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Ob sich jemand an die 90er erinnert? Aber ja! Gary Barlow, Howard Donald und Mark Owen.

Take That in Frankfurt

Große Hits für große Mädchen: Take That liefert in Frankfurt das perfekte Popkonzert – Selbstironie inklusive

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Gary Barlow, Howard Donald und Mark Owen begeistern ihre Fans, Mädchen von einst, die jetzt Frauen sind. Nur einer fehlt leider: Robbie Williams.

Der halbleere Parkplatz vor der Jahrhunderthalle lässt Böses ahnen: Sollte die beste Zeit der 1990 gegründeten Boygroup Take That womöglich vorbei sein? Das Interesse der Mädchen von einst, die sich umbringen wollten, als Robbie Williams ausstieg, etwa erloschen? Spoiler: Aber nein. Im Gegenteil. Der Saal ist komplett bestuhlt, dann passen halt nicht so viele Menschen hinein – aber umso mehr grenzenlose Liebe.

Es ist das perfekte Popkonzert. „Greatest Hits Live“ steht auf der Eintrittskarte; die größten Hits live werden kommen, einer nach dem anderen, bis auf „How Deep Is Your Love“ vielleicht, aber dieser Hit gehört ja eh den Bee Gees. Die Fans sind zu 90 Prozent weiblich, die Schlange vorm Damenklo ist lang wie noch nie. 

Viele sind kostümiert, manche tragen Hüte, andere Katzenohren, sogar leuchtende Katzenohren. Manche sind zu jung, um schon einmal kostümiert auf einem Take-That-Konzert gewesen zu sein, manche alt genug, um schon damals zu den besorgten Eltern gehört zu haben. Aber alle werden jede einzelne Silbe jedes einzelnen Liedes mitsingen können.

Wermutstropfen: Robbie Williams ist nicht dabei

Los geht’s (nach halbstündigem Rumpeln und Grollen aus den Hallenlautsprechern, nanu?) mit „Greatest Day“ (2008) – vom ersten Takt an sitzt kein Mensch mehr auf seinem Stuhl und singt kein Mensch nicht mit. „Streckt eure Arme in die Luft!“ – alle strecken ihre Arme in die Luft. Konfettikanone. Leuchtende Öhrchen. Alles schon im ersten Song.

Es gibt zwei Wermutstropfen, dicke Wermutstropfen: Robbie Williams, 1995 aus-, 2010 wieder eingestiegen, ist nicht dabei, Jason Orange seit 2014 sowieso nicht. Die ehemaligen Mädchen tragen es mit Fassung, nein, mit überbordender Begeisterung für die drei verbliebenen Gründer Gary Barlow, Howard Donald und Mark Owen, sämtlich Namen, die seit mindestens 25 Jahren kein Textverarbeitungsprogramm mehr als Fehler markieren würde.

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Die drei Sänger und ihre tadellose fünfköpfige Band legen eine gute, ehrliche Popshow hin, abgesehen davon, dass sie zu jedem der ersten vier Lieder das Publikum euphorisch begrüßen („Hello Frankfurt“). Vor dem fünften, „Patience“, variiert Mark Owen leicht („Guten Abend!“), bedankt sich für 30 Jahre Treue, lobt Frankfurt (das natürlich das beste Publikum überhaupt hat). Und dann: 3000 glückliche Mädchenstimmen, die jetzt Frauenstimmen sind. Wer wäre davon nicht gerührt.

Take That war in den 90ern die Krönung der Boygroup-Mode

Take That war in den 90ern die Krönung der Boygroup-Mode, die Band, die den Nachgeborenen klarmachte, wie das bei den Beatles gewesen sein musste. Die fünf Typen eroberten Millionen Herzen. Robbies Demission verschaffte Kinderpsychologen und Teenagermagazinen eine monatelange Hochkonjunktur. Geblieben ist unsterbliche Liebe, bis heute, spürbar in jedem Winkel des Saals, der übrigens recht gut klimatisiert ist. Die Sanitäterin, zum Ernst der Lage befragt, rechnete vor dem Konzert nicht mit allzu vielen ohnmächtigen Fans, „höchstens wegen der Hitze“, aber kein Problem, alles Bambi.

Ob sich jemand an die 90er erinnere, fragt Barlow vor dem sechsten Song, „Pray“ (hallo? Keine Begrüßung diesmal?), und ja, schon, kann man sagen. Das einsetzende Kreischen, die aus heutiger Sicht etwas albernen Tanzformationen, die manche Ex-Mädchen sogar noch mittanzen können: Das alles beweist eine lässige Selbstironie, die über dem ganzen Abend schwebt, sowohl bei der Band als auch bei den Fans. „Wir erkennen viele eurer Gesichter wieder!“, ruft Owen. Gelächter.

Robbie fehlt, na klar. „Back For Good“ ist trotzdem ein grandioses Liebeslied, „Relight My Fire“ eine Stimmungsrakete, „Could It Be Magic“ ebenfalls, „Babe“ ein Schmachthappen sondergleichen. Drei frühere Mädchen aus der ersten Reihe haben jetzt ein Selfie mit Gary Barlow, dem besten Sänger, drei andere haben eins mit Howard Donald, dem besten Tänzer. Und draußen vor der Halle warten nicht, wie einst, die Eltern. Jetzt warten die Männer.

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