Interview

Sting hat mit Shaggy ein Reggae-Album aufgenommen

Der Titel der neuen Produktion, „44/876“, vereint die telefonischen Vorwahlnummern von Großbritannien und Jamaika und verspricht Aufbruch.

Eine unerwartete Paarung, um es mal vorsichtig zu formulieren. Shaggy (Orville Burrell, 49), ein jamaikanischer Pop-Reggae-Sänger, der um die Jahrtausendwende Charttriumphe mit forsch-frivolen Hits wie „Mr. Boombastic“, „It Wasn’t Me“ und „Angel“ feierte. Und Sting (Gordon Sumner, 66), der als nimmermüder Frontmann von „The Police“ und als so einfallsreicher sowie hochgeachteter Solokünstler seit vier Jahrzehnten ein Weltstar ist, haben sich also tatsächlich zusammengetan. Und das Album „44/876“ in sechs flotten Wochen aufgenommen. Das Lustige: Es funktioniert. Steffen Rüth traf die beiden gut aufgelegten Musiker, die am 8. Juli ein Sommerkonzert im Mainzer Volkspark geben, in der „Union Chapel“ im Londoner Stadtteil Islington.

Sting, Shaggy, gleich mehrere Ihrer gemeinsamen Songs haben den Tagesanbruch zum Thema, sie heißen „Break Of Day“ und „Morning Is Coming“. Seid Ihr Morgenmenschen?

SHAGGY: Heute Morgen zumindest war ich schon um 4 Uhr auf. Mein Gehirn fing an zu rattern. STING: Ich liebe den Tagesanbruch. Ich war nie jemand, der ewig lange im Bett herumliegt. Faustregel: Wenn die Sonne aufsteht, steht auch Sting auf.

Woran liegt das?

STING: Mein Vater war Milchmann, ich habe ihn oft dabei begleitet, wenn er die Milch herumbrachte. Morgens um 5 Uhr holte er mich aus den Federn, alle meine Schulfreunde durften noch zwei Stunden weiterschlafen. Meistens war es kalt und regnerisch und kein Vergnügen. Aber irgendwie auch doch. Uns beiden gehörte die Straße. Mein Vater redete sowieso nicht, also träumte ich vor mich hin. Die Zeit zwischen 5 und 7 Uhr war immer schon meine Zeit.

Ist sie es heute auch noch?

STING: Ja. Ich genieße es, in den ersten Stunden des Tages allein zu sein.

Auf Ihrem gemeinsamen Album „44/876“ geht es allerdings nicht ums Alleinsein, sondern um Freundschaft. Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit?

SHAGGY: Ich war in Los Angeles im Studio mit dem Produzenten Martin Kierszenbaum, der zugleich Stings Manager ist. Wir luden Sting ein. Erst war nur geplant, dass er den Refrain zu „Don’t Make Me Wait“ singt. Wir waren direkt total verblüfft, wie toll unsere beiden ja doch ziemlich charakteristischen Stimmen tatsächlich zusammenpassten. STING: Anschließend gingen wir beide wieder unserer Wege. Ich war auf Tour, und ein Jahr später wollten wir den Song dann vollenden. Dieses Mal hatte ich etwas mehr Zeit und, tja, so lernten wir uns einmal näher kennen. Wir wurden Freunde und stellten dabei fest, dass wir eine Menge an Gemeinsamkeiten haben. Überhaupt hatten wir abartig viel Spaß zusammen. Wenn wir nicht gesungen und gearbeitet haben, dann haben wir gelacht. SHAGGY: Die Geschichte unserer Beziehung ist zugleich die Geschichte dieses Albums. Wir hatten sechs Wochen, haben erst „Don’t Make Me Wait“ vollendet, dann noch einen Song und noch einen Song und noch einen Song. Ohne dass es uns komplett bewusst war, hatten wir plötzlich ein komplettes Album.

Geplant war das Album also nicht?

STING: Nein. Aber die Neugier hat uns immer weitergetrieben. Neugier und die Lust daran, sich überraschen zu lassen, sind für mich die wichtigsten Motive, um überhaupt Musik zu machen. Ich bin heiß auf neue Reize.

Was sind Ihre Gemeinsamkeiten?

STING: Musikalisch sind wir überhaupt nicht weit auseinander. Außerdem haben wir, obwohl wir ganz unterschiedlicher Herkunft sind, einen ähnlichen Blick auf die Welt, die Menschheit und die Natur. Wir genossen ganz einfach die Gegenwart des anderen. Und, nicht zu vergessen: Wir sind beide in einer langjährigen, glücklichen Beziehung mit einer Frau. SHAGGY: Zum Glück nicht mit derselben.

In „Don’t Make Me Wait“ geht es um den Moment, wo man jemanden sieht und weiß, das könnte was werden.

SHAGGY: Ganz genau. Als ich meine Frau Rebecca, mit der ich seit zwanzig Jahren zusammen bin und drei Töchter habe, damals kennenlernte, war direkt dieses gute Gefühl da. Der Moment war einzigartig. Ich spürte, dass ich nichts dagegen hätte, den Rest meines Lebens mit dieser Person zu verbringen. STING: Bei Trudie (Stings Ehefrau Trudie Styler, die beiden haben sechs erwachsene Kinder, d. Aut.) wusste ich sofort, dass diese Person mein Leben verändern würde. Manchmal kämpft man gegen dieses Wissen an, aber es ist so machtvoll und so stark, dass du dich nicht wehren kannst. Sich zu verlieben, ist ein Phänomen, das dir Angst macht. Zum Glück passiert es selten und nur mit einem relativ überschaubaren Kreis von Personen – im Idealfall nacheinander.

Ist „Dreaming In The USA“ ein Liebeslied an die Vereinigten Staaten?

STING: Ja. Amerika hat uns beide aus guten Gründen angezogen und angelockt. Für mich, aufgewachsen in der englischen Provinz in einem Arbeiterklassehaushalt, war Amerika ein Hafen der Freiheit, wirklich auch ein Land der Möglichkeiten und Chancen. Ich liebte die Musik, die Filme, überhaupt die ganze Kunst und Kultur – und ich schwärme für all das immer noch. Amerika sollte ein Gewährleister und eine Insel des Friedens und der freien Entfaltung sein. Und es macht mir Angst, wenn dieser Zustand in Gefahr ist.

.Sting, Sie haben vor zwei Jahren gesagt, Sie wollten sich um die US-Staatsbürgerschaft bemühen. Sind Sie mittlerweile Amerikaner?

STING: Nein, ich wollte dann doch nicht. Ich bin immer noch sehr britisch, ich habe einen gesunden Patriotismus. Und in New York, wo ich lebe, bringt das Wahlrecht nichts. Ich müsste schon nach Ohio oder Pennsylvania ziehen, um als US-Bürger bei den Wahlen etwas zu bewirken, aber da macht meine Frau nicht mit.

Stimmt es eigentlich, dass Sie damals sogar „Every Breath You Take“ auf Jamaika geschrieben haben?

STING: Das stimmt. Ich war immer stark von Reggae und überhaupt von jamaikanischer Musik inspiriert, schon als Kind. Die Affinität habe ich mir bis heute bewahrt. Ich mag auch die Jamaikaner selbst sehr gern, das sind feine Menschen.

Sie waren vor einigen Monaten dort, um zusammen mit Shaggy für dessen Wohltätigkeitsorganisation aufzutreten und Geld für ein Krankenhaus zu sammeln, das er unterstützt.

STING: Ja, das war klasse. Ich war bestimmt zwanzig Jahre nicht in Kingston, der Hauptstadt, gewesen. Natürlich ist alles moderner geworden, aber die Menschen sind immer noch genauso warmherzig, freundlich und begeistert, wie ich sie in Erinnerung hatte.

Sind Sie dort wirklich mit den Motorrädern gefahren, oder posieren Sie nur fürs Albumcover von „44/876“ auf den Maschinen?

STING: Aber selbstverständlich sind wir damit auch gefahren. Ach was, gedüst sind wir. Plötzlich waren die Straßen sehr frei.

Sting und Shaggy

Album: „44/876“, vom 20. April an, Universal. Konzert: Volkspark Mainz, 8. Juli, 19 Uhr (ausverkauft).

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