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Es toben die Komplexe

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Von: Andreas Bomba

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Skurril, surreal, suggestiv. Frankfurts Oper eröffnet mit einem zeitgenössischen Stück die Saison: "Der Sandmann" von Andrea Lorenzo Scartazzini.

Eigentlich haben wir von Psycho-Opern auf drögen schwarz-weißen Bühnen, von Komplexen, Herumgeschreie und –gerenne genug. Nicht so beim „Sandmann“ von Andrea Lorenzo Scartazzini, obwohl es ein Psychostück ist und die Bühne schwarz-weiß, obwohl die Komplexe toben und mächtig geschrieen wird, grundiert und angefeuert von schrägen, schrillen, bisweilen schmerzhaft lauten Orchesterklängen. Scartazzini (Jahrgang 1971) und sein Librettist Thomas Jonigk nehmen ihre Vorlage, Szenen aus E. T. A. Hoffmanns gleichnamiger Erzählung, sehr ernst. Sie würzen und brechen jedoch den beklemmenden Stoff mit Humor und romantischer Ironie. Satirische Zuspitzungen schaffen die nötige Distanz, um den Betrachter nicht allzu sehr hineinzuziehen in die Szene. Womit und mit wem soll man sich hier auch identifizieren?

Da ist Nathanael, ein Schriftsteller in der Midlife-Crisis, der es nicht schafft, seinen autobiografischen Roman zu schreiben. Der Verlust seines Vaters und die schwierige Beziehung zu einer gewissen Clara sollen erklären, warum er, der Autor, unter einer schizoiden Persönlichkeitsstörung leidet. Anfangs sieht man ihn sitzen in einer Art negativer Traueranzeige, schwarze Fläche mit weißem Rand (Bühne: Barbara Pral).

Spitzbübisch-clownesk

Die Musik quält und bildet das ab, was im Kopf Nathanaels vorgeht. Clara erscheint, im lüstern-weißen Marilyn-Monroe-Kleid (Kostüme: Ursula Renzenbrink), später der Vater (Thomas Piffka) und der Silberglitzer streuende Sandmann alias Coppelius (Hans-Jürgen Schöpflin), zwei spitzbübisch-clowneske Typen aus der Unterwelt. Die Dialoge verlaufen merkwürdig; Clara versucht, Nathanael von seinen Plänen abzubringen („Du bist kein Schriftsteller, sieh’ das endlich ein!“) und will den Arzt rufen, Nathanael aber findet alles real.

Nein, Realität ist das nicht, aber was sonst? Traum? Vergangenheit? Wahn? Neueste Studien, weiß Coppelius mit gutachterlichem Ernst, wiesen auf die Wichtigkeit von Mythen und Märchen für Fantasie und Durchsetzungsfähigkeit junger Leute hin. Lothar, der Arzt (Daniel Miroslaw) plädiert allerdings dafür, Nathanael lieber schlafen zu lassen – ein Märchenverwirrspiel also.

Das ganze 80-minütige Stück über werden die Ebenen ineinandergeschoben, nicht separiert – eine geniale und auch in den technischen Abläufen perfekt inszenierte Idee des Regisseurs Christof Loy, die immer wieder für Überraschungen sorgt, Fragen beantwortet, die niemand stellt und Lösungen anbietet, mit denen niemand rechnet.

In der Musik wird fast mehr gesprochen als gesungen und auch in Schönbergscher Pierrot-Lunaire-Manier sprechgesanglich rezitiert, womöglich ein Seitenhieb auf den Neue-Musik-Duktus der 50er und 60er Jahre mit seinen unsanglichen und für die Stimmen arg artifiziellen Intervallen.

Im fünften Abschnitt (von insgesamt zehn) hat der Chor seinen großen Auftritt. Die Damen und Herren besuchen eine Autorenlesung und plündern den Stapel des (in Nathanaels Vorstellung) fertigen und gerade ausgelieferten Romans. „Nie klangen Traumata verstörender!“, rufen sie. „Diese provokativ nekrophile Erotik!“ – „Ein Sinnbild für die heutige Gesellschaft!“ Und so fort. Herrlich, wie einst im „Literarischen Quartett“.

Von der „Automatisierung der Gefühle ist die Rede“; man sieht die weiße Clara nun als Clarissa im roten Kleid auftreten, die das macht, was Nathanael von Frauen einzig will, nämlich bedingungslos „Ja!“ sagen. „Alles eine Frage der Programmierung“, meint Coppelius, die „Ware“ (er meint die Frau) sei „optimierbar“. Spätestens hier wird es wieder ernst; vor Nathanaels Augen vervielfältigt sich die rote Clarissa – eine Herausforderung an seine Männlichkeit, der er nicht standhält.

Rastloser Einsatz

Im letzten, spotartig hereinbrechenden Bild stehen die anderen an seinem Sarg und lesen den nie geschriebenen Roman zu Ende. „Ist das nicht verrückt?“, sind die letzten Worte, Schluss, Licht aus.

Der Abend ist einfach grandios und in seiner Beklommenheit fast vergnüglich, weil Text und Musik so gut ineinandergreifen, sich gegenseitig unterstützen, kommentieren, durchdringen. Daniel Schmutzhard (Nathanael) und Agnete Eichenholz (Clara/Clarissa) tragen das Stück durch Spielfreude, Hingabe und rastlosen Einsatz. Der von Tilman Michael einstudierte Chor muss singen, flüstern, sprechen und viel agieren – auch seine tadellose Leistung verstärkt (bei geringen Wacklern in schwierigen Aufstellungssituationen) die Wirkung des Stücks.

Perfekt und in maximaler dynamischer Breite spielt das Opern- und Museumsorchester unter Hartmut Keils kundiger Leitung. Viel und freundlicher Beifall, ein einziges Buh – auch das Publikum hat (gerade bei einem solchen Stück!) verschiedene Wahrnehmungen.

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