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Hier hat Ulla von Brandenburg einen kleinen roten Papierwürfel auf das hellgrüne Sofa im Damensalon des Künstlerkolonie-Museums gelegt. Mit ihren Objekten will sie die Jugendstilsammlung des Hauses bereichern.

Ausstellung

Ulla von Brandenburg hat Darmstadts Museum Künstlerkolonie verzaubert

Die 43-Jährige experimentiert frech mit der Museumssammlung und schmuggelt eigene Papierobjekte dazwischen. Eine Etage tiefer zeigt sie ihre auch surrealistisch angehauchten Filme.

Die Blumen sind frisch, das Kaffeegeschirr steht schon auf dem Tisch, der Aschenbecher ist geleert, sogar der rote Würfel liegt auf dem Sofa, als sei noch eben mit ihm gespielt worden. Doch die Wohnung ist leer. Der Besucher kann ungestört sieben Räume durchstreifen, vom Empfangszimmer über Speise- und Ankleidezimmer, Damen- und Herrensalon, Kinder- und Musikzimmer bis zum Flur. Nur das Schlafzimmer fehlt. Doch einige kleinere Objekte wirken beim näheren Betrachten merkwürdig schief und uneben geformt. Nicht nur das Kaffeegeschirr ist aus bunt bemaltem Pappmaché, auch etliche Vasen und die wie nebenbei auf dem Flügel abgelegte Brille.

Selbst der Teppich mit dem schwungvollen Rot-Blau-Muster besteht nur aus Papier, nach einem kleinen Ornament von Patriz Huber, das vergrößert und vereinfacht wurde. Aber der Teppich passt gut zu den echten Möbeln im Speisezimmer von Hans Christiansen aus dem Jahr 1903. Was ist echt, was ist falsch? Und wo befinden wir uns? Im Theater, im Kaufhaus, im Atelier eines Künstlers oder im Museum? Ulla von Brandenburg treibt ein raffiniertes Verwirrspiel mit dem Betrachter. Die 43-Jährige hat den Westflügel des Darmstädter Museums Künstlerkolonie bis 16. September in eine bürgerliche Wohnung verwandelt.

Eigentlich ist alles so, wie es sich die Mitglieder der von 1899 bis 1914 bestehenden Künstlerkolonie vorgestellt haben. Eine ästhetisch durchdachte Wohnung, in der alles von Künstlerhand gestaltet ist: Tisch und Stuhl, Bild und Teppich, Tapeten und Wandfarben, Kaffeetassen und Vasen. Natürlich wurde schon zu Zeiten des Jugendstils vieles in Serie gefertigt, sonst wäre es zu teuer gewesen. Brandenburg jedoch schmuggelt ihre Unikate aus Papier dazwischen, einen großen Waschkrug etwa oder eine üppig wuchernde Bergpalme im roten Topf. Die Künstlerin hat die Bestandschau neu aufgebaut und mit ihren Werken ergänzt.

Das ist typisch für Ulla von Brandenburg, die sich für das 19. Jahrhundert interessiert und oft ortsbezogen arbeitet. Die Künstlerin, in Karlsruhe geboren, seit zwei Jahren auch an der dortigen Kunstakademie lehrend und in Paris lebend, spielt mit dem Betrachter und seiner Rolle. Für ihn tut sich eine Bühne auf zwischen Wirklichkeit und Fiktion, Vergangenheit und Gegenwart. Sind wir nur Zuschauer oder auch Akteur? Aber das bleibt in der Schwebe, wie so vieles.

Denn es gibt keine Beschriftung an den Werken und keine Wandtexte, nur einen Lageplan an der Kasse zum Mitnehmen. Man kann sich also treiben und die Kunst um 1900 auf sich wirken lassen. Aber Brandenburg schaut über den Tellerrand des Jugenstils hinaus und hat im hellblauen Kinderzimmer eine Bauhaus-Tapete aufgehängt. Die Bettwäsche hingegen lehnt sich an ein abstraktes Motiv von Edvard Munch an.

Wer es genauer wissen will, kann ganz nah an die Objekte herangehen, da es keine Absperrungen gibt. Freilich muss man vor Betreten der Museums-Wohnung dünne Plastikschützer über die Schuhe streifen, denn auf Brandenburgs Papier-Teppich ist man schnell getreten. Bei diesem frechen Eingriff ins Museum belässt es Ulla von Brandenburg aber nicht, die mit Fug und Recht als Grenzgängerin zwischen den Künsten gilt, denn sie arbeitet mit Film, Installation, Performance, Skulptur, Malerei, Wandzeichnung und Scherenschnitt.

Einen guten Einblick in ihr Schaffen bietet Kuratorin Stefanie Patruno eine Etage tiefer in den ehemaligen Bildhauerateliers mit acht Filmen aus dem vergangenen Jahrzehnt. Dort finden sich auch die sieben Raumfarben wieder, denn Brandenburg dreht ihre Filme meist in Schwarz-Weiß, unterlegt sie aber gern mit Farben, so wie es in der Frühzeit des Films gemacht wurde. Keck tanzt jetzt auf der Fußbodenleiste ein kleines Skelett vor den sieben Farbstreifen wie ein Wichtelmännchen hin und her – noch nicht mal eine Minute dauert Ulla von Brandenburgs Film von 2006, für den sie sich ein Skelettkostüm überstreifte.

In ihren Filmen tauchen auch oft Vorhänge auf, vom einfarbigen Bühnen- bis zum geblümten Fenstervorhang. Brandenburgs wohl wichtigstes Motiv markiert den Übergang von der realen Welt in die Welt der Imagination, der Fantasie, der Träume und des Unbewussten. In einem Film werden die Objekte sogar lebendig: Buch, Kugel und Schachbrett mutieren zu munteren Marionetten. Ulla von Brandenburg weiß mit erfrischender Kunst zu fesseln, die keiner großen Vorkenntnisse bedarf. So wird der Besucher gerne wieder kommen.

Museum Künstlerkolonie

Darmstadt, Olbrichweg 13 a.

Bis 16. September, geöffnet Di bis So 11–18 Uhr. Eintritt 5 Euro. Katalog

35 Euro. Telefon (0 61 51) 13 27 78.

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