+
Noch genießt die luxuriös gekleidete Peggy Stresemann (Katrin Wichmann) ihren kurzen Triumph über ihren Alltag. Bild: NDR / Christine Schroeder

Tatortkritik

„Borowski und das Glück der Anderen“: Der tödliche Neid

  • schließen

Der neue Kieler „Tatort“ wirkt wie eine Moritat mit Lehr-Charakter. Seine besondere Stärke ist die von Katrin Wichmann gespielte Täterin.

Ach, wie schön wäre doch das kleine Glück. Jenes Gefühl der Geborgenheit im eigenen kleinen Leben – wüsste man nicht, dass es da noch das viel größere Glück gibt. Gleich zwei schicke Autos statt des kleinen Lieferwagens, ein elegantes Haus und einen Ehemann, bei dem nicht nur die Klamotten nach Designer aussehen, sondern gleich der ganze Typ ziemlich durchgestylt rüberkommt. So wie bei Victoria (Sarah Hostetter) und Thomas Dell (Volkram Zschiesche).

Kein Wunder also, dass Peggy Stresemann (Katrin Wichmann) von Neid auf die Nachbarn zerfressen wird. Da muss schon mal eine Fernbedienung dran glauben, um sich abzukühlen. Und nachdem Peggy ohnmächtig mitansehen muss, wie sich die Dells über einen vermeintlichen Super-Jackpot bei der Ziehung der Lottozahlen freuen, fängt die zweite Todsünde in ihr heftig an zu brodeln.

Von der Todsünde zum Mord

Das ihr Ehemann Micha (Aljoscha Stadelmann) mit seinem Leben rundum zufrieden ist, treibt sie noch weiter in den Neid. Das Glück der Anderen – schon der Titel des neuen Sonntagskrimis aus Kiel deutet an, dass hier Neid auf den größeren Erfolg eine wesentliche Rolle spielt. Die Geschichte baut dieses Motiv im Handlungsverlauf immer stärker aus, was ihr einen mitunter moritatenhaften Verlauf beschert.

Erst steigt Peggy bei den nachbarn ein, um den Lottoschein zu suchen – der Lottogewinner hat sich noch nicht gemeldet. Sie genießt einen Schluck Champagner und eine Handvoll Luxuspralinen auf dem Wohnzimmertisch der Dells. Und bricht im Schlafzimmer des Paares eine Schublade auf, worin sich jedoch kein Lottoschein befindet, sondern eine Pistole. Dumm nur, das gleich darauf der heimgekommene Thomas Dell, der sich als hocharrogant entpuppt, in der Tür steht.

Die Verlockung des Konsums

Zu den Stärken des „Tatort“-Films gehört, wie er die Figur der Peggy immer stärker in ihre wahnhafte Welt verstrickt: Dass Victoria Dell, als sie an ihrer Kasse Schampus und Edelpralinen bezahlt, auf Treuepunkte verzichtet, erscheint ihr schon als weiterer Beweis für das Lottoglück des Paares. Victoria ist eben eine Frau, die solche Treuepunkte nicht mehr nötig hat.

Geschickt haben hier Regisseur Andreas Kleinert nach einem Drehbuch von Sascha Arango die großen und kleinen Verlockungen der Konsumwelt in die Handlung eingebaut und der Geschichte damit einen ordentlichen Sog verpasst. Ein luxuriöser Einkauf erscheint Peggy als Eintrittskarte in die große Welt. Wobei sich Literaturfreunde an Oscar Wilde erinnern dürften: „Hüte Dich vor deinen Wünschen – sie könnten in Erfüllung gehen!“

Katrin Wichmann prägt sich ein

Denn dass für Peggy die schmerzhafte Quittung kommt, bleibt außer Zweifel. Es wäre schon ziemlich revolutionär, wenn ein „Tatort“ einen Täter wie Peggy Stresemann am Ende davonkommen lassen würde – dafür dürften sich in ihrer Gedankenwelt viel zu viele Zuschauer wiedererkennen. Bis zur clever eingefädelten Auflösung stören nur einige wenig schlüssige Details, die man aber angesichts Katrin Wichmanns famosen Spiels schnell vergisst.

Ganz ordentlich entwickelt sich auch das Verhältnis zwischen Klaus Borowski (Axel Milberg) und seiner neuen Kollegin Mila Sahin (Almila Bagriacik). So dürfen sie gleich zu Beginn mit Knalleffekt einen lang gesuchten Verbrecher aufstöbern. Auch sonst sorgt der Umgang Borowskis mit Kollegen etwa in der Pathologie für Kurzweil. Der neue Borowski ist zwar kein Volltreffer, aber er sorgt schon durch seinen lässig-ironischen Stil für gute Unterhaltung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare