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Spannend und unterhaltsam schreibt T. C. Boyle nicht nur, sondern ist er auch bei Auftritten vor seiner riesigen Fan-Gemeinde.  Foto: Michael Faust

Lesung

US-Schriftsteller T.C. Boyle hält Audienz im ausverkauften Frankfurter Schauspielhaus

Wie war das denn jetzt mit den Drogen? Bestseller-Autor T.C. Boyle spricht vor 700 Zuhörern über seinen neuen Roman „Das Licht“, LSD-Trips, Donald Trump und seinen Mentor John Irving.

Wer sich jemals fragte, was es denn nun in Gottesnamen damit auf sich hat, dass der Schriftsteller T. C. Boyle seit Jahr und Tag als „Rockstar der amerikanischen Literatur“ bezeichnet wird, der bekam am Samstagabend im Frankfurter Schauspiel eine eindrückliche Antwort geliefert. Nicht nur, dass die Tickets der rund 700 Zuschauer fassenden Bühne in Windeseile verkauft waren, allein zur obligatorischen Signierorgie im Anschluss der Lesung kamen gut und gerne noch einmal so viele Menschen zusammen, um sich ihren höchstpersönlichen Bücherstapel vom Meister unterschreiben zu lassen. Solche Szenen erlebt man dieser Tage, um fair zu sein, bei keinem Rockkonzert – eher bei einer Elektromarkteröffnung von YouTube-Influencern. Oder eben, wenn eine Lichtgestalt, ein Ingenium, ein Guru seinen Jüngern einen Besuch abstattet.

In "Das Licht" geht es um Freiheitssuche

Wie passend, dass Boyle seinen neuesten und nach offiziellen Zählungen 17. Roman der schillernden LSD-Galionsfigur Timothy Leary (1920–1996) widmet. Der legendäre Psychologie-Professor wollte mit seinen ihm treu ergebenen Studenten zu Beginn der sechziger Jahre durch Selbstversuche die Wirkung von Psilocybin erforschen, verlor dadurch aber bald schon die Kontrolle über Wissenschaft und Leben.

Der Roman trägt den Titel „Das Licht“ und ist eine vergnügliche, rasante Nachbetrachtung der ersten Hippie-Generation. Von Setting und Sound her erinnert das Buch an Boyles Klassiker „Drop City“ (2003): Ein Haufen Idealisten, deren freiheitliche Lebensentwürfe letztlich wegen Missgunst, Eifersucht und Zwietracht krachend scheitern.

Das Publikum weiß, was es von den Romanen des Autors erwarten kann, und auch, was bei seinen Lesungen abgeht: Boyle, 70 Jahre alt, Bob-Dylan-Frisur, rote Chucks, kariertes Sakko, marschiert mit entschlossenen Schritten auf die Bühne des Schauspiels.

Der angekündigte Moderator Stefan Aust, ehemaliger Spiegel-Chef und derzeitiger Herausgeber der Tageszeitung „Welt“, lässt sich entschuldigen, weil: Recherchereise. Aber schöne Grüße. Stattdessen übernimmt Journalist und Boyle-Intimus Martin Scholz allein die Moderation. Die beiden kennen sich lange, ein eingespieltes Team, und dennoch gibt es zunächst ein paar warme Worte: „Die Leute in Los Angeles, Chicago, New York schätzen dich“, sagt Scholz. „Aber in Deutschland lieben sie dich!“ „Und ich liebe sie auch“, sagt Boyle. Applaus, Applaus.

T.C. Boyle hat an Drogen „alles ausprobiert“

Jetzt aber los: Boyle berichtet über eigene Drogenerfahrungen, die er als junger Mann unter anderem beim legendären Woodstock-Festival (1969) gesammelt hat. „Ich habe damals alles ausprobiert“, sagt er. Für seinen neuesten Roman habe er daher keine neuen LSD-Selbstversuche unternommen, sondern lediglich Erinnerungen hervorkramen müssen.

Dass er keinen Junkie-Tod habe sterben müssen, das verdanke er einzig der Literatur. „Angenommen, man würde mir das Schreiben verbieten, würde ich sofort wieder Drogen nehmen“, sagt er später. Und dass aktuell in Amerika eine regelrechte Drogen-Epidemie herrsche, das könne er angesichts des aktuellen Zustands des Landes durchaus nachvollziehen: „Wenn Sie keine Perspektive, keine Chancen haben, was bleibt Ihnen dann schon?“ Die USA werde von einem Präsidenten regiert, der nach seiner Amtszeit möglicherweise im Gefängnis sitze. „Ich glaube an Bildung, Frauenrechte, die Umwelt“, sagt Boyle. Werte, für die Donald Trump nicht steht.

Scholz versucht, Boyles Poetik einzufangen: Wie schreibt er, wann schreibt er, und was hat er eigentlich von seinem einstigen Uni-Dozenten und Mentor John Irving lernen können? „Das Wichtigste war, dass man mir zuhörte und sagte: ,Mach weiter!‘ Mehr habe ich nicht gebraucht“, gibt Boyle zu. Er gehe täglich tief in die kalifornischen Wälder hinein, mutterseelenallein, und er schreibe im immer gleichen Zeitfenster. Disziplin und Struktur – Thomas Mann lässt grüßen. Nach eineinhalb Stunden und einer fantastischen Lesung des Schauspielers Christoph Pütthoff ist das Publikum glücklich und beseelt. Doch an Feierabend ist für Boyle vorerst nicht zu denken: Am Signiertisch scharren Hunderte mit den Hufen.

Von CHRISTIAN PREUSSER

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