Fotokünstler Axel Hütte stellt in Frankfurt aus

„Der Urwald ist eigentlich nur Gestrüpp“

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Unter dem Titel „Ferne Blicke“ versammelt das Frankfurter Geldinstitut knapp 30 Landschaftsaufnahmen des Weltreisenden aus seinem Bestand.

Axel Hüttes Fotografien sind unmittelbar eingängig. Wer vor ihnen steht, weiß sofort, dass er etwas Besonderes sieht. Hüttes Bilder sind aber auch sperrig. Denn was an ihnen so besonders ist, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Man muss schon genau schauen, um den Irritationen, mit denen er arbeitet, auf die Schliche zu kommen. „Nicht das Sujet, sondern die Darstellung der Landschaft ist mir wichtig“, sagt der 1951 Geborene. Das klingt einleuchtend, wenn man vor Hüttes Fotos steht. Doch auch diesen Satz muss man erst einmal wirken lassen, um zu begreifen, wie sperrig er ist. Hütte nimmt damit nämlich quasi die Gegenposition zu all jenen Hobbyfotografen ein, die ein Motiv knipsen, um hernach eine schöne Erinnerung daran zu haben.

Hüttes Fotokunst funktioniert umgekehrt. Er will die Bedingungen für Stimmung untersuchen. So zeichnen sich die Toskana-Bilder, die an einer Wand des Ausstellungsraums hängen, dadurch aus, dass eine Hauswand oder ein Turm einen beträchtlichen Teil des Bildvordergrunds einnimmt: hart die Vertikale, hinter oder neben der sich dann die Horizontalen einer sich ins Unendliche weitenden Landschaft auftun. So wird, sagt Axel Hütte, „die Balance zwischen Nähe und Ferne aufgehoben“ – ein Grund für die besondere „Stimmung“ der Bilder.

Hütte ist also, so gegenständlich seine Arbeiten auch sind, ein durchaus künstlicher Stimmungserzeuger – und dafür braucht er vor allem: viel Zeit. Der Schaffensprozess, der schließlich zu einem oder ein paar wenigen Bildern führen mag, beginnt am frühen Morgen, im Halbschlaf, „so gegen fünf“, sagt er, nach dem Ursprung seiner Bilder gefragt. Diese Traumbilder stehen am Anfang von Reisen, die ihn durch die ganze Welt führen. Da es ihm, anders als manchen Fotografen-Kollegen, jedoch nicht um konkrete Objekte geht, um „Tankstellen, Kirchen oder Bibliotheken“, sind seine Touren schwer zu planen.

Sieben Tage sei er auf dem Rio Negro im gemieteten Boot herumgefahren, ohne ein einziges Motiv zu finden, bis ihn schließlich ein Zufall auf bestimmte Lichteffekte aufmerksam werden ließ. Berühmt sind auch seine Urwaldbilder. Doch der Urwald, erzählt er, sei „in Wirklichkeit sowas von sterbenslangweilig – nur Gestrüpp“. So musste er sich auch hier per Boot in sehr entlegene Überschwemmungsgebiete vorwagen, bis er das fand, was er suchte und was seinem inneren Auge entsprach. Wobei er sich zugleich vehement dagegen wehrt, er suche intensiv nach der Bestätigung seiner Vorstellung in der Wirklichkeit – denn das wäre, urteilt Hütte messerscharf, „ja nur Kitsch – das, was man im Fernsehen immer sieht“.

Fünf Tage sei er über einen groß angelegten japanischen Waldfriedhof gegangen, bis er das einzig mögliche Motiv gefunden habe. Zwei Bilder seien dieser Expedition entsprungen – der Aufwand, den der Weltreisende betreibt, ist immens. Auch wenn er Nebellandschaften fotografiert, sei das ein Spiel mit den Erwartungen des Betrachters, den verhüllte Unklarheiten ebenso wie Unschärfen anregten, seine Bilder selber weiterzudenken, sagt Hütte, und erinnert an Caspar David Friedrich, der auf seinen Gemälden ähnlich verfahren sei. Anders als der romantische Maler aber reist Hütte per Helikopter ins Hochgebirge, mit Begleittross, um Proviant und seine 40 Kilogramm schwere Kameraausrüstung zu schleppen. Erst wenn er alle Lichtverhältnisse gründlich studiert und mit kleiner Kamera Skizzen angefertigt hat, kommt diese Ausrüstung schließlich zum Einsatz. Manche Fotografie ist das Ergebnis einer größeren Expedition.

Weniger als 30 Arbeiten sind in der neuen Ausstellung der DZ-Bank zu sehen, das ist knapp ein Drittel des Hütte-Bestandes, und jede von ihnen ist ein Rätsel und ein Spiel. Jede zeigt Landschaften, die vertraut erscheinen, zugleich aber eigentümlich fremdartig sind.

DZ-Bank Kunstsammlung, Art-Foyer, Platz der Republik, Frankfurt. Bis 27. Februar 2016, geöffnet Di–Sa 11 bis 19 Uhr. Eintritt frei. Telefon (069) 7 44 79 91 44. Internet

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