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Der englische Maler Briton Rivière setzte mit ?Beyond Man?s Footsteps? (Jenseits menschlicher Spuren) 1894 einen Vierbeiner in die Landschaft.

Ausstellung in der Schirn

Unter dem Titel „Wildnis“ vermittelt eine Schau die Sehnsucht nach der Vor-Zivilisation

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Bilder von Henri Rousseau, Gerhard Richter und Georgia O’Keeffee geben den Wunsch nach Befreiung von modernen Zwängen wieder.

„Zurück zur Natur“, das ist nichts, was die heutige Partei der Grünen erfunden hätte. Zurück zur Natur wollten schon im frühen 19. Jahrhundert die deutschen Romantiker. So zeigen es Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ und die „Kreidefelsen auf Rügen“. Zurück zur Natur trieb es auch ein halbes Jahrhundert später Henri Rousseau, den malenden Zöllner aus Frankreich. Zurück zur Natur strebten noch mal ein paar Jahre später die Jugendstilisten der Künstlerkolonie Worpswede mitten im Teufelsmoor und schließlich, vor dem Ersten Weltkrieg, die Expressionisten. Franz Marc, Gabriele Münter und August Macke hausten im Allgäu in einem Holzhaus, im Ohr das Muh der Kühe, in der Nase den Stallgeruch.

Je mehr der Mensch sich durch die Zivilisierung bedrängt fühlt, desto heftiger sehnt er sich nach Natur, je mehr ihn die Technisierung zermürbt, desto unwiderstehlicher zieht es ihn in die Wildnis. Denn ist nicht das Unbeherrschte, Ungezähmte, ein Ausdruck des Befreitseins von allen Zwängen? „Wildnis“ heißt nun eine Ausstellung in der Frankfurter Schirn, die man am besten als Ergänzung zur bereits eröffneten, schöner inszenierten Schau „König der Tiere“ mit Löwengemälden des Berliner Afrika-Reisenden Wilhelm Kuhnert betrachtet. Zumal sich bei der „Wildnis“ in dem langgezogenen engen Ausstellungsraum erneut zeigt, wie verbaut der Schirn-Bau doch ist.

Als Prachtstück hängt Henri Rousseaus Dschungelbild „Der hungrige Löwe wirft sich auf die Antilope“ (1898) an der Wand, umgeben von anderen Landschaften wie der Antarktis samt Eisbär auf dem Bild „Beyond Man’s Footsteps“ (1894) des Engländers Briton Rivière. Wildnis im Sinne von Wildsein ist aber nicht nur ein Naturzustand, sondern auch ein Gefühlszustand. „Born To Be Wild“, klingt es aus der Rockmusik herüber, wo „Easy Rider“ sich aufs Motorrad schwingen und über die Landstraße röhren, als wäre es der Asphaltdschungel. Wenn es aber nicht mehr um die objektive Wirklichkeit geht, sondern um das subjektive Empfinden, dann ist alles erlaubt und die Abstraktion nahe. Dann gibt es blaue Pferde und orangefarbene Prärien, die wirken, als wäre das Abendrot wie ein Komet auf die Steppe niedergegangen. Georgia O’Keeffe, Amerikas große Naturverbundene, hat ihre „Plains“ entsprechend in glühendem Gelb-Rot gemalt. Angeregt wurde sie von den Weiten im US-Staat New Mexico, wo sie fern von allen Siedlungen wohnte, so in ihre Arbeit versunken, dass man ihr den Satz „Menschen stören nur“ sofort abnahm. Sie wusste, wovon sie redete. War sie doch mit dem deutschstämmigen Fotografen Alfred Stieglitz verheiratet, der berühmte Aufnahmen vom dicht bewohnten Moloch New York machte.

An eine verwischte Schwarz-Weiß-Fotografie erinnert Gerhard Richters verhuschter Tiger – auch er in Öl gemalt. Das gestreifte Tier mit der angespannten Muskulatur lässt an den Spottvers von der Lady denken, die auf dem Rücken eines Tigers davontrabt und im Bauch des Raubtiers von ihrem Ausflug zurückkehrt. Da die Natur die prächtigsten Farben und Formen hervorbringt, ist sie naturgemäß auch für den Impressionismus geeignet. Hier ein Licht-Schatten-Wechsel, dort ein Hell-Dunkel-Effekt: Auf den Bildern moderner Maler wirken Bäume und Blumen mitunter so leuchtend und strahlend wie auf den Werken des Claude Monet. Max Ernsts surrealistisches Gemälde „Lebensfreude“ (1937) zeigt den Urwald derart voller üppig ineinander wachsender Pflanzen, dass man die Vegetation fast wie eine einzige Grünfläche wahrnimmt, mit Vögeln als bunten Flecken darin. Auch die „Cobra-Gruppe“ des dänischen Künstlers Asger Jorn (1964), die weniger mit Schlangen zu tun hat als mit der Künstlergruppe „CoBrA“, nimmt sich mit ihrem Rot, Weiß, Gelb und Blau wie impressionistisch buntes Farbgemisch auf einer Palette aus.

Als die Fotografie aufkam, glaubte man, sie werde das Ende der Naturmalerei bedeuten. Schließlich konnte der Fotoapparat mit seiner Linse alles viel naturalistischer abbilden als der Maler mit Auge und Pinsel. Zunächst zog sich die Malerei angesichts der jüngeren Konkurrenz auch verschreckt in die Nichtgegenständlichkeit und das Informelle zurück. Doch dann kam sie wieder hervor, denn ihre Beseeltheit wurde vermisst. Die sachliche Fotografie ihrerseits wurde zusehends als Kunst anerkannt, und so ist es nur selbstverständlich, wenn in der „Wildnis“-Schau auch eine sehr alte Aufnahme aus dem Metropolitan Museum in New York hängt. Sie zeigt den Vernal-Wasserfall im kalifornischen Yosemite-Tal, um 1865/66. Dass diese Gegend längst Nationalpark geworden ist, verweist auf die Anstrengungen, die Natur einzuhegen und zu verwalten. Als künstliche Wildnis jenseits der echten Wildnis.

Kunsthalle Schirn, Römerberg, Frankfurt. Bis 3. Februar, Di, Fr, Sa, So 10–19 Uhr, Mi, Do 10–22 Uhr. Eintritt 9 Euro (mit „König der Tiere“ 14 Euro). Telefon (069) 29 98 82-112. Internet

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