Ausstellung

Das verborgene Ich kommt ans Licht

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Das Jahr ihres 25. Geburtstags begeht die Foto-Sammlung der DZ-Bank mit einer Ausstellung über „Fotografie und Psychologie“.

Wer schon einmal in Amerika war, weiß, was es heißt, am Immigration Desk kritisch beäugt zu werden, ahnt aber meist nicht, wonach da kritisch gefahndet wird. Gegebenenfalls nämlich nach „Mikroemotionen“, menschlichen Grundgefühlen, die anzeigen könnten, ob einer, der dem Officer antwortet, die Wahrheit sagt oder lügt. Nach solchen Mustern zu forschen ist seit dem späten 19. Jahrhundert ein Bestreben der sich entwickelnden psychologischen Wissenschaft.

Zwei Vitrinen in der DZ-Bank-Ausstellungshalle am Platz der Republik geben Zeugnis von diversen Bemühungen der Wissenschaftler, Gefühle zu kartografieren und somit entschlüsselbar zu machen. Das betrifft unbescholtene Bürger wie Verbrecher, Gesunde wie Kranke. Auf welche Weise werden charakterliche Eigenschaften sichtbar, wie lässt sich weibliche Hysterie erkennen? Bildfolgen in historischen Zeitschriften zeigen, wie wichtig das Foto als Medium für die Psychologie immer schon war. Denn die war ja eine Wissenschaft, die versuchte, das oft Versteckte zu erkennen, und Fotografien deswegen eine höchst gewünschte, wenngleich auch problematische Möglichkeit, die verborgenen Dinge ans Licht zu bringen.

Als solche hat die wissenschaftliche Forschung viel gemein mit der Kunst, sagen die beiden Kuratoren dieser Ausstellung, der Wissenschaftspsychologe David Keller aus Lübeck und Steffen Siegel, Professor für Geschichte und Theorie der Fotografie an der Folkwang-Universität der Künste in Essen. Denn auch die Kunst will sichtbar machen, und sucht dafür den Zugang zur Psyche.

Die Werke, die die beiden aus der Sammlung der DZ-Bank für ihre Ausstellung gewählt haben, beschäftigen sich mit der Psychologie auf ganz unterschiedliche Weise. Da wäre zunächst Robert Longo, der Fotografien von Sigmund Freuds Wiener Behandlungsräumen, die kurz nach seiner dramatischen Flucht ins Exil entstanden, mit Kohlestift nachzeichnete und diese dann abfotografierte: dunkle Werke mit starken Schwarz-Weiß-Kontrasten, die auf hypnotische Weise mit dem Gegensatz von Sichtbarkeit und Unsichtbarem sowie der

Magie des Ortes

spielen.

Der manifeste Bezug auf die Psychologie weicht in den Werken auf der gegenüberliegenden Seite der Ausstellungshalle einem intuitiven Umgang mit psychologischen Wirkmechanismen: Der Amerikaner Gregory Crewdson, schon in zahlreichen vorherigen Ausstellungen zu sehen, inszeniert bis ins Detail perfekt ausgeleuchtete Szenen, die den Betrachter sich gruseln lassen, obwohl meist nicht klar ist, was genau sich abspielt: ein Auto, quer auf der Straße, der Kofferraum weit geöffnet und in hellem Licht, ein amerikanisches Vorort-Idyll mit spukhaften Horror-Elementen.

Immer steht dahinter die Fragen: Wie deuten wir, was wir sehen? Sowie: Wie setzen wir uns unser Bild vom Menschen zusammen? Vom Konzeptkünstler Hans-Peter Feldmann sind „Alle Kleider einer Frau“ zu sehen: 70 ordentlich gereihte Polaroid-Aufnahmen. Wer ist die Frau, die diese Blusen, Röcke, Schuhe trägt? Diese Frage drängt sich geradezu auf, und doch findet der Betrachter kaum eine Antwort – obwohl wir von Kleidung annehmen, dass sie viel über den Träger oder die Trägerin sagt.

Der 1936 geborene Walter Schels, der lange Zeit auch als Werbefotograf arbeitete, hat künstlerisch reüssiert mit großformatigen Frontalfotografien von Tieren. Eine Gans, ein Dobermann und ein Schaf blicken dem Betrachter an der Stirnseite des Raums ins Auge. Was geschieht hier mit unseren Annahmen über menschliches Verhalten, wie sehr deuten wir in Tiere Menschliches nur hinein? Für Schels selber steht dies außer Frage: „Tiere sind wie Menschen“, sagt er, und: „Alles, was lebt, will geliebt werden.“

Annegret Soltau wiederum geht in ihren Fotografie-Bearbeitungen mit sich selber ins psychologische Gericht: Schaffe ich es trotzdem, Künstlerin zu bleiben? Diese Frage trieb sie um, als sie in den späten 70er Jahren zum ersten Mal schwanger war – eine dämonische Furcht, auch genährt von überkommenen Stereotypien, dass eine Frau nicht gleichzeitig Künstlerin und Mutter sein könne, wie sie selber bekennt. Immer stärker spinnt sie sich in ihrem melancholischen Selbstporträt in einen Kokon hinein, bis nichts mehr von ihr sichtbar bleibt.

„Inside Out“ ist der Obertitel dieser Schau. Prägnant bringt er ein Menschheitsrätsel auf den Punkt und ein Grundproblem der Fotografie: Wir wissen nicht, was in uns ist, und wollen es doch zeigen.

DZ-Bank-Kunstsammlung

Platz der Republik, Frankfurt. Bis

12. Mai. Geöffnet Di–Sa 11 bis 19 Uhr, Do bis 20 Uhr. Eintritt frei.

Telefon (069) 7 44 79 91 44. Internet

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