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Menschen kriechen durch ausgebombte Tempel.

Nathan der Weise

Aus den Trümmerlandschaften steigt die Hoffnung

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Nicolas Brieger inszeniert Gotthold Ephraim Lessings „Nathan“ als humanen Rettungsversuch am Toleranzgedanken.

Lessings „Nathan“ (1779) ist eine Wasserscheide. Dem reimlosen Fünfheber Shakespeares verhalf er zum Durchbruch in die deutsche Klassik. Goethe etwa brachte seine „Iphigenie“ von 1779 danach (1780) prompt in solche Blankverse, die er später aufpolierte. „Nathan“: ein neuer Bühnenstandard.

Er ist aber auch ein Denkmal humaner Gesinnung. Gott-Vater, sagt die Ringparabel, liebt seine Kinder (Religionen) alle gleich: mit jeder erzieht er das Menschengeschlecht. Der erste, wahre Ring ist nicht mehr festzustellen, die Wahrheit bemisst sich je anhand des bewirkten Guten und der geübten Toleranz. Alle „Volks“-Religionen, so die Logik, sind Reflexe einer Ur- und Vernunft-Religion, die alle eint. Indem Lessings Kreuzfahrerstory im Jerusalem Saladins die Religionen im Bild der zerstreuten Familie sammelt und im Waffenstillstand eint, ist „Nathan“ insgesamt Parabel. Aus Hass und Liebe werde: Geschwisterlichkeit.

Dass sich solche Botschaft heute wieder nach Poesiealbum und „We are family“ anhört, ist in Briegers Regie vorausgesetzt, um den Kitsch und den „fortgesetzten Missbrauch dieses ohnehin schon etwas zweifelhaften Stücks“ (W.G. Sebald) zu überwinden. Hans Dieter Schaals Bühne deutet in architektonischer Wucht und Symmetrie etwas zwischen Festungsmauer, Tempel-Eck und gestopfter Mauerbresche an.

Das rostig flache Eisentor in der Mitte flickt den hellen Stein und markiert unsere Eisenzeit: lang nach der Goldenen, Silbernen und Heroen-Ära. Stufen und Wege führen vorbei. Eine mittige Vertiefung vorn erinnert an Ritualbäder oder markiert den

Abstieg von der Macht

zu den Mühen der Ebene. Manchmal öffnet sich das Tor, auch fahren die Räume Saladins (Hanno Friedrich) und seiner Schwester Sittah (Evelyn M. Faber) wie ausgebombte Bausünden aus Beton mit angepinntem Stadtplan schief auf die Szene, die von Kriegslärm, Sprachfetzen und einer Musik zwischen Hendrix und Tinnitus (Nils Strunk) überflutet wird.

Das universelle Beige der Kostüme (Andrea Schmidt-Futterer) stellt Farb- als Waffengleichheit her und sammelt den Staub der Bombardements, ohne dass der west-östliche Schnitt und allerlei Attribute das zeitlos Gemeinsame aufheben. Der muskulöse Kraftmensch Saladin hat trotzdem Blut an den Armen, tritt brustfrei auf und übt als Machthaber am Schachbrett, derweil Nathans schwarzer Hut zum Dreiteiler mit Reisemantel nur um Ecken an orthodoxe Kleidersitten gemahnt. Orientalisierende Pluderhosen, Mönchshabit oder Prälatenkleidung ohne Farbcodierung stehen neben Cargohosen und post-ritterlicher Schutzweste zum ausgebleichten Johanniterkreuz.

Zu Trümmerlandschaften gehören Graffiti, also hat Tom Gerber seinen ersten Nathan-Auftritt, indem er „WAR“ aufs Eisen schreibt, denn „im Anfang WAR das Wort“. Logos, die Offenbarung (Vernunft) der Buchreligionen: Schlägt sie den KRIEG? Einstweilen legt Nathan die Einkaufstüten von den Handelsfahrten beiseite und krempelt quasi die Ärmel hoch.

Als Lessing seinem Tempelherrn (hier: Maximilian Pulst), geprägt von Liebe zu Nathans angenommener Tochter Recha (Mira Benser) und vom ungestümen Volk der Franken, den schwankendsten Edelmut auf den Leib schrieb und dem Christentum einen Unsympathen zum Patriarchen machte, war dies wohl ein Akt der Höflichkeit gegen Judentum und Islam. Briegers „Nathan“ spitzt das zu und erspart Nathan und Saladin das, was er dem Patriarchen (Uwe Kraus) antut: ihn thronend auf die Szene zu rollen, nur um dann den falschen Thron als Kloschüssel zu entlarven, von welcher der Mann mit Goldkelch vor einem Kreuz auf schwarzem Grund Konfekt nascht. Eine böse Ikonografie wie der von absolutistischen Herrschern, die uns heute nur noch eklig anweht. Très charmant. Aber doch auch eine klare, dem Stück nahe Setzung, wie die Regie auch insgesamt kein Schindluder mit „Nathan“ treibt, sondern ihre Rettungsmission weithin mit Erfolg zu krönen weiß.

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