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Martin Nussbaum (Andreas Lust) hat Emily (Meira Durand) entführt, zu seinem Sexobjekt gemacht und durch halb Europa geschleppt.

Kult-Krimi

TV-Kritik zu Tatort „Für immer und dich“: Ausbruch in die Hölle

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Einer der besten „Tatort“-Krimis seit langem: Ein Kindesentführer und sein williges Opfer sorgen darin für ein starkes Psychodrama.

Als Liebespaar auf der Flucht sein – das hört sich mitunter romantisch an. So wie bei Emily Arnold (Meira Durand) und Martin Nussbaum (Andreas Lust)? Ihre Flucht besteht aus endlosen Fahrten auf endlosen Straßen, ohne Sinn und ohne Ziel. Sie sind auf der Flucht vor der gnadenlosen Wahrheit, der Familie mit verzweifelter Mutter Michaela (Kim Riedle) wie bei Emily und der geschäftlichen Pleite wie bei Martin.

Wobei diese Pleite natürlich noch Martins kleinstes Problem darstellt. Martin ist Emilys Freund, Entführer, dazu ihr brutaler Liebhaber und Besitzer. Wie im realen Fall von Maria H., auf dem der Krimi teilweise basiert. Dazu variiert Martin Vladimir Nabukovs pädophilem Humbert Humbert, wie auch Emily dessen zum Inbegriff gewordene Romanfigur „Lolita“ auf neue Weise interpretiert. Emily war erst 13 Jahre alt, als Martin sie aus ihrer kleinen Welt herausnahm.

Ohne Ausweg

Und dann steckte er sie in eine Welt, die einerseits um so viel größer und zugleich kleiner war als in Emilys Leben zuvor. Sie hat an Martins Seite zwar viel von Europa gesehen, aber stets im versifften Auto, in schummrigen Bruchbuden oder mit etwas Hygiene im Waschbereich von Raststätten auf der Autobahn. Mit Zucker auf einer Melone, auf der sich zuvor Fliegen niedergelassen haben. Und dabei ständig nur Martin, ohne Kontakt zu anderen Teenagern.

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Das fröhliche Herumalbern mit einer neuen Freundin an einer Tankstelle ist für Emily wie ein Schritt in ihr altes und zugleich neues Leben. Aus der Martin sie sofort wieder herauszerrt, als er an der Tankstelle vorbeikommt: einer der stärksten Momente in einem hervorragenden Film. Der „Tatort“ bezieht seine Wucht vor allem daraus, mit wie vielen Details er dem Zuschauer eine Ahnung vermittelt, wie dieses Leben auf der Flucht mit zaghaften Tastversuchen in die Normalität sich anfühlt.

Etwa wenn sich Emily in der Raststätte routiniert unter der Zugangsschranke durchbeugt. Das Leben zwischen mörderische Anspannung und Abgebrühtheit wird körperlich spürbar, wenn etwa Martin Nussbaum so auf Geheimhaltung bedacht ist, alles unter der gnadenlos alles ausleuchtenden prallen Sonne. Grotesk mutet es an, wenn Martin bei seiner Mutter auftaucht, um sie anzubetteln.

Schauspiel der Bürgerlichkeit

Verschwitzt kommt er an mit Hemd und Jacke, wo alles nur kurzen Ärmeln herumläuft: ein verzweifelter Versuch, bürgerliche Reputation vorzuspielen, wo schon längst keine bürgerliche Existenz mehr ist. Schöne Ironie dabei: Es ist zuvor ausgerechnet ein krimineller Jugendlicher, der dem Kinderschänder Martin Nussbaum zum Verhängnis wird.

Die Gesetzeshüter spielen ohnehin nur eine Nebenrolle. Drehbuch (Magnus Vattrodt) und Regie (Julia von Heinz) konzentrieren sich auf Martin und Emily und tun gut daran. Und das nicht nur wegen des Psycho-Dramas, das in einigen Details an den Kölner Klassiker "Kartenhaus" erinnert, sondern auch, weil Andreas Lust und Meira Durand) ihre Rollen mit jeder Faser spielen.

Speziell Andreas Lust, sonst im Sonntagskrimi gern besetzter Nebendarsteller, zeigt Martin als verzweifelt-kriminellen Versager mit aufwühlender Intensität. Abgerundet wird der "Tatort" durch die Musik, unter anderem von Rio Reiser, von dem auch der Titel kommt.

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