Aufwändige Effekte

Tricktechnik allein genügt nicht

  • VonMarc Rybicki
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Haben die Filmproduzenten das Gefühl für den Publikumsgeschmack verloren? Mit spektakulärem technischem Aufwand allein lässt sich kein Kino-Kassenerfolg mehr erzielen.

Hat Steven Spielberg ausgespielt? Der kommerziell erfolgreichste Filmemacher der Geschichte lieferte gerade den größten Flop seiner Karriere ab. Bei einem Budget von 140 Millionen Dollar nahm das Märchen „BFG: Big Friendly Giant“ am Startwochenende gerade einmal 19 Millionen ein – Tendenz sinkend. Dabei hatte die Produktionsfirma Disney mit einem Mega-Hit gerechnet. Die Verfilmung von Roald Dahls Kinderbuch über ein Waisenmädchen, das sich mit einem gutmutigen Giganten anfreundet, schien bei Spielberg in besten Händen zu sein. Aus der Formel „Knirps trifft Knuddelmonster“ zauberte er einst den Kassenschlager „E.T – Der Außerirdische“.

Doch das Riesen-Debakel legt den Schluss nahe, dass dem beinahe 70-jährigen Regisseur das Gespür für den sich wandelnden Zeitgeist abhanden gekommen ist. Damit steht der Altmeister nicht allein, denn in diesem Sommer erlitten neben „BFG“ eine ganze Reihe von Hochglanzproduktionen Schiffbruch. „Gods of Egpyt“, „World of Warcraft“, „The Huntsmann & the Ice Queen“, „X-Men: Apocalpyse“, „Independence Day 2“ oder „The Legend of Tarzan“ sind bis jetzt weit hinter den Einspielerwartungen zurückgeblieben.

Animierte Affen

Den Grund dafür nennt US-Medienanalyst Eric Handler: „Diese Filme vernachlässigen das Erzählen einer guten Geschichte zugunsten aufwändiger Effekte. Aber der durchschnittliche Kinogänger lässt sich dadurch nicht mehr ködern. Er fragt sich zu Recht, ob man einen neuen Tarzan braucht, der mit animierten Affen durch den Urwald fliegt.“ Während der vergangenen zehn Jahre sei in der Industrie eine „Blockbuster-Blase“ entstanden, weil jedes große Studio seine Energien in die Herstellung von Remakes und Fortsetzungen steckte, deren Fokus auf Computertricks lag. Nun sind die Zuschauer von der Pixelflut übersättigt – und zeigen Hollywoods Technikfetischisten die kalte Schulter. Den Kurssturz der Eventfilm-Aktie hat ausgerechnet Steven Spielberg vorausgesagt. „Irgendwann kommt es zu einer Implosion, wenn ein halbes Dutzend hochbudgetierter Filme an der Kasse abschmieren. Das wird die Branche zum Umdenken zwingen.“

Warum begeisterten sich Produzenten bislang für effektgeladene Kracher? Zum einen aus wirtschaftlichen Gründen. Sie waren dem Irrglauben verfallen, dass sich Filme auf dem internationalen Markt nur verkaufen lassen, wenn darin mindestens eine Großstadt von Aliens verwüstet wird, Raumschiffe explodieren und Superhelden durch Hochhausschluchten fliegen. Produzentin Lynda Obst („Interstellar“) schildert in ihrem Buch „Sleepless in Hollywood“, wie eine typische Besprechung mit Entscheidern in der Vergangenheit aussah. „Stellte man Investoren ein Projekt vor, so verlangten sie haarsträubende Special Effects. Möglichst ein Auto, das sich in einen Vampir verwandelt, um das Produkt besser in China vermarkten zu können.“ Getreu dem Motto: Die Sprache der Verwüstung wird weltweit verstanden und braucht keine sinnhaften Dialoge.

Zwar hatte das Kino seit seiner Geburt einen Hang zum Budenzauber, aber bis in die 90er Jahre blieb die Action wenigstens handgemacht. Hinter erfolgreichen Serien wie „James Bond“, „Rambo“ und „Indiana Jones“ steckte die Arbeit kühner Stunt-Leute und cleverer Modellbauer. Die menschlichen Elemente waren auf der Leinwand spürbar und übertrugen sich ins Parkett, wo das Publikum Anteil am Schicksal der Helden nahm. Die Wende kam mit der Einführung von „CGI – Computer Generated Imagery“, erstmals eingesetzt für die Darstellung eines Unterwasserwurms im Science-Fiction-Film „The Abyss“ (1989). Plötzlich stand eine Technik zur Verfügung, die jedes noch so absurde Fantasiegebilde in realistisch anmutende Bilder umsetzen konnte.

Krach statt Kunst

Fasziniert von den schier grenzenlosen Möglichkeiten benahmen sich selbst kreative Köpfe vom Schlage eines James Cameron („Avatar“) oder Peter Jackson („Der Hobbit“) wie Kinder, die ihre alte Seifenkiste links liegen lassen, weil sie ein elektronisch getriebenes Go-Kart geschenkt bekommen haben. Zugunsten technologischer Schreckgespenster vernachlässigten die Regisseure nach und nach die klassischen Erzählmittel der Filmkunst, das spannungsreiche Spiel mit der Andeutung, mit Licht und Schatten, Schnitt und Musik. Dabei hatte gerade Spielberg anno ’75 in „Der weiße Hai“ bewiesen, wie man nachhaltigen Horror erzeugt. Es genügten ihm drei Takte auf dem Klavier, eine innovative Kameraführung und eine für Sekundenbruchteile auftauchende Monster-Attrappe für den effektivsten Schocker des Jahrzehnts. Auch in „Jurassic Park“ (1993) zügelte sich Spielberg noch und ließ die Computer-Dinos insgesamt nicht länger als 14 Minuten brüllen und stampfen. Nach aktuellen Maßstäben erschreckend kurz für einen Zweistundenfilm, aber völlig ausreichend, um Nervenkitzel auszulösen.

„Heute wird man von der ersten Sekunde an mit Computereffekten bombardiert und stumpft schon vor dem Vorspann komplett ab“, urteilt Julius Vietzen vom Fachmagazin „Filmstarts“. In den Anfangsjahren war der CGI-Einsatz meist dramaturgisch begründet, wie in Camerons „Titanic“, dessen 500 Trickaufnahmen nötig waren, damit die größte Schiffskatastrophe des 20. Jahrhunderts glaubwürdig wirkte und zu Tränen rührte. Mittlerweile ist das umgekehrte Phänomen zu beobachten. Die zum Selbstzweck gewordene Optik hält den Betrachter auf Distanz zu den handelnden Figuren. „CGI-Effekte werden immer öfter für Szenen eingesetzt, die man früher mit einem herkömmlichen Stunt umgesetzt hätte“, erklärt Vietzen. „Die Künstlichkeit lässt uns eher irritiert als staunend zurück.“

Ein Paradebeispiel ist die Neuverfilmung des Disney-Klassikers „Das Dschungelbuch.“ Für die Regenwaldkulisse musste kein Kameramann auf Reisen gehen, denn sie entstand komplett im Computer. Sämtliche Tiere wurden per Motion-Capture-Verfahren zum Leben erweckt. Dabei steckt man Schauspieler in Gummianzüge, bestückt mit Sensoren, die jede Körperregung als Vorlage für die anschließend digital hinzugefügten Charaktere aufzeichnen. Nun sieht der Bär Balu zwar täuschend echt aus, jedoch wirkt seine Freundschaft zu Mogli unglaubwürdig, weil es kein spürbares Gefühl zwischen dem menschlichen Hauptdarsteller Neel Sethi und seinem virtuell gezeugten Fellkumpel gibt. An derselben Schwäche leiden die neuen „Star-Wars“-Episoden, die Remakes von „King Kong“ und „Tarzan“.

„Wo es keine Grenzen des technisch Machbaren mehr gibt, verliert das Geschehen schnell jede Erdung – und damit auch jeden Eindruck“, meint Julius Vietzen. „An diesem Punkt braucht es wieder mehr Kreativität statt Größenwahn, um das Publikum trotzdem noch zu überraschen.“ Denn einen Film, der keine Gefühle auslöst, will niemand sehen. „Wer heutzutage gute, packende Geschichten erleben will, meidet leider die Lichtspieltheater und schaut Serien bei Netflix und Co.“, klagt Schauspieler Stephen Fry. Die ernüchternde Ticket-Ernte dieses Sommers könnte eine Trendwende auslösen. Produzentin Lynda Obst hofft, dass die Filmindustrie aus den Fehlern lernen wird. „Langfristig sollten wir erleben, dass die Studios statt eines großen, 250 Millionen Dollar teuren Stoffes lieber fünf kleinere Streifen finanzieren, die auf originellen Drehbüchern basieren.“

Beben statt Ideen

Zusätzlich müsse der Einfluss der Regisseure gesteigert werden, um gegen die Konkurrenz aus Pay-TV und Internet zu bestehen. Die Männer und Frauen hinter der Kamera dürften nicht länger „austauschbare Erfüllungsgehilfen der Unterhaltungskonzerne sein.“ Was das Kino brauche, seien engagierte Autorenfilmer. Wie einst im „New Hollywood“ der 70er Jahre, als eigenwillige Typen der Marke Coppola und Scorsese mit ihren Meilensteinen „Der Pate“ und „Taxi Driver“ die Herzen zum Beben brachten – und nicht nur die Sehnerven kitzelten.

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