+
Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl in der gepflegten Tracht des 19. Jahrhunderts.

Musikalische Lesung

"Tatort"-Kommissare erzählen die Weihnachtsgeschichte in der Alten Oper - und es ist großartig

Mal nicht auf Verbrecherjagd: Als Teil des Sagas-Ensembles bringen die Münchner "Tatort"-Ermittler Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec in einer musikalischen Lesung Charles Dickens’ unsterbliche Geschichte auf die Bühne.

Ein wahrlich unangenehmer Zeitgenosse! Es dringen nicht nur Spott, Häme und Hohn, sondern Ekel, Verachtung und Gehässigkeit aus seinem Munde, wenn der alte Warenhauseigner und Geldverleiher Ebenezer Scrooge herumtönt: „So müsste jeder Narr, der mit einem ,Fröhlichen Weihnachten’ auf den Lipppen herumläuft, mit seinem eigenen Pudding gekocht und mit einem Pfahl von Stechpalmenzweigen im Herzen begraben werden – alles Humbug, kompletter Unfug.“ Geschäftemacher und Schacherer Scrooge ist nicht nur ein Geizhals. Er ist ein unverbesserlicher Misanthrop.

Miroslav Nemec verkörpert den Ruchlosen als Menschen ohne einen Hauch an Empathie und Sozialkompetenz, voller Herzenskälte. Geradezu widerwärtige Vibrationen verströmt der Schauspieler, der zuerst am Mozarteum in Salzburg Musik mit Schwerpunkt klassisches Klavier studierte und einen Abschluss als Fachlehrer für Musik absolvierte, bevor er die Schauspielakademie in Zürich besuchte. Wie sein Gegenpart, Schauspielkollege Udo Wachtveitl, trägt auch Nemec einen Gehrock und Hosen mit der modischen Anmutung des 19. Jahrhunderts. Wachtveitl, der eindrucksvoll gleich mehrere Rollen – vom kleinen Timmy über die Verlobte und Misses Cratchit bis hin zu den vier Geistern – verkörpert, weist einen ähnlichen Werdegang wie Nemec auf: Schon im Kindesalter auf Bühnen mimisch erprobt, studierte er, bevor er dann hauptberuflich ins Schauspielfach wechselte, zuerst Philosophie und Rechtswissenschaften. Großartig, wie einem seiner vier Geistergesellen der Kiefer runterfällt und er ihn wieder mit einem Ruck nach oben klappt. 

Gebanntes Publikum

Seit 27 Jahren verkörpern der 60 Jahre alte Udo Wachtveitl und der vier Jahre ältere Miroslav Nemec die Hauptkommissare Franz Leitmayr und Ivo Batic im Münchner Tatort. Hinter den beiden exzellenten Mimen sitzen im Halbrund drei Geigerinnen, eine Cellistin und ein Kontrabassist. Allesamt tragen große, weiße wie fedrige Engelsflügel, wenn sie über das allseits populäre britische Weihnachtslied „We Wish You A Merry Christmas“ zwischen klassischer Kammermusik und Jazz-Impressionen famos improvisieren sowie Kompositionen von Libor Sima zum Besten geben. Mehr bedarf es nicht bei dieser musikalischen Lesung, um Charles Dickens’ Erzählung von 1843 hautnah zu vermitteln. Keine Kulissen, nur ein paar wenige Requisiten wie Wachtveitls schwarzes Tuch, wenn er die vier Geister andeutet, die Scrooge in seiner trotz seines Reichtums ärmlich heruntergekommenen Behausung in der Nacht vor Weihnachten heimsuchen, um ihn in eigene die Vergangenheit, aber auch in die Zukunft zu führen.

Gebannt lauscht das Publikum in der ausverkauften Alten Oper den von der Musik unterfütterten Dialogen. Wie bei allen großen Autoren zeichnet sich auch das Werk von Charles Dickens (1812–1870), so sehr es im Viktorianischen Zeitalter verwurzelt ist, durch Zeitlosigkeit aus. Dickens’ Romane wie „Oliver Twist“, „David Copperfield“ und „Große Erwartungen“ beschäftigen sich stets mit Ungerechtigkeit und menschlichen Charakterschwächen. Am Ende der Geschichte, nach einer alptraumhaften Horrornacht, gibt sich der alte Scrooge geläutert, wenn er den Schlusssatz „Fröhliche Weihnachten – uns allen“ strahlend verkündet und die derart beglückte Besucherschar beim Applaudieren sich minutenlang fast überschlägt.

In einer fabelhaften Bearbeitung und Inszenierung von Regisseur Martin Mühleis mit Traumbesetzung taugt „Eine Weihnachtsgeschichte“ zum „Alle-Jahre-wieder“-Standardklassiker. Fantastisch!

VON MAXIMILIAN STEINER

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare