Eröffnung in Bayreuth: weniger Prominenz, mehr Polizei.
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Eröffnung in Bayreuth: weniger Prominenz, mehr Polizei.

Trauer liegt über dem Grünen Hügel

Strenge Kontrollen statt roter Teppich: Nach den jüngsten Bluttaten gab es zur „Parsifal“-Premiere auf dem Grünen Hügel von Bayreuth keinen Glamour wie sonst. Festspiel-Chefin Katharina Wagner lässt sich ohnehin kaum noch sehen.

„So viele Polizisten!“, ruft ein Kind. Ein Hubschrauber fliegt über das Festspielhaus. Zahlreiche Polizei-Einsatzwagen flankieren das Gebäude. Beamte bringen Spürhunde ins Haus, kontrollieren schon auf der Straße Handtaschen und stellen Absperrgitter auf. Ausnahmezustand bei den Bayreuther Festspielen – bei der Eröffnung am Montag ist vieles anders als sonst.

Nach den jüngsten Bluttaten hat es die Pietät geboten, den roten Teppich mit seinem Promi-Auflauf abzusagen. Alljährlich schreiten normalerweise Politiker und Show-Größen zum Portal des imposanten Wagner-Festspielhauses – doch nicht diesmal, nach dem Axt-Angriff von Würzburg, dem Amoklauf in München und dem Anschlag in Ansbach. Die Franken-, Bayern- und Deutschlandflaggen, die die Auffahrt hoch zum Festspielhaus säumen, tragen Trauerflor. Auf dem Bühnenvorhang im Zuschauerraum steht vor Beginn der „Parsifal“-Premiere: „Die Bayreuther Festspiele widmen die heutige Aufführung allen Opfern der Gewalttaten der vergangenen Tage und ihren Angehörigen.“

Nur wenige reagieren genervt darauf, dass Polizisten ihnen sagen, wo sie entlanglaufen müssen – und wohin sie nicht dürfen. „Wir sind überrascht, dass wir nur einmal durch Polizeikontrollen mussten“, sagt eine ältere Dame und lacht. Sie war aufgeregt, ob sie es pünktlich zur Aufführung schaffen würde – und nun ist sie mit ihren beiden Freundinnen eine Stunde zu früh dran. Aber die drei haben nur Lob übrig für die Polizei. Schnell sei alles gegangen, weil genug Beamte da seien, um alle zu überprüfen.

Auch zwei andere Festspiel-Besucherinnen wollen sich die Freude nicht nehmen lassen. Die Ereignisse der Woche hätten sie nicht davon abgehalten, nach Bayreuth zu kommen, sagt die eine. „Niemals!“, ruft die andere. Dennoch, es ist sehr still vor dem Festspielhaus - stiller als in den Vorjahren. Der Medienrummel ist gering, nicht zu vergleichen mit früheren Jahren, und nur eine Handvoll Zaungäste ist zum Schauen gekommen; normalerweise ist der ganze Vorplatz voller Schaulustiger.

Lothar Würl steht hinter den Metallgittern, er ist einer der ganz wenigen Zaungäste. „Mulmiges Gefühl habe ich keines“, sagt er über die Attacken der vergangenen Tage. „Passieren kann das immer und überall. Sich vergraben bringt nichts.“ Das sagt auch Schauspielerin Michaela May. „Man muss ein Zeichen setzen“, sagt sie. Dass man trotz der Angst komme. Sie ist fast die einzige, die in diesem Jahr nah ans Festspielhaus heranfahren darf - sonst gehörte es zum Auftritt, mit dem Auto vorzufahren. May aber kann wegen eines Unfalls noch nicht so gut laufen und hatte ein Sonderrecht. Herzlich begrüßt sie Gloria Fürstin von Thurn und Taxis, in hell-türkisfarbener Seide gekleidet. Beide dürfen – wie alle Besucher – keine Flaschen und Sitzkissen mitnehmen, auch das aus Sicherheitsgründen. Das macht May aber nichts aus. „Ich fühle mich noch fit, ohne Sitzkissen zu sitzen“, sagt sie und lacht. Es ist recht warm in Bayreuth. Viele tragen schicke, aber legere Overalls oder weite Kleider, viele tragen aber auch Schwarz. Die Schauspieler Udo Wachtveitl und Edgar Selge sind zu sehen. Die Politprominenz fehlt. Das bayerische Kabinett sagte nach den Attacken ab. Kanzlerin Angela Merkel, eigentlich Stammgast bei der Bayreuther Festspieleröffnung, hatte schon vor längerer Zeit mitgeteilt, dass sie aus terminlichen Gründen nicht kommen könne.

Manchen Gästen ist nicht so ganz wohl. „Ich fühle mich bedrückt“, sagt eine Besucherin. Sie denke an die Opfer der Attacken. Die Kontrollen am Festspielhaus aber findet auch sie nicht unangenehm. „Ich habe es mir schlimmer vorgestellt. Sie haben ja den luftigen Charakter des Grünen Hügels erhalten.“ Stadt Bayreuth und die Festspiele angesichts latenter Terrorgefahr bei Großveranstaltungen ein verschärftes Sicherheitskonzept erarbeitet. Es war mehrfach, unter anderem von Künstlern, kritisiert worden. Der kaufmännische Direktor Holger von Berg zeigte sich gestern jedoch froh darüber. „Wir sind gut vorbereitet.“ „Parsifal“ ist die einzige Neuinszenierung. Daneben stehen bis 28. August als Wiederaufnahmen auf dem Spielplan: der vierteilige „Ring des Nibelungen“ in einer Inszenierung von Frank Castorf, „Der fliegende Holländer“, inszeniert von Jan Philipp Gloger, sowie „Tristan und Isolde“ in der Deutung der Bayreuther Festspielchefin Katharina Wagner. Die war schon vor der Eröffnung kaum zu sehen. Wolfgang Wagner posierte und repräsentierte – er war das Gesicht der Festspiele. Derzeit aber fehlt dem Haus ein Wagner-Antlitz. Tochter Katharina (38), die künstlerische Leiterin, tritt öffentlich nicht auf. Der Grüne Hügel erscheint wie eine Institution ohne Ikone – sie selbst wehrt sich.

„Es gibt keine Leitung“, sagt einer, der die Wagner-Familie und die Bayreuth-Szene gut kennt und deshalb anonym bleiben will. „Katharina “, sagt er, „taucht völlig ab.“ Als Festspielleiterin – könnte man meinen – gilt sie als Repräsentantin des wichtigsten Opern-Festivals in Deutschland. Doch sie präsentiert sich kaum mehr. Blonde Mähne, Fotos im Stil einer Kosmetikwerbung – so zeigte sich Katharina Wagner, nachdem sie 2008 mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier (71) die Nachfolge ihres Vaters angetreten hatte. Bald wurden die Glamour-Bilder weniger. Aktuelle Fotos von ihr gibt es nicht. Und auch der Glanz ist zumindest zur Eröffnung ausgefallen.

(dpa,red)

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