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In der Probe sang Christa Mayer (l.) die Brangäne, neben Stephan Gould (Tristan) und Petra Lang (Isolde). Claudia Mahnke übernahm.

Bayreuther Festspiele

Thielemann bringt die Erlösung

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Die Bayreuther Festspielen nahmen „Tristan und Isolde“ in der Regie der Komponisten-Urenkelin Katharina Wagner wieder in den Spielplan auf.

Endlich das lange erwartete musikalische Fest: Nach orchestralen Enttäuschungen, vor allem beim Bayreuth-Debüt des 77-jährigen Dirigenten Marek Janowski im Zyklus vom „Ring des Nibelungen“, beendete Festspiel-Musikdirektor Christian Thielemann die Premierenwoche. Gleichzeitig mit der ersten Wiederaufnahme von Katharina Wagners Sicht auf „Tristan und Isolde“ fiel ein wenig vom bisher so vermissten Promi-Glanz auf den Hügel: Bundeskanzlerin Angela Merkel nahm im Festspielhaus zum ersten Mal in diesem Sommer Platz.

Was die Kanzlerin erlebte? Das Wohlwollen des Publikums hat Katharina Wagners Inszenierung auch in ihrem zweiten Festspieljahr nicht gefunden. In den kräftigen Jubel für Dirigent und Sänger mischte sich ein „Buh“-Sturm für die selbst inszenierende Festspielchefin. Nach wie vor kann sie die geometrischen Räume im Bühnenbild von Frank Peter Schlößmann und Matthias Lippert nicht konsequent und überzeugend bespielen, mag am Schärfegrad mancher der durchaus starken Bilder auch nachjustiert worden sein. Katharina Wagner kann zum Beispiel das Potenzial der verwinkelten Treppenanlage im ersten Akt nicht nutzen und zeigt darin kaum mehr als Selbstverständlichkeiten: Will Tristan während der Überfahrt von Irland nach Cornwall auf dem Schiff zu Isolde gelangen, klappt ihm mehrmals ein Stück Treppe vor den Füßen weg. Da können zwei lange nicht zusammenkommen. Haben wir verstanden!

Ähnlich schlicht in Licht und Dunkel teilt Kostümbildner Thomas Kaiser diese Wagner-Welt ein. Tristan und Isolde tragen Nachtblau, König Marke und Konsorten Tagesgelb. Im zweiten Akt prallen diese Welten auf einer Art Gefängnishof aufeinander, als die im zauberhaften Duett besungene Nacht der Liebe vorbei ist. Haben wir auch verstanden! Zumal Katharina Wagner im dritten Akt nun wieder viele kleine Lichtdreiecke im neblig großen Dunkel aufbietet, in denen der fieberfantasierende Tristan lauter Pseudo-Isolden wähnt, von denen, ups, schon einmal eine aus dem dreieckigen Rahmen kippt.

Doch was soll’s: Nach zu kurzen Proben für Einspringer Hartmut Haenchen („Parsifal“), eklatanten Fehlleistungen von Marek Janowski („Ring“) und blanker Routine bei Axel Kober („Der Fliegende Holländer“) bringt Christian Thielemann die Erlösung von lauter umstrittenen musikalischen Leistungen. Kritiker mögen dem Musikdirektor vorwerfen, sich nicht ganz zufällig selbst in dieses helle Licht gerückt zu haben, vor allem nach dem abrupten Weggang des vom Orchester ebenfalls hoch geschätzten Letten Andris Nelsons als Dirigent des Eröffnungs-„Parsifals“. Aber: Allein schon das zehnminütige „Tristan“-Vorspiel verströmt so viel Zug und Anspannung, Farben und Präzision, weite Melodiebögen und Überwältigungs-Momente, dass es eine Pracht ist. Wie Thielemann die Sänger trägt und ihnen ihrerseits Höchstleistungen ermöglicht, ist am besten an Iain Paterson zu erkennen, der nun einen baritonal rüstigen, expressiven und passionierten Kurwenal singt, nachdem er unter Janowskis „Ring“-Leitung an der Wotan-Partie im „Rheingold“ gescheitert war.

In der zweiten zentralen Dienerfigur ist kurzfristig eine aus der Oper Frankfurt gut bekannte Solistin eingesprungen: Claudia Mahnke veredelt die Partie von Isoldes Gefährtin und Liebestrank-Mixerin Brangäne mit glühender und dank dezent flackernder Stimme noch vergrößerter Intensität. Als König Marke bleibt Georg Zeppenfeld nach einem grandiosen Gurnemanz im „Parsifal“ und einem stattlichen Hunding in der „Walküre“ der vokale Gewinn für die diesjährigen Festspiele schlechthin.

Mit Stephen Gould erlebt und feiert das Bayreuther Publikum einen ganz besonders verlässlichen, konditionsfesten Wagner-Tenor; als einzige geplante Neubesetzung hat im zweiten Jahr dieser Produktion Petra Lang die Partie der Isolde übernommen, mit satter, aber auch offen-trocken klingender Tiefe und durchschlagender Wucht hier eine Ruferin in der Nacht, die als solche trotzdem gut in das vorzüglich ausgewichtete Ensemble integriert ist. Christian Thielemann sei Dank!

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