Premiere in der Alten Oper

Was sucht der Gelehrte im Schlafzimmer?

Die Premiere der Oper „Faust“ von Charles Gounod erwies sich in der Inszenierung von Elisabeth Stöppler am Staatstheater Mainz als voller Erfolg.

Von MARKUS KUHN

Ein angegrauter, aber keineswegs greisenhafter Mann kommt mit seiner Frau von einer Abendveran-staltung nach Hause. Im ehelichen Schlafgemach: Tote Hose. Er be-täubt seine sexuelle Frustration, an der er durch sein träges Verhalten wohl nicht unschuldig ist, mit Wodka. Die Ouvertüre beginnt. Erkennen Sie die Szene? Man befindet sich im verfremdeten gotischen Studierzimmer des greisen Doktor Faust. In seinem Überdruss und der gleichzeitigen Sehnsucht nach Jugend und sexuellem Rausch wird der frustrierte Ehemann gleich im Traum versinken und eintauchen in die Opernhandlung von Charles Gounods „Faust“, frei nach Goethe. Auch Besucher, die anfangs über den Modernisierungskrampf im Regietheater tuschelten, applau-dierten am Ende begeistert. Denn es ist spannend, überzeugend und auch ein bisschen erschreckend und zu Herzen gehend, wie Elisa-beth Stöppler in Mainz Gounods „Faust“ inszeniert. Der verjüngte Faust verliert sich im teuflisch angefachten und beschleunigten Strudel einer blindwütigen Spaßgesellschaft. In einem ansprechenden Bühnenbild findet die Regie überzeugende und zeitgemäße Bilder, die auch sorgsam zur Musik passen.

Nachdem sich Faust an Margarete schuldig gemacht hat, trübt sich die Inszenierung bedrückend ein. Es ist hier nicht möglich, weitere Inszenierungsdetails zu nennen, doch alle dienen, weitgehend ge-schmackvoll, der Handlung und Musik. Etwa der Kniff, wie die unter Kitschverdacht stehende Valentin-Arie im zweiten Akt stilvoll gerettet werden konnte.

So sehenswert Stöpplers Regie ist, so hörenswert ist auch Gounods ohrwurmangereicherte Oper in Mainz. Philippe Do (Faust) führte seine lyrische Tenorstimme sicher und klangschön in der Mittellage, musste in der Höhe etwas auf Nummer Sicher gehen. Als wandlungsfähige Margarete überragte ihn Vida Mikneviciute, die nicht nur in der Juwelenarie strahlend funkelte. Derrick Ballard hatte als verführerischer wie dämonischer Mephisto-Darsteller sichtliche Spielfreude und stimmliche Überzeugungskraft. Als Siebel war Geneviéve King eine beeindruckende Sängerdarstellerin, wie auch Katja Ladentin und Georg Lickleder köstliche Unikate abgaben. Einen nicht so guten Tag erwischte Brett Carter in der undankbaren Rolle des Valentin. Das Staatsorchester unter der bravourösen Leitung von Clemens Schuldt lässt Gounods schöne Mu-sik nicht im Plüsch verkommen sondern spielt mit Verve, Feinge-fühl, schönen Soli und mitunter auch mächtig Schmackes. Auch der Chor präsentierte sich von seiner besten Seite. Man wünscht der Inszenierung ein allzeit volles Haus. Es lohnt sich.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare