Tragödie „Foxtrot –

Unser Sohn lebt nicht mehr

  • schließen

Der Film von „Libanon“-Regisseur Samuel Maoz schildert den Schmerz der Eltern über den Verlust ihres Kindes, das bei einem Einsatz gefallen ist.

Schritte. Ein Finger drückt auf die Klingel. Die Tür öffnet sich. Die Kamera blickt in das Gesicht einer Frau, in deren Augen sich innerhalb von Sekundenbruchteilen das blanke Entsetzen spiegelt, bevor ihr Körper ohnmächtig aus dem Bild sackt. Die Uniformierten wissen, was zu tun ist. Sie legen die Bewusstlose aufs Bett, injizieren das Beruhigungsmittel und richten sich an den Mann, der wie erstarrt im Flur steht. „Herr Feldman, es tut uns sehr leid, Jonathan Feldman ist heute Nacht im Einsatz gefallen“ sagt der Beauftragte der israelischen Armee, und seine Kollegen beginnen mit dem Betreuungsverfahren.

Das Wichtigste sei jetzt, regelmäßig zu trinken. Ein stündlicher Handy-Alarm wird eingerichtet, der den verstörten Vater daran erinnert, ein Glas Wasser zu sich zu nehmen – ein medizinisches Ritual gegen die schmerzliche Leere des Verlusts. Aber während seine Frau Dafna (Sarah Adler) sediert im Schlafzimmer liegt, steigt in Michael (Lior Ashkenazi) langsam Wut auf. Er tritt den winselnden Hund und lässt im Bad das heiße Wasser solange über das Handgelenk laufen, bis sich Brandblasen bilden. Erst als sein Bruder in der Wohnung auftaucht, die Formalien in die Hand nimmt und eine Todesanzeige aufgibt, findet Michael aus der wortlosen Verhärtung heraus.

Wie schon in seinem Filmerstling „Libanon“ beschäftigt sich Samuel Maoz auch in „Foxtrot – Tanz des Schicksals“ mit den Auswirkungen der militärischen Politik Israels auf die Psyche seines Landes. Mit enormer Sogwirkung zeigt der Film im ersten Drittel die traumatischen Folgen elterlichen Verlusts, die sich auch dann nicht revidieren lassen, als sich der Tod des Sohnes fünf Stunden später als Irrtum herausstellt. Daraufhin springt der Film in eine ganz andere Welt zu dem Grenzposten, an dem Jonathan Feldman seinen Dienst verrichtet. Die jungen Soldaten langweilen sich zu Tode in der verlassenen Gegend, wo die Schranke hauptsächlich für ein Kamel geöffnet wird, das sich zwischen den Fronten hin und her bewegt. Wenn die Soldaten dann durch ein herannahendes Auto aus ihrer Lethargie gerissen werden, verwandeln sie sich in steingesichtige Männer, welche die palästinensischen Reisenden auch schon mal gerne mit erhobenen Händen im Regen stehen lassen. Als bei einer Kontrolle ein granatenförmiger Gegenstand aus dem Auto rollt, führen die antrainierten militärischen Reflexe direkt in ein Massaker. Ausgezeichnet mit dem Silbernen Löwen bei den Filmfestspielen Venedig, sorgte „Foxtrot“ in Israel für hitzige Diskussionen. Während die dortige Filmakademie die Antikriegsparabel mit Preisen überhäufte, verunglimpfte Kulturministerin Miri Regev den Film als „Beitrag zur Hetze der jungen Generation gegen die moralischste Armee der Welt“. Trotz seiner direkten politischen Bezüge hat Maoz seinen Film nicht als realistisches Werk, sondern als stilisierte Allegorie angelegt. Jeden Tag lassen die Soldaten in ihrer Unterkunft eine Konservendose von einem Ende zum anderen rollen, um den zunehmenden Neigungswinkel des Containers zu messen, der allmählich im Schlick versinkt. Nach dem nächtlichen Massaker rollt am Morgen ein Bulldozer an, gräbt eine riesige Grube aus, hebt das Auto samt ermordeter Insassen hinein und schüttet alles wieder zu, ohne Spuren zu hinterlassen. Das sind Kinobilder von nachhaltiger Wirkung, die auf sehr grundlegende Weise den Zustand eines Landes beschreiben, dessen andauernder Selbstverteidigungszustand immer neue Traumata erzeugt. Vom dichten Psychodrama bis zur Militärgroteske verbindet Maoz dabei verschiedenste Stilmittel, mit denen politische Absurditäten ebenso beschrieben werden wie deren tragische und ganz persönliche Folgewirkungen. Herausragend

In diesen Kinos

Frankfurt: Harmonie, Orfeos Erben

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare