Herbert Heckmann wurde in Frankfurt geboren und starb in Bad Vilbel.
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Herbert Heckmann wurde in Frankfurt geboren und starb in Bad Vilbel.

Veranstaltungsreihe „Frankurt liest ein Buch“

Unehelicher Junge tollt durch Bornheim

  • VonMarcus Hladek
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Herbert Heckmanns Roman „Benjamin und seine Väter“ ist 1962 erschienen, spielt aber im Frankfurt der 20er Jahre und soll nun neu verlegt werden.

Herbert Heckmann (1930–1999) ist als „humoristischer Melancholiker“ charakterisiert worden. Das beschreibt auch die Stimmungen in seinem Roman von 1962, den „Frankfurt liest ein Buch“ vom 24. April bis 7. Mai 2017 zelebriert. Das Festivalprogramm ist in Vorbereitung.

„Benjamin und seine Väter“ ist ein Zeit- und Schelmen-, ein Abenteuer- und Jugendroman. Er folgt dem Titelhelden von der unehelichen Geburt, genauer: der standesamtlichen Meldung, bis zur Beerdigung seines Ersatzvaters Fritz Bernoulli alias Jonas, anders gesagt: vom Versailler Vertrag (16. März 1919) zum Machtantritt Hitlers (30. Januar 1933) und ein wenig weiter. Lange bleibt das Politische diffus, gegen Ende aber rettet keine Blutsbrüderschaft Benjamins jüdischen Freund Max vor der „pompösen Maschine“ Staat. Im Epilog trifft Benjamin 22-jährig erstmals auf seinen leiblichen Vater, und siehe: Sein Vater ist ein Clown.

Viele Details sind biografisch abgeleitet, wie der Vergleich mit Heckmanns späterer Autobiografie „Die Trauer meines Großvaters“ zeigt. Wer war dieser Autor?

Heckmann studierte in Frankfurt Geisteswissenschaften und wurde 1957 über Andreas Gryphius promoviert. Als Professor lehrte er in Offenbach, präsidierte der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und war freier Journalist. Schon vor „Benjamin und seine Väter“ gewann er ein Villa-Massimo-Stipendium in Rom. Dieselbe Ehrung wurde 1996 Sohn Moritz Eggert, einem anerkannten Komponisten, zuteil. Mutter Mara Eggert war Theaterfotografin am Schauspiel Frankfurt.

Bergerstraße, Parterre links

Mit seiner Pfeife und Haartracht sah Heckmann um 1962 wie eine Kreuzung zwischen Günter Grass und dem Igel Mecki aus. Dazu passt die Liste seiner Bücher: hier akademischer Ernst und hohe Belletristik, da Kinderbücher, Mundart, Lukullisches. Wie Benjamin mit seinen Streichen, treibt Heckmann launige Spiele. So enthält der Roman eine Flut gelehrter Zitate und Motti aus Literatur und Philosophie, die uns lieber mal überfordern, als ein Vergnügen auszulassen. Einmal deklamiert Jonas versaute Verse auf Griechisch – ohne Übersetzung. Entnommen sind sie einer päderastischen Epigrammsammlung des Strato von Sardes, der diese „Knabenmuse“ zur Zeit Hadrians verfasste. Uns antiquarische Anzüglichkeiten unterzujubeln, als wär’s Homer, muss dem Autor Spaß bereitet haben.

Jonas, der Benjamins verlassene Mutter in der Bergerstraße 57 (Parterre links) aufnimmt, ist ein lebenskluger Anwalt, ein guter Mensch und etwas zwischen dem Propheten Jonas und dem Wal. Benjamin gilt ihm als Genie fantastischer Träume. Er versorgt ihn mit Lesestoff, warnt aber auch vor Scheinwelten. Benjamin zieht die Literatur trotzdem vor: „In der Welt passiert nichts. Die Straßen sind mir zu eng.“

Im Marienkrankenhaus wird Benjamin geboren, in der Josefskirche getauft, im Kinderwagen rollt er durch sonnige Parks. Er wird zum Gassenkind, ist immer unterwegs. Ums Eck liegen die Läden des Deutschnationalen „Zigarrenweber“ und des Transvestiten „Zigarrenkönig“ (Ecke Merianstraße), der zu Karneval die Sau rauslässt. Morgens Milchkannen und Fahrradklingeln, des Tags der Lumpensammler („Eise, Flasche, Babierrrr!“), und Kinder peitschen ihre Kreisel. In der Einhorn-Apotheke kauft sich Benjamin den Silvesterknaller zusammen, der ihn versengt.

Heckmann kartografiert Frankfurt – und lädt es magisch auf. Dem kleinen Benjamin liegt hinter der Konstablerwache Amerika. Erwacht der Schlafwandler auf der Bergerstraße, wähnt er sich in „lunarischer Welt“. Den Taunus malt Jonas ihm als „Berge von geriebenem Käse“ und kloßspuckenden Vulkan. Das Pissoir am Eisernen Steg mutiert für ihn zum dunklen Loch mit „Höhlenmalerien“, „direkt unter uns“ klafft für den katholischen Bub die Hölle. Im Osthafen sucht er Schätze und findet einen toten Hund. In der Friedberger Anlage weiß er um einen Exhibitionisten, beerdigt eine Maus und beklaut den Bettler „Bilderbuch“. Die Kleinmarkthalle überwältigt ihn sinnlich, dass er sie zum Labyrinth, zur Unterwelt mythisiert. Das Herz eines Hahns kauft ihn frei.

Benjamin frisst sich durch die Klassiker, „Don Quijote“ liest er dreimal. Heckmann, der als Kind in Baumwipfeln las, versetzt ihn zudem in Buchszenen. Mal bewundert er eine Seiltänzerin (Kafkas „Auf der Galerie“) und wird „Hungerkünstler“. Dann zaubert er als Katzenmörder Warzen fort (Mark Twain) oder hat wie Faust einen „Famulus“. Der tätowierte „Bilderbuch“ gleicht Queequeg aus „Moby Dick“. Ein Wal ist nicht genug!

Kindheit mit Kirche

Noch mehr als Zeit und Uhren wird Religiöses zum Thema. Jonas sollte Priester werden. Gebetet wird, was das Zeug hält; Kirchenglocken klingen und Heilsarmee-Blech. Benjamin fällt in religiöse Passionen und grübelt, was die Verdammten leiden, ob Mäuse eine Seele haben und Gott eine Schwäche für Atheisten. Kindheit ist „unser verlorengegangenes Paradies“, heißt es. Benjamin ist Heckmanns Probe aufs Exempel. Der zuletzt beim Frankfurter Verlag S. Fischer erschienene Roman „Benjamin und seine Väter“ wird bis zu Beginn der Reihe „Frankfurt liest ein Buch“ neu im Schöffling-Verlag herauskommen.

Wer schon aufgestöhnt hat, „Frankfurt liest ein Buch“ liefe zu oft auf NS-Bewältigung hinaus, wird von „Benjamin und seine Väter“ dementiert. Romanheld Benjamin Weis hat mit dem biblischen Benjamin nichts zu tun. Und weder er noch sein Vater ist Jude.

„Frankfurt liest ein Buch: Herbert Heckmann – Benjamin und seine Väter“. 24. April bis 7. Mai 2017. Veranstaltungsorte in und um Frankfurt sowie Kartenvorverkauf demnächst. Telefon (069) 92 07 87. Internet

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