beide Komponisten wussten genau, welche musikalischen Mittel der dramatische Ausdruck benötigt. Als ich ,Stiffelio‘ zum ersten Mal hörte, war ich sofort überzeugt.“

Oper Frankfurt, Willy-Brandt-Platz, Premiere am 31. Januar, 18 Uhr. Weitere Termine: 4., 7., 13., 25. und 28. Februar. Kartentelefon: (069) 21 24 94 94. Internet:

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare