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Tom Gerber spielt mit großem Enthusiasmus die Titelrolle in der Shakespeare-Tragödie.

Richard III

Stück am Staatstheater Wiesbaden erzählt vom tiefen Fall eines Tyrannen

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Tom Gerber stellt mit großer Begeisterung die hinterhältige Titelfigur dar. Neun Darsteller teilen sich die übrigen 28 Rollen.

Das Zitat ist wohl eines der bekanntesten der Theatergeschichte. „Ein Pferd! Ein Pferd! Mein Königreich für ein Pferd!“, lässt William Shakespeare Richard III. in seinem gleichnamigen Drama ausrufen. Kurz darauf stirbt der Herrscher auf dem Schlachtfeld.

Regisseur Ingo Kerkhof hat das Ende des letzten Teils der sogenannten York-Tetralogie in seiner Inszenierung fürs Kleine Haus des Wiesbadener Staatstheaters variiert. Bei ihm kehrt der Tyrann noch einmal an den Schreibtisch zurück. An genau jenen Platz, an dem auch Heinrich VI. saß, bevor er von eben diesem Nachfolger auf dem englischen Königsthron, der damals noch Herzog von Gloster war, gemeuchelt wurde.

So schließt sich ein Kreis, den Kerkhof zu zeichnen beginnt, indem er zur Anfangsszene des dreieinhalbstündigen Abends nicht wie im Original den Monolog erklärt, in dem die Titelfigur ihr Dasein als Bösewicht begründet. Stattdessen hat er sich beim Vorgängerwerk bedient. Das hilft nicht nur, gemeinsam mit dem im Programmheft stehenden und von plötzlichen Todesfällen geprägten Stammbaum der Yorks und Lancasters die sehr komplexe Handlung zu verstehen. Es verdeutlicht auch die ähnlichen Abläufe in Shakespeares historischen Tragödien, die stets mit dem Tod des Monarchen enden.

Zudem findet der Regisseur so von Beginn an starke, düstere Bilder, in denen er den Vorteil des Theaters, die Mehrdimensionalität, beeindruckend zu nutzen weiß. Während der im Tower festgesetzte Regent zum Gewaltopfer wird, tanzen die neuen Mächtigen hinter einem schwarzen Fadenvorhang Menuett. Die Frauen tragen dabei prächtige, ausladende Kleider mit der für die Zeit typischen, unbequem aussehenden Halskrause, die sie zur Passivität verdammen. Dennoch werden sie es später sein, die den Sturz des grausamen Monarchen einleiten. Die Männer wurden von Inge Medert in zeitlosere Gewänder gesteckt. Ein Hinweis darauf, dass ihre kümmerliche Haltung den Despoten erst nach oben kommen lässt.

Auch im von Dirk Becker entworfenen Bühnenbild spiegelt sich die Unendlichkeit des Phänomens der unterschiedlich bedingten Mittäterschaft wider. Die einfachen Holzleisten, die als Bretter die Welt bedeuten, reichen weit und leicht ansteigend in die Tiefe hinein. Unter ihnen werden all die namhaften Leichen untergebracht, die während des schrecklichen Laufs der Dinge zusammenkommen. Richard badet sich inmitten ihrer mit Wohlgefallen.

Tom Gerber stellt mit großer Begeisterung den listigen, heimtückischen Schurken dar. Das Publikum wird in seine Intrigen hineingezogen und zu Komplizen gemacht, weil er sich mit seinen geheimen Gedanken verschwörerisch an es wendet und sich sogar von einigen Damen mit Lippenstift Wunden aufmalen lässt, die er später für sich einzusetzen weiß. Um bei seinem Aufstieg an die Spitze des Reichs gekonnt mit den Menschen zu jonglieren, betont dieser skrupellose Ehrgeizling gerne seine Missgestalt, lässt den lädierten Arm baumeln, zieht die Schulter zum Buckel hoch und hinkt den zukünftigen Zielen seiner wachsenden Brutalität das eigentliche Wesen verharmlosend hinterher. Erst die Zeichen der majestätischen Würde, die Krone und der schwere Purpurmantel, brechen ihn wirklich, verwandeln den Mann mit dem souveränen Überblick in einen Dauerverfolgten ohne politisches Geschick, der keinem Vertrauen entgegenbringt.

Während Gerber sich ganz auf die Entwicklung des dominierenden Charakters konzentrieren kann, sind von den anderen, durchweg überzeugenden Darstellern des Ensembles kurzfristige Wandlungen verlangt. Die insgesamt 28 übrigen Rollen sind mit nur neun Schauspielern besetzt. Rasche Veränderungen und auch ein paar Griffe in die Trickkiste sind da gefragt und werden souverän gemeistert.

Ein außergewöhnliches Kabinettstückchen stellt der Dialog zwischen zwei bezahlten Auftragsmördern (Sólveig Arnarsdóttir, Monika Kroll) dar, von denen den einen kurzzeitig das Gewissen plagt. Das makabre Geplauder erweitert das Repertoire um absurd Komödiantisches.

Selbst für musikalische Intermezzi nimmt man sich noch Zeit. Das die Krönung talentiert umtanzende Trommelgewitter von Catesby Paul Simon hätte jedoch gerne etwas knackiger ausfallen können. Das Gemetzel dauert doch sowieso schon recht lange.

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