Bildband „Neues Frankfurt“

Tageslicht und frische Luft

Baumeister Ernst May scharte 150 Mitstreiter um sich, vom Politiker bis zum Möbelgestalter. Viele sind heute vergessen. Nun versammelt ein Bildband endlich alle Akteure mit ihren Biografien, ergänzt um Fotos und Essays.

Preiswerter Wohnraum ist heute so knapp wie nie in Ballungszentren. Politiker und Stadtplaner müssen rasch Abhilfe schaffen. Aber wie? Da loht ein Blick auf die Erneuerung Frankfurts in den 20er Jahren. Damals wurden nach dem Vorbild der englischen Gartenstädte 23 große Siedlungen am Stadtrand gebaut, sogar mit eigenen Zentren. So entstanden innerhalb kurzer Zeit mehr als 12 000 Wohnungen.

Nutznießer waren vor allem die Bewohner der engen und seit Jahrzehnten nicht mehr sanierten Altstadt. Sie kamen ins Grüne, hatten frische Luft, Tageslicht, Sonne, fließendes Wasser und Elektrizität – bis dahin ein nur für wenige erschwinglicher Luxus. Damit gab es erstmals Wohnungen für Familien mit rund 50 Quadratmetern. So viel beansprucht heute schon jeder Single für sich.

Geleitet wurde das Projekt von Stadtbaurat Ernst May, dem künstlerischen Chef Martin Elsaesser und vielen anderen, heute berühmten Architekten wie Mart Stam, Ferdinand Kramer, Walter Gropius, Hans Poelzig und Margarete Schütte-Lihotzky. Das zwischen 1925 und 1932 realisierte „Neue Bauen“ machte Frankfurt zur Musterstadt der Bau-Avantgarde, zum Impulsgeber des Wohnungsbaus der Weimarer Republik, freilich in einem eher funktionalistisch-nüchternen Stil. May führte das typisierte Bauen mit geometrischen Formen ein, mit industrieller Fertigung des Rohbaus und mit funktionalem Mobiliar.

Bedeutendes Erbe

Ein ähnlich bedeutendes Bauerbe gibt es nur in Berlin. Viel kleiner ist die oft schon preisgekrönte Weißenhofsiedlung in Stuttgart mit 21 Häusern und 63 Wohnungen; jüngst wurden zwei der Häuser von Le Corbusier zum Weltkulturerbe ernannt. Frankfurt hingegen hat noch nie gut mit seinen historischen Pfunden gewuchert. Zwar sind Mays Bauten inzwischen bekannt, aber eine umfassende Bestandsaufnahme fehlt.

Die liefert nun ein Buch, das alle 150 Akteure mit Kurzbiografien vorstellt, von Architekten über Stadtplaner, Politiker, Juristen, Garten- und Landschaftsgestalter, Ökonomen, Wissenschaftler, Grafiker, Künstler und Publizisten bis zu Journalisten. May hatte es verstanden, ein großes Netzwerk zu knüpfen, damit die zahlreichen Projekte zügig vorankamen.

Zum engsten Kreis des Netzwerkes zählte der damalige liberale Frankfurter Oberbürgermeister Ludwig Landmann, dessen Biografie natürlich in dem Buch zu finden ist. Aber wer kennt heute noch Paul Wolff, den wichtigsten Fotografen des „Neuen Frankfurt“? Oder die Innenarchitektin und Designerin Lilly Reich mit ihren modernen Möbel- und Raumgestaltungen? So schließt sich mit dem Buch, allerdings erstaunlich spät, eine große Lücke in der Architektur- und Kulturgeschichte.

Immerhin ging es nicht nur um Wohnungsbau, sondern um ein politisches Projekt für eine neue Gesellschaft. Die sollte zwar bessere Bauten, Inneneinrichtungen und Möbel erhalten, sich aber auch den übrigen Alltag verschönern, vom Briefkopf bis zum Plakat, von der Einladungskarte bis zur Zeitschrift.

Als eine von sechs Herausgebern des Buches zeichnet Evelyn Brockhoff verantwortlich, die Direktorin des Frankfurter Instituts für Stadtgeschichte. Dafür hat sie 30 Autoren um sich geschart, auch einige Mitarbeiter aus zwei Frankfurter Museen, dem Historischen Museum und dem Architekturmuseum. Neben den Biografien gibt es einen Bildteil mit rund 70 frühen Fotos, die einen guten Eindruck von den Bauten vermitteln.

Spott über Pappdeckelhausen

Zudem wirft das Buch in vier Essays einige kritische Fragen auf. So weist Claudia Quiring darauf hin, dass sich Arbeiter und einfache Angestellte allenfalls die kleinsten Wohnungen leisten konnten, die zwischen 42 und 65 Quadratmeter groß waren. Die lange verbreitete Mär von den Siedlungen nur für Arbeiter stimmt folglich nicht.

Unter die Lupe genommen wird auch die Kehrseite der modernen Bauweise. Nichts fürchteten die Planer nämlich mehr als die Monotonie der Häuserzeilen, denn Normierung und Typisierung sollten die Kosten senken und zugleich die Bauzeit verkürzen.

Die immer gleichen Elemente mussten also unterschiedlich kombiniert werden. Dieses Dilemma wird auch an den Fotos deutlich. Die Eingänge sind kreisrund oder eckig, die Balkons kantig oder kugelrund, oft auch abwechselnd farbig. Die klaren Linien der Neuen Sachlichkeit bestimmen das Bild der Bauten, bis hin zum Flachdach. Das war damals neu und führte zu einem erbitterten Streit über Sinn und Nutzen dieser Dachform.

„Pappdeckelhausen“ sagte der Volksmund zu den Siedlungen, manche verhöhnten sie sogar als „Hundehütten“. Allzu exakt im rechten Winkel ausgerichtet ist sicher die Siedlung Westhausen (1929–31). Viel dynamischer, fast spielerischer gestaltete May seine erste Siedlung Bruchfeldstraße (1926–29), die deshalb den Namen „Zick-Zack-Hausen“ erhielt.

„Alles neu macht der May, alles besser der Elsaesser“, wusste denn auch der Volksmund. Martin Elsaesser widerstrebte nämlich Ernst Mays Purismus. Seine eigenen Bauten, meist aus Backstein, haben dagegen schon eher expressionistischen Charakter.

Freilich musste sich Elsaesser auch um Projekte wie die Großmarkthalle kümmern, während May den Wohnungsbau an sich gezogen hatte. Ohnehin focht May all die Kritik und alle Frotzeleien nicht an. Er hatte nur seine Mission vor Augen und bezeichnete die Altstadtbauten martialisch als „faule gotische Zähne“, die gezogen werden müssten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare