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Buchtipp

Urlaub mit der Familie ist einfach nur furchtbar

Ein Mann fährt mit seinem kranken Bruder und einer schönen Frau nach Italien und lernt etwas über sich und sein Leben. Langweilig? Irre komisch. Joachim Lottmann hat eine Novelle geschrieben.

Von ALEXANDRA STAHL (DPA)

Joachim Lottmann? Das war doch der Autor mit dem Koks-Roman, der Popliterat, vor dem Rainald Goetz angeblich Angst hat, der Journalist, der sich selber ziemlich toll findet. Genau! Nun hat der 59-Jährige die Novelle „Hotel Sylvia“ veröffentlich. Und die ist, wie seine früheren Werke („Mai, Juni, Juli“), sehr lustig. Und böse. Diesmal geht es um Familie, genau genommen die zwei Brüder Wolfgang und Manfred. Sie fahren nach Italien, wo die Familie früher immer urlaubte.

Familie ist ja heikel. Auch für Protagonist Wolfgang, der besonders mit seinem älteren Bruder hadert. „Ich liebte ihn wohl, aber aufgrund einer leidvollen Vergangenheit ertrug ich ihn nicht. Er erinnerte mich zu sehr an früher.“ Und früher war schwierig – die Brüder wuchsen in Ostbayern auf: Leben sieht anders aus. „Ausgezehrt, ohne Nahrung, ohne Freunde, vor allem ohne weiblichen Zuspruch beendeten Manfred und ich unsere Pubertät im Bardo. Sie kennen Bardo nicht? Das ist der tibetische Begriff für das Zwischenreich. Irgendwas zwischen innerer Raserei und Tod“, berichtet der Erzähler. Nur in Italien schien alles gut, dort verbrachte die Familie – Mutter Hausfrau, Vater Politiker, die Jungs klein – regelmäßig ihren Sommerurlaub. Im Hotel „Sylvia“.

Genau dieser Ort soll Wolfgang und seinem Bruder nun helfen. Der ist zunehmend gebrechlich – zwei Schlaganfälle haben ihn gezeichnet. Der jüngere Bruder glaubt, ein Luftwechsel tut gut, besser noch die Entfernung von Manfreds Frau, einer kontrollsüchtigen Krankenhausangestellten, über die der Erzähler sagt: „Sie war die typische Deutsche, der man alles wegnehmen durfte, nur nicht die schlechte Laune.“

So viel zur Grundkonstellation der schlanken Novelle, die man schnell, aber mit großem Vergnügen herunterliest. Denn Lottmann besticht wie auch schon in seinen anderen Arbeiten mit dem, was der gebürtige Hamburger und Wahl-Wiener am besten kann: Pointiert charakterisieren und scheinbar beiläufig erzählen, dabei aber niemals langweilen. Lottmanns Plauderton ist dabei so hart an der Grenze zwischen heiter und bissig, dass man nie ganz genau wissen kann: Ist das alles nun sehr, sehr harmlos oder doch sehr, sehr böse?

Wer Lottmann, der in seinem vorherigen Roman „Happy End“ seine Literaturkollegen mit Verve lächerlich machte, kennt, ahnt natürlich, dass das vermeintlich Harmlose vergiftet ist. Auch weiß man nie genau, ob es nicht doch Lottmann selbst und sein Bruder sind, von denen da die Rede ist. Privates und Fiktion vermischt der Schriftsteller jedenfalls gerne. In der „taz“ allerdings erklärte Lottmann: „Ich bin der Autor, nicht der Protagonist.“

Im Übrigen reisen die beiden Männer auch nicht allein. Wolfgang überredet noch die schöne Agnes, mitzukommen, auf die er ganz unverhohlen scharf ist. Oder soll sie doch eher das blonde Lebenselixier für den grau gewordenen Bruder sein? Der Protagonist jedenfalls freut sich bald, dass es mit Manfred bergauf zu gehen scheint: „Er ging wie ein Mensch, nicht wie ein Elektromobil.“

Der Leser erfährt schließlich ein wenig über die psychischen Befindlichkeiten des Erzählers, einiges über junge Frauen und alte Männer und sehr viel über Menschen, die das gleiche Blut in sich tragen und doch ganz unterschiedlich ticken. Und am Ende wird Lottmann noch ein bisschen böser als gewohnt. Man sollte als Erwachsener eben keinen Urlaub mehr mit der Familie machen.

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