1. Startseite
  2. Kultur

Ein Teppich legt sich ins Klingspor-Museum

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Tröstende Worte zieren den von Rudolf Koch gestalteten Leinenteppich.
Tröstende Worte zieren den von Rudolf Koch gestalteten Leinenteppich. © Museum

Mit Ankäufen, Schenkungen und Leihgaben erweitern die Museen in Frankfurt und der Region ihre Sammlungen. Dahinter stecken spannende Geschichten. In loser Folge stellen wir einige vor. Heute: ein Teppich des Gestalters Rudolf Koch im Klingspormuseum Offenbach.

„In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Dieser Satz aus dem Johannes-Evangelium zieht sich durch einen 129 mal 66 Zentimeter großen Leinenteppich. Unterteilt wird die Fläche des Teppichs durch eine blau eingefasste Kreuzform, in der sich ein Rebenmuster und ein Kelch finden. Die christlichen Symbole für Anfang und Ende, an die Buchstaben Alpha und Omega angelehnt, zieren das Objekt ebenfalls. Der Offenbacher Schriftgestalter und Kalligraf Rudolf Koch (1876–1934) entwarf diesen Teppich 1922. Ein Jahr zuvor sah Koch in einem Münchner Museum Altartücher, die ihn zu seinem ersten, nach Angaben eines Freundes selbstgestickten Schriftteppich inspirierten.

Als tiefreligiöser Mensch kehrte Rudolf Koch aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Er engagierte sich in der evangelischen Friedenskirche in Offenbach und schrieb die Evangelien ab. Sein erster Schriftteppich kam erst im diesjährigen Sommer in die Sammlung des Offenbacher Klingspor-Museums. Die Vereinigung der „Freunde des Klingspor-Museums“ erwarb das Objekt aus Privatbesitz. „Das ist ein wichtiger Baustein, ein zentrales Stück“, sagt Martina Weiß, Betreuerin der Museumsbibliothek. Das Klingspor-Museum hat schon eine umfangreiche Rudolf-Koch-Sammlung und birgt unter anderem seine Handschriften, kalligrafische Blätter und 12 teils wandfüllende Schriftteppiche.

Lehre und Gestaltung

Das Museum wurde 1953 eröffnet. Es beruht auf der über 3000 Bände umfassenden Buchkunstsammlung von Karl Klingspor (1868–1950), der in Offenbach mit seinem Bruder eine Schriftgießerei betrieb. „Wir sammeln heute im Sinne Karl Klingspors weiter“, betont Martina Weiß. Das Museum besitzt zahlreiche illustrierte Bücher und Künstlerbücher, Schriftproben, Plakate, Schriftteppiche sowie Nachlässe und Sammlungen von Schriftkünstlern.

Bei der Schriftgießerei Gebr. Klingspor begann 1906 die berufliche Laufbahn von Rudolf Koch. Im Laufe der Jahre entwarf er über 20 Druckschriften. Noch heute kann man einige erwerben. Koch widmete sich in besonderem Maße der Frakturschrift. Seit 1908 leitete er die Schriftklasse an den Technischen Lehranstalten (heute: Hochschule für Gestaltung). Dort gründete Rudolf Koch 1921 die „Offenbacher Werkstatt“. In Handarbeit wurden in den darauffolgenden Jahren mehrere Schriftteppiche, liturgisches Gerät, Bücher und eine großformatige, aus Holzschnitten zusammengesetzte Deutschlandkarte hergestellt. Junge Männer und Frauen arbeiteten in der Werkstatt. „Der Gemeinschaftsgedanke war Koch wichtig“, sagt Martina Weiß. Man wollte sich an die mittelalterliche Bauhütte anlehnen, wie auch schon das 1919 in Weimar gegründete Bauhaus.

Eine bedeutende Rolle spielte in diesen Jahren der Mäzen Siegfried Guggenheim (1873–1961). Guggenheim ließ in Kochs Werkstatt große Wandteppiche mit Texten aus den Psalmen fertigen, als Ausstattung für die häusliche Seder-Feier während des jüdischen Pessach-Festes. Nicht nur mit diesem Auftrag förderte Siegfried Guggenheim Koch und dessen Schüler. Ebenfalls für die Seder-Feier entstanden in der „Offenbacher Werkstatt“ ein Handwaschbecken, eine Kanne aus Kupfer und eine aus Holz geschnitzte Schüssel. 1927 wurde die „Offenbacher Haggadah“ publiziert – ein liturgisches Hausbuch für das Pessach-Fest, ausgestattet mit Holzschnittillustrationen des Koch-Schülers Fritz Kredel. Die hebräische Schrift wurde eigens für das Buch von Berthold Wolpe, ebenfalls Koch-Schüler, gestaltet. Die „Offenbacher Werkstatt“ bestand bis zu Rudolf Kochs Tod im Jahr 1934. „Er war wohl der charismatische Lehrer, der alle zusammengehalten hat“, sagt Martina Weiß. Die Zeitumstände zwangen Kredel und Wolpe zur Auswanderung – beide entstammten jüdischen Familien. Auch Guggenheim emigrierte noch rechtzeitig. Seine Sammlung wurde 1956 vom Klingspor-Museum erworben.

Empfindliche Handschriften

Das im Südflügel des Offenbacher Büsing Palais untergebrachte Museum geht mit seinen zahlreichen Schätzen behutsam um. Es zeigt ausschließlich Wechselausstellungen. Für eine dauerhafte Präsentation wären viele Exponate zu empfindlich. Einzelne Objekte aus der Sammlung, so auch Rudolf Kochs Handschriften, können nach vorheriger Anmeldung in der Bibliothek besichtigt werden. Kochs nunmehr dreizehn Schriftteppiche werden in einem speziellen Schrank aufbewahrt. Sie werden ebenfalls bald vorgezeigt werden können, erzählt Martina Weiß. Rudolf Kochs erster Schriftteppich ergänzt eine Sammlung, die erst kürzlich um ein eindrückliches Zeitdokument bereichert wurde. Im Jahr 2014 erwarb das Klingspor-Museum ein Konvolut von Bleistiftzeichnungen Rudolf Kochs, die während seines Einsatzes im Ersten Weltkrieg entstanden.

Klingspor-Museum, Herrnstraße 80, Offenbach. Di, Do, Fr 10–17 Uhr, Mi 14–19 Uhr, Sa, So 11–16 Uhr. Eintritt 2,50 Euro. Bibliothek nach telefonischer Absprache unter Telefon (069) 80 65-20 66. Internet

Auch interessant

Kommentare