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Macht mit einem Nazi-Roman Furore: „Spiegel“-Autor Takis Würger.

Literaturdebatte

"Spiegel"-Autor Takis Würger und sein umstrittener Holocaust-Roman "Stella"

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Die Geschichte spielt 1942. Eine Jüdin verrät Juden. Aber ein junger Schweizer liebt sie. Das ist der Stoff, der die Kritiker in zwei unversöhnliche Parteien spaltet.

Jetzt hat es das Büchlein doch schon in die „Spiegel“-Bestsellerliste geschafft, die ja verlässlicher als jede Reportage im Magazin die Wirklichkeit anhand der Verkaufszahlen abbildet. Takis Würgers Roman „Stella“ ist auf Platz elf eingestiegen. Und wenn der Streit um das Buch (Hanser, 224 Seiten, 22 Euro) noch eine Weile anhält, so wird womöglich Michel Houellebecq, was ihm zu wünschen wäre, arg in Bedrängnis geraten. Sein ermüdender Roman „Serotonin“ nimmt derzeit die Spitzenposition ein. Seit knapp zwei Wochen geht die Fehde um Würgers Geschichte nun hin und her. Ein Ende ist nicht abzusehen. Die Chancen auf Platz eins stehen also nicht schlecht.

Denn der „Spiegel“-Reporter Takis Würger (34), der bereits mit seinem Porträt einer klampfenden und Finsteres singenden jungen Dame aus dem sehr rechten Milieu der Identitären Bewegung ebenso Eindruck machte wie mit seinem ersten Roman „Der Club“ über eine mörderische Studentenvereinigung an einer englischen Elite-Universität, hat sich ein Thema gewählt, das unter Deutschen stets für Furore gut ist: den Holocaust, die Ermordung der europäischen Juden durch Nazi-Deutschland.

Würger erzählt in „Stella“ von einem einfältigen 20jährigen Schweizer aus wohlhabendem Elternhaus, der, unentschlossen, was aus ihm werden soll, 1942 vom Genfer See nach Berlin reist und in einem Nobelhotel Aufenthalt nimmt, um nach dem Rechten zu sehen: Was geht da vor im Staate Adolf Hitlers?

Während Europa brennt, Wehrmacht und Sonderkommandos einen barbarischen Vernichtungskrieg im Osten führen, beschäftigt sich Friedrich mit Kunst. Beim Aktzeichnen begegnet ihm Kristin, ein hübsches, rätselhaftes junges Ding, das von einer Karriere als Sängerin träumt. Friedrich ist hingerissen. Bald ist er ihr verfallen.

Verrat an Juden

Indes: Es stellt sich heraus, Kristin heißt gar nicht Kristin, sondern Stella. Sie ist Jüdin. Und sie verrät Juden an die Nazis, um ihre Eltern zu schützen, bald nur noch sich selbst und ihre Gesangskarriere. Während sie mit Friedrich im Bett liegt, werden die von ihr denunzierten Juden in den Osten deportiert und liquidiert. Die Figur Stella hat ein Vorbild in der Wirklichkeit: Stella Goldschlag. Sie soll in der NS-Zeit zur Verschleppung von etwa 300 Juden beigetragen haben. Sie selbst überlebte. 1994 stürzte sie sich in Freiburg aus dem Fenster. Würger hat in den Roman authentische Dokumente der sowjetischen Militärgerichtsbarkeit einmontiert, die erst im Verlauf der Handlung die Identität und Dimension von Kristins/Stellas Taten preisgeben. Schon kurz vor Ablauf der Sperrfrist für Rezensionen erschienen in einigen Feuilletons wütende, ja erbarmungslose Totalverrisse des Romans, die dem Werk jeden literarischen Wert absprachen. Vor allem die Stoffwahl stieß auf Befremden, weil sie leichtfertig den Holocaust als Kulisse für eine gefühlige Liebesgeschichte missbrauche. In einem ersten Beitrag war gar ein Verweis auf den unlängst entlarvten ehemaligen „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius eingestreut, der viele seiner Reportagen erfand und damit nicht nur die Zeitschrift in eine Krise stürzte, sondern auch die Wirklichkeit. Der Vorgang warf die Frage auf, ob das Genre Reportage nun erledigt sei. Überhaupt geriet die mediale Vermittlung von Tatsachen im Zeitalter von „Fake News“ grundsätzlich ins Gerede. Kurz nach Erscheinen des Würger-Buchs wurde deshalb auch eine fundamentale „Debatte“ darüber angemahnt, wie viel Dichtung und Wahrheit in einem Roman stecken müsse, dürfe oder solle. Zwischenzeitlich verquickte sich die Würger-Debatte mit der Debatte um den Schriftsteller Robert Menasse, der, um seine europapolitische Vision in Meinungsbeiträgen abzustützen, Zitate aus angeblichen Reden im ehemaligen KZ Auschwitz ersann, die weder dort noch woanders je gehalten wurden. Im Falle Würger meldeten sich nach einer Besinnungsphase alsbald Befürworter zu Wort – und keineswegs nur sein Lektor Florian Kessler oder sein Verleger Jo Lendle. Auch Buchhändler fanden das Werk gelungen. In den Sozialen Netzwerken verspürten empfindsame Leser gar Mitleid mit Würger und ergriffen seine Partei. Inzwischen weiß niemand mehr so recht, ob es je um das Buch ging oder doch um eine geschickt eingefädelte PR-Strategie, um eine dieser periodischen Erregungen von notorisch gelangweilten und missgünstigen Literaturbetriebsangehörigen oder um eine weitere Abrechnung mit dem „Spiegel“ im Gefolge der Relotius-Affäre.

Wie ein Scherenschnitt

Damit ist er nicht allein. Warum dieses bewegend zu lesende Romänchen so viel Wirbel machen konnte, ist in der Tat ein Rätsel. Sein Buch zehrt wie die Krimis Volker Kutschers von schaurigen Nazi-Prospekten. Würgers Figuren reden indes oft wie Pappkameraden aus melodramatischen Hollywood-Drehbüchern. Kristin/Stella hat den Charakter eines Scherenschnitts: Sowieso ist „Stella“ nur eine Geschichte, das meiste frei erfunden. Vielleicht hat das Bändchen die Spitze der „Spiegel“-Bestsellerliste schon erklommen, wenn Takis Würger am 29. Januar um 19.30 Uhr im Frankfurter Literaturhaus liest.

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