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Die Kommissare Nora Dalay (Aylin Tezel) und Jan Pawlak (Rick Okon) mit dem ehemaligen Bergmann Stefan Kropp (Andreas Döhler, v.l.n.r.) .

TV-Kritik

Tatort "Zorn": Zwischen Reiki und Reichsbürger

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Der neue „Tatort“ aus Dortmund beeindruckt vor allem durch seine schön triste Ruhrpott-Optik. Die Geschichte tut sich aber schwer.

Der Titel wird hier gewissermaßen zum Programm. „Nach über 30 Jahren unter Tage zum Abschied n‘ Arschtritt. Arbeitslos, Schicht im Schacht!“ Am Ende bleibt eine Abfindung von 20.000 Euro, die jeder Kumpel kriegen soll. Als Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) mit seinem Team aufklären will, wer Andreas Sobitsch ermordet hat – der erschossen aus dem Dortmund-Ems-Kanal gefischt wurde – stößt er auf eine reichlich aufgeheizte Stimmung.

Wenn dann noch Suff, Seitensprung und Eifersucht dazukommen, wirkt das wie eine Zündschnur. Und nicht nur unter den frustrierten Ex-Bergleuten, sondern auch in Fabers Team brodelt es bald gewaltig. Kein Wunder, dass da Fabers Kollegin Martina Bönisch (Anna Schudt) unter massiven Rückenschmerzen leidet und sich von einem Reiki-Meister Hilfe erhofft .

Verfassungsschutz mit schmutzigen Händen

Noch schlimmer geht es unter Nora Dalay (Aylin Tezel) und ihrem neuen Kollegen Jan Pawlak (Rick Okon) zu. Da haben Typen wie Reichsbürger Friedemann Keller (Götz Schubert) leichtes Spiel. Der handelt nicht nur mit Sprengstoff, sondern wird als V-Mann auch von Dr. Klarissa Gallwitz (Bibiana Beglau) vom Verfassungsschutz gedeckt. Was es für Kommissar Faber, der sich ebenfalls mit den Geistern seiner Vergangenheit herumschlägt, nicht leichter macht.

Am Ende geht es um eine geplante Explosion, was massiv an den Sonntagskrimi „Sturm“ erinnert. Der spielte unter Islamisten und scheiterte komplett daran, sein Milieu glaubwürdig rüberzubringen. Ganz so schlecht ist „Zorn“ zum Glück nicht. Speziell am Anfang fängt Wolfgang Eichholzers Kamera etwa viele eindrucksvolle Impressionen heruntergekommener Siedlungslandschaften ein.

Zu viel Bier und Kippen

Allein die verlotterten Straßenzüge illustrieren schon trefflich, wie sich die zerplatzten Träume der Kumpel vom Aufstieg in die Arbeiter-Mittelschicht anfühlen. Da hätte es die vielen Rauch- und Trinkszenen gar nicht gebraucht. Zumal es auch nicht eben glaubwürdig wirkt, wenn Kommissar Faber sich im Dienstinnerhalb kurzer Zeit gleich mehrfach ein kühles Helles schmecken lässt.

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So richtig plausibel fühlt sich aber auch der Rest des neuen Dortmund-Krimis nicht an. So erscheint Jan Pawlak zu Beginn überaus dynamisch und tüchtig, startet dann aber ein Verhör mit einem Betrunkenen in einer Kneipe und gibt dabei auch noch hochbrisante Hintergründe preis. Das sind schon Szenen, bei denen echten Polizisten vor dem Fernseher die Haare zu Berge stehen.

Zu groß dimensioniert

Sobald Reichsbürger Keller auftaucht, nimmt der Fall zudem bald ziemlich gewagte Dimensionen an. Und das geht zu Lasten der bis dahin noch halbwegs funktionierenden Milieubeschreibung. Das Lindenstraßen-Gefühl, hautnah dabei zu sein, versucht „Zorn“ durch einen Polit-Thriller zu ersetzen. Dabei kann aber nur Bibiana Beglau als hinterhältig-attraktives Miststück vom Verfassungsschutz wirklich überzeugen.

Es fehlt eben auch hier an Glaubwürdigkeit. Dass jemand vor lauter Wut gleich eine Mega-Explosion herbeiführen will, nimmt man der Geschichte einfach nicht ab: So schlecht sind eine Abfindung und ein Job in einer Erlebniswelt nun auch wieder nicht. So pendelt Dortmund ziemlich schwankend zwischen seinen Themen, ohne mit einem seiner Handlungsstränge und Figuren wirklich zu fesseln.

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