Sie haben alles für den Bruder geopfert: Anna (Ulrike Arnold) und ihre Schwester Carrie (Sólveig Arnarsdóttir, vorn).
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Sie haben alles für den Bruder geopfert: Anna (Ulrike Arnold) und ihre Schwester Carrie (Sólveig Arnarsdóttir, vorn).

Wiesbadener Staatstheater

Der Traum vom großen Glück scheint zum Greifen nah

  • VonMarcus Hladek
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Tilo Nest inszenierte das letzte Stück der amerikanischen Dramatiker-Legende Lillian Hellman: Die „Puppenstube“ am Wiesbadener Staatstheater ist wunderbar gelungen.

Wie seltsam, dass Lillian Hellman (1905–1984), diese hartgesottene, kluge Frau, Geliebte des Krimi-Autors Dashiell Hammett und Freundin von Leuten wie Hemingway, eine, die als Linke im Spanischen Bürgerkrieg war und sich zur McCarthy-Zeit weigerte, ihr Gewissen zu verkaufen, wie seltsam also, dass diese starke Frau das US-Drama des 20. Jahrhunderts um ein paar der besten Stücke bereicherte, von sich aber sagte: „Ich mag Theaterleute nicht. Hab sie nie gemocht.“ Bühnenproben liebte sie, die Schauspieler fand sie nur eitel und machte ihnen mit kritischer Husterei aus dem dunklen Saal am Broadway, wo „Toys in the Attic“ im Februar 1960 Uraufführung hatte, soviel Angst, dass sie ihr den Regisseur schickten, damit Hellman sie feuern oder in Ruhe lassen sollte.

Eine Filmmusikpassage zaubert das verdunkelte Bühnenbild Stefan Heynes im Stil einer Aufblende ins Helle. Ulrike Arnold sitzt als Anna, eine der Berniers-Schwestern, Zigarre paffend im Schaukelstuhl und gibt sich der Betrachtung eines Haufens Schaukelstühle hin. Die Bühne aus edlen hölzernen Kassettenwänden zeigt das Innere des Herrenhauses in New Orleans, wo sich das Familiendrama abspielt. Der mit groben Holzpaletten vollgestellte Boden bricht die Wahrnehmung. Von unten beleuchtet, scheinen Lichtfugen ihn aufzusprengen. Das passt zur Handlung, deren tragische Statik sich in Figuren verwirklicht, die noch deutlicher als sonst im US-Drama vom Vorbild Tschechows zehren.

„Puppenstube“ ist fast ein „American draft“ der „Drei Schwestern“ und des „Onkel Wanja“. Anna und ihre Schwester Carrie (Sólveig Arnarsdóttir) helfen ihrem Bruder Julian (Michael Birnbaum) seit Jahren aus einer Pleite nach der andern und haben alle eigenen Träume geopfert. Wie sehr das Carrie in Fleisch und Blut übergegangen ist und vage Glückshoffnung jedes real mögliche Glück übertrumpft, zeigt sich, als Julian frisch getraut hereinschneit, und zwar unverhofft als reicher Mann. Nun schmeißt er mit Geschenken um sich und kündigt an, seiner blutjungen Frau Lily (Barbara Dussler) und den Schwestern alle Wünsche zu erfüllen. Der „Amerikanische Traum“ ist zum Greifen nah. Genau das ist zu viel für Carrie, die ihren halb-inzestuös geliebten Julian weder teilen will noch Lust darauf hat, dass jeder für sich sein Glück suchen soll. Also horcht sie Lily (ein leichtes Opfer) aus, offenbart Julians Partnern beim Landkauf sein Insider-Wissen und verdirbt ihm das Geschäft seines Lebens. Blutig geschlagen kommt er zurück.

Ist schon Heynes widersprüchliche Ballsaal-Szenerie (das aus den Fugen quellende Licht, das Stühle-Chaos, ein Feld von Ventilatoren) ein Bild für diesen Plot, so meint man das Ensemble um sein Leben spielen zu sehen. So auch Evelyn M. Faber als Lilys Mutter Mrs. Price und ihr schwarzer Chauffeur-Geliebter Henry (Lassana Justin Yao): ein im Jahr 1960 in Louisiana (das Geschehen selbst spielt in der Depressionszeit) heikles Detail aus Hellmans eigener Familiengeschichte. Den kritischen Impuls verstärkt Regisseur Nest durch einen kopfstarken Cast schwarzer Statisten, die chorartig präsent werden und dem Verdrängten Raum schaffen. Anne Buffetrilles Kostüme schwelgen in realistischen Tonlagen: Schnitte der 30er, viel Südstaaten-Weiß, Chauffeursuniform, Hosenträger und Unterhemd für den jovialen Julian, Mädchenkleider für Lily, biestig-transparentes Schwarz für Carrie. Toll, wie Dussler die naiv-eifersüchtige, manipulierbare, hysterisch-exzessive Rothaarige gibt, Birnbaum den auf seine Chance lauernden und doch gutmütigen Geschäftsmann, Faber die lebenskluge reiche Mutter mit privaten Launen, endlich Arnarsdóttir die vielschichtig gebrochene, hintergründig-gemeine Carrie.

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